"Katrina"-Folgen US-Bank warnt vor globaler Energiekrise

Die ökonomischen Folgen von Hurrikan "Katrina" könnten globale Dimensionen annehmen. Die US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs sieht eine weltweite Energiekrise heraufdämmern.


US-Raffinerie (in Alabama): "Problem für die gesamten Weltmärkte"
REUTERS

US-Raffinerie (in Alabama): "Problem für die gesamten Weltmärkte"

Frankfurt am Main/Singapur - "Anders als andere Naturkatastrophen hat der Hurrikan die Ölproduktion und Raffinerien in den USA empfindlich getroffen", sagte Goldman-Sachs-Chef Hank Paulson dem "Handelsblatt". "Wenn die Förderplattformen, Pipelines und Raffinerien nicht schnell repariert werden, könnten die Versorgungsengpässe zu einem Problem für die gesamten Weltmärkte werden", fügte er hinzu.

Der Hurrikan "Katrina" hatte vergangene Woche die amerikanische Südküste am Golf von Mexiko verwüstet. Die Region gilt als wichtigstes Gas- und Ölfördergebiet der USA. Zudem stehen dort mehrere Großraffinerien. Der Sturm hat die Petroindustrie weitgehend lahmgelegt. Öl- und Benzinpreise kletterten auf Rekordstände.

Investmentbanker Paulson warnte vor den Auswirkungen des Hurrikans auf die gesamte Konjunktur: "Ab einem bestimmten Punkt werden steigende Energiepreise zur Belastung für die Weltwirtschaft." Kurzfristig werde die ökonomische Aktivität durch die von "Katrina" ausgelösten "volkswirtschaftlichen Verwerfungen" auf jeden Fall leiden.

Auch der Chef der Internationalen Energieagentur, Claude Mandil, hatte bereits am Wochenende vor einer globalen Energiekrise nach dem Wirbelsturm "Katrina" gesprochen. In einem Zeitungsinterview warnt er davor, die derzeitigen Öl-Engpässe als ein alleiniges Problem der USA zu betrachten.

Teures Heizöl: "Schock vor dem Winter"

Holger Krawinkel, Energieexperte vom Bundesverband der Verbraucherzentralen, sagte dem SPIEGEL, dass sich der Barrel-Preis für Rohöl durchaus der 100-Dollar-Marke nähern könnte. "Das hieße dann 1,75 Euro für einen Liter Benzin in Deutschland", so Krawinkel.

Der Energieexperte warnte vor einem Verbraucherschock: "Der Schock wird für viele Hausbesitzer jetzt beim Einkauf des Heizöls für den Winter kommen. Seit der letzten Tankfüllung sind nochmals 50 Prozent mehr fällig, und das Erdgas zieht nach."

Studie: Deutschland trotzt dem Ölpreis

Die Ölpreis-Hausse wird nach Ansicht der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) die Konjunktur in Deutschland nicht abwürgen. "Der hohe Ölpreis hat Kostensenkungen, Restrukturierungen und Konsolidierungen in der deutschen Wirtschaft begünstigt", heißt es in einer Studie des Instituts, die der "Financial Times Deutschland" vorliegt. Zudem sei die Wirtschaft weniger vom Öl abhängig als früher; es sei unwahrscheinlich, dass die Inflation aus dem Ruder laufe.

Die Agentur sagt sogar einen regelrechten Investitionsboom in Deutschland voraus. Im kommenden Jahr nähmen die Ausgaben der Firmen real um sieben Prozent zu verglichen mit einem Plus von nur 4,5 Prozent in Frankreich. Die vergangenen Jahre seien von einer deutlichen Investitionszurückhaltung geprägt gewesen.

Ölpreis fällt

Der Ölmarkt hat mit weiter fallenden Kursen auf die Ankündigung der Internationalen Energieagentur (IEA) reagiert, den USA Öl aus Notreserven zur Verfügung zu stellen. Zu Handelsbeginn fiel der Ölpreis für die Sorte Brent um 81 Cent auf 65,25 Dollar pro Barrel (1 Barrel =159 Liter). Die Terminmärkte für Öl- und Benzin hatten bereits zuvor auf die Ankündigung der IEA mit einem deutlichen Rückgang der Preise reagiert.

Um die Benzinknappheit in den USA zu lindern, hatte Präsident George W. Bush am Freitag die Freigabe von 30 Millionen Barrel Öl aus der US-Notreserve angekündigt. Zuvor hatten sich unter anderem Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien bereit erklärt, die gleiche Menge Öl und Ölprodukte im Rahmen einer von der IEA in Paris koordinierten Aktion zur Verfügung zu stellen.

Die von Bush um Hilfe gebetene IEA kündigte am Freitagabend an, für einen Zeitraum von zunächst 30 Tagen zwei Millionen Barrel täglich aus Reserven ihrer Mitglieder freizugeben, um die Produktionsausfälle der US-Raffinerien auszugleichen.

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