Zur Ausgabe
Artikel 39 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KAPITALANLAGE Kaum Klapperschlangen

Amerikanische Immobilienfirmen wollen westdeutsche Käufer für Grundstücke in den Wüsten- und Sumpfregionen der USA ködern.
aus DER SPIEGEL 2/1973

Zu verkaufen, eines der schönsten Fleckchen Amerikas: »Lake Havasu City«, so wirbt die kalifornische Grundstücksgesellschaft McCulloch Properties in westdeutschen Tageszeitungen.

Für »ganze 670 Mark«, alles inklusive, darf der Interessent -- laut Anzeige -nach Arizona fliegen und Grundbesitz in einem »sonnigen Städtchen« an einem »großen blauen See« erwerben, der »dazu noch amerikanische Zinsen bringt«.

Wer freilich in Lake Havasu City, an einer seeähnlichen Verbreiterung des Colorado, dem Flugzeug entsteigt, glaubt sich eher in eine Mondlandschaft versetzt: graues Gestein und Geröll so weit das Auge reicht, umgeben von bizarren Felsenbergen. Weder Baum noch Strauch, nicht einmal Kakteen finden in dem Wüstenboden genügend Nahrung.

Die in der Sonnenglut flimmernde Einöde ist von einem geradezu gespenstisch anmutenden Netz einsamer Asphaltstraßen durchzogen, die nirgendwohin führen und in weiten Biegungen immer zum Ausgangspunkt zurückkehren. Hin und wieder stehen einige Fertigbau-Bungalows im Geröll neben der Straße.

Naturfreunden indes scheint das Leben in der Western-Wüste nicht ohne Reiz, »Wir haben hier kaum Klapperschlangen«, rühmte ein Bewohner sein Domizil, »aber auf die Skorpione muß man verdammt achtgeben. Die vielen Beutelratten. die es hier gibt, sind dagegen ganz possierliche Tierchen.«

An menschlichen Bewohnern zählt die 1964 gegründete Wüstenstadt heute 8500 -- über 65 000 sollen es einmal sein. Ähnlich wie McCulloch suchen auch andere US-Firmen Einwohner für ihre selbstgegründeten Städte und Eigentümer für ihre Grundstücke. So verkaufen die amerikanischen Immobilienkonzerne GAC-Properties und Deltona schon seit Jahren westdeutschen Kunden trockengelegte Sumpfgrundstücke in Florida. GAC-Properties zum Beispiel schlägt monatlich für über eine Million Mark Parzellen in der Bundesrepublik los.

Doch die Amerikaner wollen das Geschäft in Westdeutschland noch weiter forcieren. Ober seine vor kurzem gegründete Frankfurter Niederlassung will allein Robert P. McCulloch im nächsten Jahr für 17 Millionen Dollar Grundstücke verkaufen.

Dabei vertrauen McCulloch und seine amerikanischen Konkurrenten darauf, daß in der Bundesrepublik das gleiche Erfolgsrezept verfängt, nach dem sie auch in den USA Kunden ködern: Sie bieten landhungrigen Investoren preiswerte Parzellen in einer von der Grundstücksfirma gegründeten und vorgeplanten Stadt an.

In den menschenleeren Staaten des Westens und Südens pflegen die Immobilien-Experten für wenig Geld große Landflächen -- unrentable Farmen oder einfach Wüsten und Sümpfe -- zusammenzukaufen. Dann entwerfen sie den Plan für eine Stadt und sorgen günstigenfalls für Straßenbau und Wasserleitungen. Notfalls lassen sie immerhin Straßenschilder in den Erdboden rammen. Danach beginnt »das Einsammeln der Dollars« (so Landverkäufer Paul D. Himmelrich aus Miami).

Die Dollar-Ernte fällt gewöhnlich sehr reich aus. Robert P. McCulloch etwa hatte 1963 vom Bundesstaat Arizona den Acre Wüste (rund 4000 Quadratmeter) für 70 Dollar erworben -- heute verkauft er den Acre für 16 000 Dollar.

So blühte bis jetzt das Geschäft mit Sumpf und Sand. Es zeigte sich, daß nicht nur Ruheständler einen Platz in einem der Sonnenscheinstaaten der USA zu ergattern suchten, sondern auch Tausende von erwerbstätigen Amerikanern, die des Lebens in den überfüllten Großstädten überdrüssig sind. In den neugegründeten Städten hofften sie den Übeln der Ballungszentren zu entgehen: verschmutzter Umwelt, Verkehrsproblemen, Rassenkonflikten und Kriminalität.

Jubelte ein Immobilienhändler: »Der Pioniergeist der Siedlerzeit ist wiedererstanden.« Ein Beamter in Washingtons Wohnungs- und Städtebauministerium verkündete stolz: »Das alte »Go West, Young Man« ist keine leere Phrase mehr.«

Der Andrang in die menschenleeren Gebiete der West- und Südstaaten ist so groß, daß die Bevölkerung Floridas (heute 6,7 Millionen) und Arizonas (heute 1,7 Millionen Einwohner) in den letzten zehn Jahren um fast ein Drittel zunahmen. In Nevada (heute rund eine halbe Million Einwohner) stieg die Gesamtbevölkerung sogar um über 60 Prozent.

Ob freilich die goldenen Zeiten für Amerikas Städtegründer anhalten, steht dahin. Denn immer mehr Firmen errichten neue Gemeinwesen in Amerikas Einöden.

So erbauten die US-Brothers Frank und Elliot Mackle in Florida jüngst Pine-Ridge, eine Siedlung, die sie in einer Zeitungsanzeige schlicht als »Traumstadt der Reiter, Rancher, Golfer, Sportfischer und Kapitalanleger« anpriesen. Die Lage ihrer Urbanisation geben sie, nur für Grundstückshaie verständlich, so an: »südlich der Mackle-Stadt Citrus Springs«.

Auch große und renommierte Industriefirmen steigen in das lukrative Städtegründungs-Geschäft ein. So will zum Beispiel der US-Elektrokonzern Westinghouse, der bereits Ende der sechziger Jahre in Florida die Siedlung Coral Springs gegründet hatte, nun 30 Kilometer südlich von San Francisco eine Stadt für 165 000 Menschen bauen.

Eigene Städte errichteten die Humble Oil Company, der Gummi-Gigant Goodyear, der Warenhauskonzern Sears, Roebuck, und der Bankenriese First National City Bank. Auch der Detroiter Automobilkonzern Chrysler will Städte bauen. Die Chryslerherren arbeiten zur Zeit an Plänen für zwei Gemeinwesen bei Detroit und bei Atlanta (US-Bundesstaat Georgia).

Sechs neue Städte für insgesamt 400 000 Bewohner baute allein das US-Städtehauministerium in den letzten Jahren. Washingtoner Ministerialbeamte schätzen, daß bis 1980 Hunderte von neuen Orten in dünnbesiedelten Staaten aus dem Boden wachsen werden.

Um dem zunehmenden Konkurrenzdruck standzuhalten, versuchen die amerikanischen Grundstückshändler durch ausgefallene Werbegags Kunden zu fangen. So kaufte beispielsweise Robert P. McCulloch 1968 für zehn Millionen Mark Londons London Bridge, ließ sie mit einem Aufwand von weiteren 15 Millionen Mark abreißen und Stein für Stein nach Lake Havasu City transportieren und dort wieder aufstellen.

Die Londoner Brücke, der McCulloch durch einen Kanal Coloradowasser zuführen ließ, sei, so der Städtegründer, »eine größere Touristenattraktion als der Grand Canyon«. Als Attraktion der Siedlung Fountain Hills ließ McCulloch die größte Fontäne der Welt installieren. Für fünf Stunden am Tag schießt der Wasserstrahl 170 Meter hoch aus dem rötlichen Wüstenboden.

Über die McCulloch-Stadt Spring Creek in den Rocky Mountains wissen Einwohner des nächsten größeren Ortes zu berichten, sie sei just an der Stelle errichtet, wo vor hundert Jahren ein Siedlertreck deutscher Auswanderer von Schneefällen überrascht elend zugrunde gegangen sei.

Trotz solcher Schauer-Legenden setzt McCulloch auf die Alte Welt. Meinte der Städtebauer: »Wir wollen auf alle Fälle den deutschen Markt erobern. Das ist zwar schwierig, aber es lohnt sich auch.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 39 / 83
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel