Rechtsdrall unter Ökonomen »Diese Leute werden Sie auffressen«

Wirtschaftsprofessoren machten die AfD groß, nun schwingt sich der Finanzwissenschaftler Stefan Homburg zum »Querdenker«-Wortführer auf. Ökonom Karl-Heinz Paqué erklärt den Drall seiner Zunft zum Populismus.
Ein Interview von Benjamin Bidder
Stühle vor einem Bundesparteitag der AfD (Archiv)

Stühle vor einem Bundesparteitag der AfD (Archiv)

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Ökonomen haben die AfD gegründet und ihr den ersten Erfolg beschert, 2014 mit dem Einzug in das Europaparlament, lange vor Beginn der Flüchtlingsdebatte. Auch heute steht an der Spitze der AfD mit Jörg Meuthen ein habilitierter Ökonom. In der Corona-Pandemie wiederum hat sich der VWL-Professor Stefan Homburg zu einem Wortführer der »Querdenken«-Bewegung aufgeschwungen.

Roland Tichy, einflussreicher Wirtschaftsjournalist und lange Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung, reitet mit seinem Webportal »Tichys Einblick« sehr erfolgreich auf der rechtspopulistischen Welle. Lässt sich das noch mit dem Abdriften Einzelner erklären – oder gibt es doch eine strukturelle Anfälligkeit einer Disziplin, vielleicht sogar des Liberalismus?

Karl-Heinz Paqué, 64, kennt das schwierige Spannungsverhältnis zwischen praktischer Politik und wissenschaftlicher Theorie: Er war für die FDP Finanzminister in Sachsen-Anhalt, und er ist Professor für Internationale Wirtschaft an der Universität Magdeburg. Paqué ist zudem Vorsitzender der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung.

SPIEGEL: Herr Paqué, haben die Volkswirtschaftslehre und der Liberalismus einen Rechtsdrall?

Liberaler, Ökonom, Politiker: Karl-Heinz Paqué

Liberaler, Ökonom, Politiker: Karl-Heinz Paqué

Foto: Frank Rumpenhorst / DPA

Paqué: Nein! Aber die Idee, die sehr weit wegführen kann vom Staat, ist die Idee des Marktes. Wer leidenschaftlicher Marktwirtschaftler ist, der hat eine natürliche Skepsis gegenüber dem Staat. Der Staat steht da immer in der Pflicht. Er muss belegen, dass er für die eine oder andere Aufgabe tatsächlich nötig ist: Wie viele Steuern darf er erheben? Wofür darf er sie erheben? Diese Staatsskepsis ist – völlig zu Recht – ein Leitmotiv des Liberalismus. Das kann verführte Geister dazu bringen, den Staat systematisch ideologisch zu verteufeln. Das sieht man bei den amerikanischen Libertären. Trotzdem ist es falsch, dem Liberalismus eine Nähe zu rechtem Gedankengut nachzusagen.

SPIEGEL: Ist das nicht eine intellektuelle Spitzfindigkeit?

Paqué: Gegenfrage: Was ist rechts? Rechts sind Faschismus und Nationalsozialismus. Beides hat mit Liberalismus nichts zu tun. Selbst bei einem Libertären ist die intellektuelle Schnittmenge mit den Rechten eigentlich gering. Die »Sünde« des Libertären ist, dass er im Herzen Anarchist ist. Er will, dass der Staat gar nichts tut. Der Staat im Faschismus und Nationalsozialismus hingegen hat eine starke Rolle. Beides waren und sind immer Bewegungen gegen die liberale Demokratie.

SPIEGEL: Machen Sie es sich mit der Verteidigung des Liberalismus da nicht zu leicht? In den USA haben viele Libertäre erst die populistische Tea-Party-Bewegung stark gemacht und dann den Trumpismus.

Paqué: Wie gesagt: Die Libertären sind in gewisser Weise naive Theoretiker. Sie glauben, es ginge ohne das Gewaltmonopol des Staates. Sie haben das Prinzip des Ordoliberalismus nicht begriffen …

SPIEGEL: … in dem es der Staat ist, der den Rahmen setzt für Wettbewerb und freien Markt. Viele in der AfD führen sich heute aber so auf, als wären sie die wahren Erben von Ordoliberalen wie Ludwig Erhard.

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