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JAPAN Kaum Schluckbeschwerden

Nippons Unternehmen scheuen zunehmend den Wettbewerb. Viele Japaner befürchten Mißbrauch wirtschaftlicher Macht.
aus DER SPIEGEL 13/1976

Tokios Massenblatt »Asahi Shimbun« drückte es blumig aus: »Da der Kuchen nicht größer wird, wächst der Wille zur Harmonie.« Die Wirtschaftszeitung »Asian Finance« wurde deutlicher: »Ein klarer Verstoß gegen das Kartellrecht.« Und ein Regierungsbeamter hatte gar historische Horrorvisionen: »Sie riskieren, ähnlich den Zaibatsu zu werden« -- jenen mächtigen Finanzcliquen, die in der Vorkriegszeit unumschränkt Japans Wirtschaft kontrollierten.

Schier unaufhaltsam rücken die ohnehin miteinander verfilzten Unternehmen des Landes zusammen. Weil Japans einst auf Rekord-Wachstumsraten getrimmte Wirtschaft nach der schwersten und längsten Flaute der Nachkriegszeit nur schleppend wieder auf Touren kommt, weil Umsätze und Gewinne nur noch spärlich wachsen, scheuen die Firmen den kräftezehrenden Wettbewerb.

In der langen Rezession finanziell ausgeblutet, bleibt vielen Unternehmen auch gar keine andere Wahl, als entweder unterzugehen oder sich mit den Konkurrenten zusammenzutun. »Im Endstadium einer Rezession«. beschreibt Fuji-Bank-Direktor Chikahisa Seno-o einen Lehrsatz japanischen Wirtschaftslebens, »gibt es eine Flut von Fusionen.«

Die Konzentrationswelle, vom großen Geld und Regierung schamhaft als industrielle Neuordnung« umschrieben, erfaßte fast alle Branchen.

In der Stahlindustrie beispielsweise streben sieben Produzenten nach Fusion oder enger Kooperation. Nippons zweitgrößter Hersteller für Spezialstähle Daido Steel -- beherrscht von Nippon Steel wird mit den Spezialstahlproduzenten Tokushu Seiko und Japan Special Steel fusionieren. Der neue Koloß wird über 25 Prozent des Marktes für Spezialstähle kontrollieren.

Zu einer schlagkräftigen Marktmacht sollen sich, so forderte sogar offiziell Tokios Ministerium für Internationalen Handel und Industrie (Miti), die über 30 japanischen Ölfirmen zusammenballen: Sie sollen in drei oder vier Großkonzernen aufgehen.

Das Miti drängt auch die beiden japanischen Autoriesen Toyota Motor Co. und Nissan Co. -- die zusammen ohnehin schon über 70 Prozent des Personenwagen-Marktes kontrollieren -, schwächere Konkurrenten zu schlucken.

Ganz oben auf der Übernahmeliste rangiert Toyo Kogyo Co. (Marktanteil: 6,2 Prozent). Der Hersteller des mit Wankel-Motor ausgerüsteten Mazda ächzt derzeit unter einer Schuldenlast von mehr als zweieinhalb Milliarden Mark. Zur Übernahme will die Regierung mit kräftigen Finanzspritzen reizen. Auch an der Möglichkeit, Toyo Kogyo mit Izuzu Motors -- möglicherweise auch noch mit Mitsubishi Motors -- zusammenzufügen, tüfteln fusionsberauschte Miti-Funktionäre.

Um den ihnen schädlich scheinenden Wettbewerb zu vermeiden, haben sich die drei größten Spinnereien des Landes -- Kanebo, Toyobo und Unitika -- miteinander abgesprochen.

Fusionsanfällig sind inzwischen auch die wegen ihrer Finanzkraft fast schon berüchtigten Handelshäuser des Landes geworden (siehe Graphik). Über die Kontore der zehn großen Handelshäuser -- Sogo Shosha -- werden über 57 Prozent aller Importe, 88 Prozent aller Exporte und rund ein Viertel des inländischen Warenverkehrs abgewickelt.

Doch an den Großhändlern rächt sich nun, daß sie sich als Finanziers zwischen die wenigen Großbanken und das Heer der Klein- und Mittelbetriebe geschoben haben. »Eine riesige Zahl von diesen Unternehmen ist in finanzielle Schwierigkeiten geraten«, sagt Hiroyasu Sakamaki, Generaldirektor des größten Handelshauses Mitsubishi Corp. Die Folge laut Sakamaki: »Die größten Handelshäuser halten zugleich die größten uneinbringlichen Forderungen.«

Das an neunter Stelle rangierende Handelshaus Ataka suchte daher unlängst Anschluß beim Rivalen. Ataka schloß ein Bündnis mit dem viertgrößten Handelsriesen C. Itoh. Der neue Koloß erreicht mit 64 Milliarden Mark einen Jahresumsatz, der etwa einem Drittel des japanischen Staatshaushaltes entspricht.

Großmächte dieses Kalibers aber machen selbst die Japaner nervös, die gegen Kartelle und Konzerne wenig einzuwenden hatten. Denn schon bislang nutzten die Sogo Shosha rigoros ihre Wirtschaftskraft und Marktmacht.

Kaum eine Firma kann sich ihrem Einfluß entziehen. Die Riesengesellschaften handeln mit allen Produkten von Riesentankern bis zu Nudeln und Regenschirmen. Ihr Umsatz erreichte im letzten Geschäftsjahr umgerechnet 390 Milliarden Mark.

Dabei machen sie alles für alle, vor allem aber für sich selbst. Sie erschließen neue Märkte. helfen beim Ankauf von Patenten, kümmern sich um Produktionsprobleme. beschaffen Kapital -- und wissen diese Allmacht zu Lasten ihrer Partner zu nutzen.

Die Manager der sechs größten Handelshäuser, unter ihnen C. Itoh-Präsident Seiki Tozaki, hatten beispielsweise vor knapp drei Jahren für insgesamt 660 Milliarden Yen (5,6 Milliarden Mark) Waren aufgekauft, gehortet und auf diese Weise die Inflation angeheizt. »Hauptfriedensverbrecher« hießen damals die Herren der Handelshäuser.

Ohnmächtig analysieren derweil Japans Wettbewerbshüter von der Fair Trade Commission (FTC) das unaufhaltsame Wachstum der Wirtschaftsriesen, die sich von den laschen Wettbewerbsgesetzen nicht beeindrucken lassen.

Jeden Versuch. die Kartellgesetze zu verschärfen, brachten Japans Bosse gemeinsam mit ihren zuverlässigen Verbündeten in den Ministerien und der Regierungspartei noch stets zum Scheitern -- zuletzt im Sommer letzten Jahres, als der inzwischen zurückgetretene Kartellamtschef Toshihide Takahashi vom Parlament mehr Gesetzesvollmachten für die Jagd auf Wettbewerbssünder verlangt hatte. »Fusionswillige Unternehmen«. resignierte ein FTC-Funktionär, »bekommen kaum Schluckbeschwerden.«

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