Finanzaffäre um IWF-Chefin Lagarde entgeht vorerst formellem Ermittlungsverfahren

Zwei Tage lang verhörte ein Gericht Christine Lagarde, dann entschied es: Gegen die IWF-Chefin wird vorerst kein formelles Ermittlungsverfahren eröffnet. Sie wird verdächtigt, zu ihrer Zeit als Wirtschaftsministerin öffentliche Mittel veruntreut zu haben. Eine Anklage ist aber nicht endgültig vom Tisch.
Christine Lagarde am Freitag: Die IWF-Chefin kann auf ihrem Posten bleiben

Christine Lagarde am Freitag: Die IWF-Chefin kann auf ihrem Posten bleiben

Foto: CHARLES PLATIAU/ REUTERS

Paris - Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, ist in der Finanzaffäre aus ihrer Zeit als französische Finanzministerin einem formellen Ermittlungsverfahren vorerst entgangen. Die 57-Jährige konnte den französischen Gerichtshof der Republik am Freitagabend nach zweitägiger Vernehmung als "verdächtige Zeugin" verlassen. Damit liegen Indizien für die Beteiligung an einer Straftat vor, die aber nicht für ein Anklageverfahren ausreichen. Sie könnte aber später noch angeklagt werden können.

Über den Verlauf der Vernehmung machten die Ermittler zunächst keine Angaben. Lagarde sagte Journalisten nach der Anhörung, der neue Status sei keine Überraschung für sie. Sie habe stets im Interesse des Staates und in Übereinstimmung mit den Gesetzen gehandelt. "Es an der Zeit, in Washington wieder an die Arbeit zu gehen", kündigte die einzige Französin an der Spitze einer internationalen Organisation an. Sei werde selbstverständlich die IWF-Gremien informieren. Der Währungsfonds, der seiner Chefin am Donnerstag den Rücken gestärkt hatte, reagierte mit Erleichterung.

In der Affäre geht es um umstrittene staatliche Entschädigungszahlungen an den Geschäftsmann Bernard Tapie nach dem Verkauf des deutschen Sportartikelherstellers Adidas im Jahr 1993. Lagarde war am Freitag den zweiten Tag in Folge zu einer Affäre um die mutmaßliche Veruntreuung öffentlicher Mittel vernommen worden.

Hintergrund des Ermittlungsverfahrens ist eine aus der Staatskasse finanzierte Entschädigungszahlung von rund 400 Millionen Euro an den schillernden Geschäftsmann Bernard Tapie. Lagarde hatte sie in ihrer Zeit als französische Finanzministerin ermöglicht, um einen jahrelangen Streit beizulegen.

Tapie hatte 1993 seine Anteile am deutschen Sportartikelhersteller Adidas an eine Investorengruppe verkauft, an der auch die damals staatliche Bank Crédit Lyonnais beteiligt war. Der Unternehmer warf der Bank später vor, ihn beim Verkauf der Anteile übervorteilt zu haben, und klagte auf Entschädigung.

Um den jahrelangen Rechtsstreit zu beenden, rief die damalige Ministerin Lagarde im Jahr 2007 ein Schiedsgericht an, das Tapie schließlich Schadensersatz in Höhe von 285 Millionen Euro zusprach - mit Zinsen rund 400 Millionen Euro.

Nach Ansicht der Ermittler hätte Lagarde das Schiedsgerichtsverfahren nicht zulassen dürfen. Zudem habe die damalige Ministerin entgegen der Empfehlungen von Experten keinen Einspruch gegen das Urteil eingelegt.

Seit August 2011 laufen deshalb gegen Lagarde erste Ermittlungen wegen "Beihilfe zur Fälschung" und "Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder". Lagarde hat die Vorwürfe bisher stets zurückgewiesen und ihre Entscheidung, das Schiedsgericht anzurufen und den Spruch zu akzeptieren, als damals "beste Lösung" verteidigt.

Tapie sagte der Zeitung "Le Parisien" vom Freitag, Lagarde habe dem Staat mit der Anrufung des Schiedsgerichtes Zahlungen in Höhe von "mehreren Milliarden Euro" erspart. Von der Entschädigungszahlung sei ihm abzüglich der Begleichung seiner Schulden und Steuern "deutlich weniger als 100 Millionen Euro" geblieben.

Die 57-jährige Lagarde steht seit knapp zwei Jahren an der Spitze des mächtigen Internationalen Währungsfonds (IWF). Sie ist damit die Nachfolgerin ihres Landsmannes Dominique Strauss-Kahn, der 2011 wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs zurücktreten musste.

Besonders in der Euro-Krise kommt Lagarde seitdem eine wichtige Rolle zu. Der IWF ist maßgeblich an der Rettung europäischer Krisenstaaten wie Griechenland, Portugal oder Zypern beteiligt und überwacht gemeinsam mit der Europäischen Kommission und der Europäischen Zentralbank die Einhaltung der damit verbundenen Auflagen.

stk/AFP/dpa/AP/Reuters
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