Kassenversicherte Patienten zweiter Klasse

Stichproben des Mitteldeutschen Rundfunks haben gezeigt: Wer als Kassenpatient zum Arzt muss, hat schon verloren. Gegenüber Privatversicherten mussten die Tester bis zu vier Monate länger auf Termine warten - auf eine Darmkrebsuntersuchung sollte eine Testpatientin gar 81 Tage warten. "Eine Pflichtverletzung", sagt die AOK.

Frankfurt am Main - "Schlechter Stil" von Ärzten nennt die AOK die langen Wartezeiten von Kassenpatienten auf einen Behandlungstermin. Man werde die Untersuchung des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) über die Terminvergabe an Kassenpatienten aus- und bewerten, sagte Sprecherin Barbara Marnach. "Bei uns sind solche Beschwerden noch nicht angekommen." Wenn Anlass zur Annahme bestehe, dass die Patienten nicht das bekämen, worauf sie Anspruch hätten, werde die AOK handeln.

Der MDR hatte in bundesweiten Stichproben bei 30 niedergelassenen Ärzten und Kliniken herausgefunden, dass Kassenpatienten auch bei ernsthaften Symptomen in der Regel länger auf einen Untersuchungstermin in Arztpraxen und Kliniken warten müssen als Privatversicherte - und das um bis zu vier Monate.

Von den angefragten Medizinern machten lediglich acht bei der Terminvergabe keine Unterschiede zwischen den Krankenversicherungen. Bei drei Praxen beziehungsweise Kliniken bekam die Kassenpatientin wegen angeblicher Überlastung überhaupt keinen Termin, während die Privatpatientin schon in der darauf folgenden Woche zur Untersuchung hätte kommen können.

In einem Fall sollte eine kassenversicherte Patientin 81 Tage auf einen Termin für eine Darmspiegelung warten, während die privat versicherte Patientin bereits fünf Tage später untersucht werden sollte. In beiden Fällen hatten die Tester bei der Terminnachfrage das gleiche Krankheitsbild vorgegeben: Blut im Stuhl, was im schlimmsten Fall Darmkrebs bedeuten könnte.

Eine ähnlich lange Wartezeit hätte die Kassenpatientin auch in einer Universitätsklinik hinnehmen müssen. Erst 61 Tage später hatte die Augenambulanz einen Untersuchungstermin für sie frei. Die Privatpatientin, die ebenso über eine chronische Augenentzündung geklagt hatte, sollte dagegen schon sechs Tage später zur Untersuchung kommen.

AOK-Sprecherin Marnach sagte, bei akuten Beschwerden hätten Kassenpatienten Anrecht auf umgehende Diagnose und Behandlung. Beispielsweise wäre das Hinauszögern einer Untersuchung wegen Bluts im Stuhl "ganz klar eine Pflichtverletzung". Auf eine Vorzugsbehandlung von Privatpatienten hätten die Kassen allerdings keinen Einfluss. Der Arzt könne für sie sogar ein eigenes Warte- und Sprechzimmer einrichten.

Marnach betonte, dass die Ärzte von den Kassenversicherten lebten, die über 90 Prozent der Patienten ausmachten. Mit Ausnahme von Kleinstpraxen könne eine Arztpraxis ohne Kassenpatienten wirtschaftlich nicht bestehen. Mit dem Geld von den Kassen würden Praxisräume und Ausstattung finanziert. Die Privatversicherten mit einem Anteil von unter zehn Prozent bedeuteten nur ein Sahnehäubchen.

In Einzelfällen, so die Erfahrung der MDR-Tester, sollte der Kassenpatient genügend Bargeld bei sich haben, wenn er dringend einen Arzttermin braucht. In einer Praxis wurde der Kassenpatientin, die sich auf den Verdacht von Multiple Sklerose hin untersuchen lassen wollte, erst gegen Zahlung von 100 Euro ein deutlich früherer Termin angeboten worden - ohne Schmiergeld wollte der Arzt sie erst im Dezember behandeln.