Karstadt-Protest Wie die Arcandor-Chefs das Demonstrieren lernen

Ungewöhnlicher Schulterschluss: 7000 Karstadt-Mitarbeiter fordern Staatshilfen für ihren Konzern - an ihrer Seite auch die Topmanager des Unternehmens. Das zeigt: Die Krise verändert auch die Protestkultur.

Von Torben Waleczek


Berlin - Besonders weit hat es CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg diesmal nicht bis zur Krise. Direkt vor seiner Berliner Behörde protestieren rund 7000 Karstadt-Mitarbeiter. Sie sind einem Aufruf der Gewerkschaft Ver.di gefolgt, fordern eine Staatsbürgschaft für den angeschlagenen Arcandor-Konzern. Neben Karstadt gehören dazu auch der Touristikanbieter Thomas Cook und der Versandhändler Primondo. "Ohne Karstadt stirbt die Innenstadt", steht auf den Plakaten der Demonstranten, und "Wir sind ein Stück Deutschland."

Arcandor-Beschäftigte beim Demonstrieren: Schulterschluss mit dem Management
REUTERS

Arcandor-Beschäftigte beim Demonstrieren: Schulterschluss mit dem Management

Dann betritt der Minister die Rednerbühne, für viele überraschend. Hatte es doch geheißen, Guttenberg sei den ganzen Tag mit den Opel-Verhandlungen beschäftigt. Doch auch hier geht es um ein Unternehmen, das Sicherheit will vom Staat - 650 Millionen Euro Bürgschaft, 200 Millionen Kredit von der staatlichen KfW-Bank. Guttenberg wirft sich in Denkerpose, legt die Hand an sein Kinn. Er sagt, was er in solchen Situationen derzeit immer sagt: Man dürfe keine Vorfestlegungen treffen und das Thema nicht zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. "Aber wir werden den Bürgschaftsantrag schnell und gewissenhaft prüfen."

Deplaziert wirkende Anzugträger

Dem Minister aber hören nicht nur die verunsicherten Karstadt-Beschäftigten zu, die zaghaft anfangen zu applaudieren. Am Rand der Rednerbühne drücken sich auch ein paar deplaziert wirkende Anzugträger herum - einer von ihnen ist der Karstadt-Chef Stefan Herzberg höchstselbst.

Denn tatsächlich zeigt diese Demonstration einmal mehr, wie dramatisch die Krise auch die Protestkultur in Deutschland verändert hat: So sind es längst nicht mehr die Arbeitnehmer, die auf die Straße gehen, das Management selbst schlüpft plötzlich in die Rolle des Bittstellers auf der Straße, an der Seite von Mitarbeitern und Gewerkschaftern. Das war bei Schaeffler in Nürnberg so, jetzt ist Arcandor Chart zeigen dran.

"Das ist meine erste Demonstration", sagt Herzberg denn auch, als er schließlich auf der Bühne steht. Doch das trägt ihm erste Buhrufe ein - denn viele der Demonstranten sind überzeugt, dass Managementfehler mitverantwortlich sind für die Schieflage des Konzerns.

Doch Herzberg spricht nicht von Managementfehlern, sondern von der Krise. Von der Kreditklemme am Kapitalmarkt, die schuld sei an den Problemen bei Arcandor. Er beschwört die soziale Marktwirtschaft, den Zusammenhalt zwischen Management und Belegschaft. Am Ende kokettiert er gar mit seiner Rolle als Bittsteller: "Wenn ich in den letzten Tagen als Bettler bezeichnet wurde, dann ist das für mich angesichts der aktuellen Lage ein Ehrentitel."

Guttenberg wird zum "Abwrackminister"

Und noch etwas zeigt die Krise: Es sind nicht nur die Manager, die sich plötzlich in einer ungewohnten Rolle wiederfinden. Auch für die Politik scheint der Wahlkampf endgültig begonnen zu haben - was der Auftritt von SPD-Vizechefin Andrea Nahles zeigt, die sich direkt nach Wirtschaftsminister Guttenberg auf die Bühne geschwungen hat. Und dort so tut, als sei hätte es nie eine Große Koalition gegeben. Lautstark feuert sie ihre Solidaritätsadressen ins Publikum. "Eure Arbeitsplätze sind genauso wichtig wie die in der Industrie", ruft sie mit heiserer Stimme. Jetzt müsse Druck gemacht werden - auch gegen den Wirtschaftsminister von der CSU.

Dann der eigentliche Seitenhieb gegen Guttenberg, der inzwischen in seinem Amtsgebäude verschwunden ist: "Sind Sie ein Wirtschaftsminister oder ein Abwrackminister?", fragt Nahles. Das böse Wort "Abwrackminister" hatte die SPD-Frau kurz vorher schon einmal verwendet, auch gegen Guttenberg, da ging es um Opel.

Jetzt also Karstadt. Bleibt abzuwarten, was als nächstes kommt.



insgesamt 439 Beiträge
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Seite 1
Askan 20.04.2009
1.
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
Es hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
Senfkorn, 20.04.2009
2.
Zitat von AskanEs hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
Also ich sehe in den Städten, nachdem die Kaufhäuser ausgestorben sind, nur noch Modeläden für junge Frauen, Schuhläden und Handyläden. Vielleicht ein oder zwei Schreibwarengeschäfte und die obligatorische Buchhändlerkette Thalia. Braucht man Haushaltswaren oder Kleidung für Leute über 40, die nicht mehr im junge Leute Look rumlaufen wollen, kann man lange suchen. Kein Wunder dass alle zum Discounter rennen wenn der Haushaltswaren im Angebot hat, es gibt ja sonst nirgends mehr etwas.
ArbeitsloserMathematiker 20.04.2009
3. Nostalige
Karstadt war für mich immer so etwas wie ein "Konsumanker". Außerdem versinnbildlicht Karstadt mit seinem "80er-Jahre Charme" auch die gute alte (Schmidt)-Kohlsche-BRD. Und ja: Ich fand West-Berlin mit Mauer wesentlich interessanter als heute.
Geziefer 20.04.2009
4. Von den Quelle-Shops ist keine Rede
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
In dem Gejammer um den Abgang der Luxus-Kaufhallen, deren Waren für Kleinverdiener unerschwinglich sind, geht offenbar völlig unter, dass ca. 1.500 Quelle-Shops dicht gemacht werden sollen. Wer diese kleinen Lädchen auf dem Lande kennt, weiß, dass man dort in den Katalog schauen und gleich bestellen konnte, ein paar Tage später kam die Ware, vom Bügeleisen bis zur Waschmaschine, bezahlt werden konnten die Raten bar im Quelle-Shop. Zugleich ein dörflicher oder kleinstädtischer Treffpunkt zum miteinander reden, werden hunderte von Frauen, die auf das Einkommen aus den Quelle-Lädchen angewiesen sind, ihren Job verlieren. Offenbar kein öffentliches Thema. Stattdessen wird darüber gejammert, dass die "arme" Oberschicht ihren Kaviar nicht mehr im KDW einkaufen könnte.
...ergo sum, 20.04.2009
5. na, da treten mir aber die Tränen in die Augen ....
Anscheinend haben zuviele dieser Kaufhäuser gedacht, sie könnten den Kundenzulauf ausschließlich über den Preis regeln. Das Problem allerdings ist /war z.B. für mich und viele Andere, das sogar dort minderwertige Ware zu einem lächerlich hohen Preis angeboten wurde, - also im Preis /Leistungsverhältnis. Jämmerliche Stoffzusammensetzungen, idiotische Farben /Farbzusammenstellungen, verblödete Schnitte, hundsmiserable Verarbeitung von Nähten, Schließleisten ect. und, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in völlig unübersichtlichen und nicht nachvollziehbaren "Raum"- = Warenaufteilungen (klar, renne mir die Hacken ab mehrmals quer durch´s halbe Kaufhaus um anstelle einer Jacke dann doch einen Blazer zu suchen, zudem fast nie zu sichtende Angestellte, die (hat man sie dann doch mal erwischt und sich geklammert) nicht nur einen völlig dämlichen Gesichtsausdruck haben, sondern entsprechend diesem auch antworten. Ganz ehrlich, - was soll ich mir die Zeit für DIESE Angebote an Waren UND ohne versierte Mitarbeiter an´s Bein binden, wenn ich es gemütlich, mit Café und Keksen am eigenen Monitor haben kann ? Nach Hause zu schleppen brauch´ich es dann ebenfalls nicht. Die Kaufhäuser haben, anstatt zu versuchen die potentiellen Käufer mit besonderem Service (z.B. anpassende Näharbeiten ect.) an sich zu locken und zu binden, feste geglaubt das es weiterhin ausreicht in großén Flächen irgendwelche Ständer aufzustellen, Kleidung dranzupappen und abzuwarten. Man könnte dazu noch vieles an begangenen Fehlern und verpaßten Chancen und Möglichkeiten aufzählen, allerdings interessieren sich die verantwortlichen Herrschaften nicht dafür. Na gut, dann eben Insolvenz. Wenn es so einfacher und besser ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden die Bosse sich mit ihren Finanzen jetzt einen geruhsamen Lebensabend vielleicht in der Karibik oder auf der Jacht gönnen. Blöd nur, daß die Mitarbeiter dafür auf das Arbeitsamt und die Steuergelder zurollen, - nicht konfortabel, selbstredend.
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