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UNTERNEHMER Karriere dank Komsomol

Im Mutterland des Kommunismus entwickelt sich ein fast ungezügelter Kapitalismus. Wladimir Potanin gilt laut Forbes-Liste als reichster Russe.
aus DER SPIEGEL 33/1998

Bei Wladimir Olegowitsch Potanin muß es stilvoll zugehen, auch wenn er sonntags Fußball spielt. Uniformierte Kellner mit schwarzer Fliege reichen dem Hobbyfußballer in den Spielpausen Erfrischungsgetränke: Mineralwasser mit oder ohne Kohlensäure, auf Wunsch eisgekühlt.

Will Potanin sich bei anderen Sportarten erholen, hat er die Auswahl: In seiner eigenen Sport- und Ferienanlage vor den Toren Moskaus gibt es neben dem Swimmingpool, Tennisplätzen und Basketballfeldern auch einen Abfahrtshügel mit eigenem Lift für das winterliche Skivergnügen.

Das sind so die kleinen Annehmlichkeiten für Potanin, der als reichster Mann Rußlands gilt. Über sein Vermögen allerdings redet der Geschäftsmann nicht so gern, auch wenn er sich nach dem Sport bei Tee mit Zitrone in der eigenen Bar Golubaja Wolna entspannt. Wie soll er stolz von seinem Vermögen berichten, wenn Rußland sich in einer so schweren Krise befindet?

Das amerikanische Magazin »Forbes« stuft Potanin unter die zehn klügsten Geschäftsleute der Welt ein und schätzt sein Vermögen auf 1,6 Milliarden Dollar. Nicht schlecht für einen, der gerade 37 Jahre alt ist. So eine Karriere ist derzeit wohl nur im Zentrum des Kapitalismus, in den USA, oder im Mutterland des Kommunismus, in Rußland, möglich.

Rußlands Gründerzeit der späten achtziger und frühen neunziger Jahre brachte zwei Sorten von Handelsleuten hervor: den Aufsteiger, der Waren billig im Ausland kauft und auf heimischen Schwarzmärkten teuer losschlägt. Das war Potanins Sache nicht. Er gehört zur zweiten Art: Menschen, die ihre Beziehungen gewinnbringend nutzen.

Inzwischen besitzt Potanin ein kleines Wirtschaftsreich mit einer eigenen Bank, Beteiligungen an Konzernen, die für vier Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts sorgen, und Zeitungen wie der »Iswestija«.

Für den Start in die Marktwirtschaft hatte Potanin beste Voraussetzungen. Sein Vater, sowjetischer Außenhandelsvertreter, nahm ihn schon als Sechsjährigen mit ins westliche Ausland. Vier Jahre später sprach Jung-Wladimir ein passables Englisch, lauschte dem BBC-Weltdienst und machte Bekanntschaft mit Diplomaten- und Unternehmerkindern: »Die Welt endete für mich nicht mehr am Stacheldraht der UdSSR.«

Potanin ließ sich an der Moskauer Kaderuniversität für zukünftige Diplomaten und Regierungsbeamte zum Wirtschaftsingenieur ausbilden und trat karrierebewußt dem Komsomol bei, der kommunistischen Jugendorganisation. Für viele Jugendliche war das nur lästige Pflicht, doch einige Frühreife nutzten ihre Chance. »Die Partei-Schule war die einzige Möglichkeit«, erinnert sich Potanin, »relativ jung in leitende Funktionen zu gelangen.« Sie war so etwas wie eine begleitende Managerausbildung, glaubt er: »Eine Komsomolsitzung unterscheidet sich doch kaum von einer Aktionärssitzung.«

Nach dem Studium arbeitete der 22jährige Potanin in einer Abteilung des Außenhandelsministeriums: Erfahrungen an der Nahtstelle zwischen Ex- und Import, riet sein Vater, würden beim nahenden Zusammenbruch des staatlichen Außenhandelsmonopols bald Millionen wert sein - Dollar, nicht Rubel.

Um Rohstoffe, die im Lande zu niedrigsten Staatspreisen zu haben waren, teuer hinter der Grenze absetzen zu können, bedurfte es allseitiger Kontakte und amtlicher Lizenzen. Und die hatte der junge Potanin emsig gesammelt.

Noch zu Sowjet-Zeiten unter Gorbatschow verließ er den Staatsdienst und machte sich mit einigen Kollegen selbständig. Er betreute die Außenhandelsgeschäfte kleiner Firmen. Zwei Jahre später verwaltete er die Internationale Finanzgesellschaft (MFK) und übernahm gleich darauf Kundschaft samt 300 Millionen Dollar Vermögen der sich auflösenden RGW-Bank, des Kreditinstituts der sozialistischen Bruderländer Ost- und Mitteleuropas.

Alles lief nach seinem privaten Plan. Innerhalb weniger Monate zählten zu seinen Kunden mehrere Ölfirmen und Industrieunternehmen. Dafür genügte die MFK nicht mehr, Potanin brauchte eine Bank. Mit dem Sportsfreund Michail Prochorow als Kompagnon gründete er die Onexim, die Vereinte Ex- und Importbank.

Die Bank verwaltete fortan die Konten und Kredite für fast jede vierte der 89 Regionen Rußlands, für finanzkräftige Staatsunternehmen wie den Waffenexporteur Roswooruschenije und wichtige Ministerien, bis vor kurzem auch das Zollkomitee.

Ohne staatlichen Schutz und Unterstützung, behaupten Potanin-Kritiker, sei dieser Sprung nach oben niemals möglich gewesen. Das Glückskind sei, so ihr Vorwurf, einfach nur einer der wenigen Verwalter des riesigen Parteivermögens der ehemaligen KPdSU.

Erreichen Potanin solche Vorwürfe in seinem schwerbewachten Hauptquartier im Zentrum Moskaus - 14 Privatpolizisten beschützen ihn rund um die Uhr -, kann er sich richtig aufregen. »Unsinn«, wehrt der Finanzmogul die Anschuldigungen ab. »Ich schulde niemandem etwas.«

Seine guten Beziehungen aber führt der ehemalige stellvertretende Regierungschef gern vor. Zu seiner linken Hand stehen sechs Telefone aufgereiht, die ihn per Knopfdruck mit Kreml und Weißem Haus verbinden. Eine Sekretärin gemahnt eindrucksvoll an einen Termin mit Premier Sergej Kirijenko. Der ist fast genauso alt wie Potanin und auch Komsomol-Zögling. Lässig, um Routine vorzuführen, macht der Moneymaker sich mit seinem 750er BMW auf den Weg: »Ich berate die Regierung gern.«

Auf seine Anregung soll ein Gremium von erfahrenen Privatunternehmern den unterbezahlten Regierungsbeamten ihr Wissen zur Verfügung stellen. Potanin: »Sonst kommen wir ja nie vom Fleck.«

Da berührt es ihn unangenehm, wenn Boris Jelzin droht, er werde Köpfe rollen lassen, falls die Finanzelite nicht patriotisch genug handele. »Der Präsident muß sich beim Umgang mit uns und der Gesellschaft einfach einen anderen Tonfall angewöhnen«, rügt der Reiche den Herrn des Kremls.

Potanin selbst beherrscht ziemlich jeden Tonfall, auch den seriösen und den optimistischen, mit dem er Investoren überzeugen kann. Im teuren Moskauer Hotel Baltschug-Kempinski stellt er in makellosem Englisch etwa hundert Investoren sein frisch gezimmertes Imperium vor: Interros.

Der Wert der Holding-Gesellschaft wird auf zwölf Milliarden Dollar geschätzt. Sie vereint die Juwelen der russischen Wirtschaft. 400 000 Interros-Angestellte sorgen für sieben Prozent des gesamten russischen Exports.

Neben der Onexim-Bank, einer der größten Privatbanken Rußlands, gehören dazu: Norilsk-Nickel, die für ein Fünftel der Welt-Nickelförderung sorgen (Potanin-Anteil: 55,74 Prozent), Sidanko, einer der 20 größten Erdölproduzenten der Welt (Potanin hält die Aktienmehrheit), und Perm-Motors, die Turbinenschmiede für die Iljuschin- und Tupolew-Flugzeugwerke.

Diese im Lande einzigartige Ansammlung von Unternehmen verdankt Potanin seiner in Rußland bis heute sehr umstrittenen Idee: Dem damaligen Privatisierungschef Anatolij Tschubais hatte der Geschäftsmann 1995 empfohlen, Staatsbetriebe gegen Pfandhinterlegung zu versteigern. Damit er seinen Haushaltsverpflichtungen nachkommen könne, werde der Staat Kredite von Privatunternehmen erhalten, die im Gegenzug Aktien großer Staatsunternehmen empfangen, lautete Potanins Modell. Der damalige Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin, selbst einst Chef des größten Staatskonzerns Gasprom, willigte ein.

Ob so ein Verfahren denn gerecht gewesen sei? Da weicht Potanin lieber aus und stellt die Gegenfrage: »Ging es denn unter den Kommunisten gerecht zu, als Millionen Menschen in ihrer Arbeitszeit entweder nichts getan oder etwas hergestellt haben, was niemand kaufen wollte?«

Nicht immer verlaufen seine Unternehmungen reibungslos. Als er voriges Jahr zusammen mit US-Finanzjongleur George Soros sowie den Investmentbanken Deutsche Morgan Grenfell und Morgan Stanley für 1,875 Milliarden Dollar 25 Prozent von Swjasinwest, der größten russischen Telefongesellschaft, an sich brachte, beschuldigten ihn seine Konkurrenten in den Medien, einen geheimen Handel mit der Regierung abgeschlossen zu haben.

Von Bestechung war die Rede, die Staatsanwaltschaft untersucht den Fall. Jelzin ließ vier hochstehende Beamte feuern, darunter Alfred Koch, den für den Swjasinwest-Verkauf verantwortlichen obersten Privatisierer.

Potanin schiebt alle Vorwürfe beiseite. Er gibt zu, die Telefonanteile »preisgünstig« erworben zu haben, wendet aber ein: »Westliche Unternehmen waren einfach nicht bereit, russische Risiken zu übernehmen.« Auch der neue Riese Interros werde an Auktionen teilnehmen, denn »es sind noch längst nicht alle Claims abgesteckt«.

Um sich der Pressekampagnen künftig zu erwehren, übernahm Potanin kurzerhand mehrere Zeitungen: Die seriöse »Iswestija« hat er zusammen mit dem Lukoil-Konzern voriges Jahr gekauft, die auflagenstarke »Komsomolskaja Prawda« gleich dazu, das Wirtschaftsblatt »Russkij Telegraf« legt er neu auf.

Seinem Image förderlich sind auch zwei weitere Aktivitäten. Potanin unterstützt eine Wachsfabrik der rechtgläubigen Kirche, damit die Gläubigen weiterhin für wenige Kopeken Kerzen kaufen können. Und der Fußballabteilung des Armeeclubs ZSKA will der Unternehmer neue Spieler kaufen, damit es mit dem russischen Fußball endlich bergauf geht.

Potanin ist selbst als Hobbyfußballer überaus erfolgreich - als Spielmacher, Mannschaftskapitän und Torschütze des Teams seiner Onexim-Bank. Und einer seiner Mitspieler prahlt: »Wo das Onexim-Team auch antritt, wir gewinnen immer.«

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