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MANAGER Kein Hopper

Mit Werner Dieter kommt ein relativ unbekannter Mann aus der Provinz an die Spitze des Mannesmann-Konzerns. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Friedrich Wilhelm Christians, Sprecher der Deutschen Bank, machte sich die Kandidatensuche nicht leicht. Schließlich galt es, einen der einflußreichsten und angesehensten Posten in der deutschen Industrie zu besetzen - den Vorstandsvorsitz bei Mannesmann.

Die Kandidatenliste enthielt eine Reihe bekannter Namen, darunter Ruhrgas-Chef Klaus Liesen und Mannesmann-Finanzchef Joachim Funk. Doch wo Christians sich auch umhörte, die Ratgeber machten sich für einen Kandidaten stark, der an der Ruhr keinen Namen hat. Vor allem der ehemalige Mannesmann-Vorstandsvorsitzende Egon Overbeck und Bosch-Chef Marcus Bierich empfahlen Werner Dieter, Geschäftsführer der Rexroth GmbH aus Lohr am Main.

Vor knapp drei Wochen bestellte Christians den Manager aus Unterfranken in sein Büro an der Düsseldorfer Königsallee und bot ihm den Spitzenjob an. Am Mittwoch dieser Woche wird der Aufsichtsrat von Mannesmann den 55jährigen Dieter zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Düsseldorfer Röhren-, Anlagen- und Maschinenbau-Konzerns wählen. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wird Nachfolger von Franz Josef Weisweiler, der Ende Juli gestorben war.

An Dieters Befähigung für das Amt gibt es in der Konzern-Zentrale am Düsseldorfer Mannesmann-Ufer kaum Zweifel. Der hagere Mann wird dort schon seit langem wegen seiner Management-Begabung gerühmt. Der bemerkenswerte Erfolg der Hydraulik-Firma Rexroth wird vor allem dem Talent Dieters zugeschrieben.

1963 war der Ingenieur in die Geschäftsleitung des 1795 im Odenwald gegründeten Eisenwerks berufen worden. Mit einem Umsatz von 30 Millionen Mark galt Rexroth damals als behäbiges Familienunternehmen.

Kein Vergleich zu heute: Der Technik-Konzern mit über zwei Dutzend Tochter- und Beteiligungsfirmen in Europa und Übersee setzte 1984 rund 1,4 Milliarden Mark um. Seit 1966 ist die Zahl der Mitarbeiter von 1400 auf 10 000 geklettert.

Die Lohrer Firma produziert Hydraulik für Maschinen, Fahrzeuge und Schiffbau und Steuerungs- und Antriebstechniken für Transferstraßen. In seiner Sparte ist das Unternehmen die Nummer eins, weltweit.

Aufsteiger Dieter paßt mit seiner Karriere nicht so recht in das gängige Laufbahn-Schema von Spitzenmanagern. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen aus den Vorstandsetagen ist er kein Job-Hopper, der sich durch häufige Firmenwechsel nach oben hangelt. Ende Juli stand der Manager aus Lohr 25 Jahre bei Rexroth in Diensten. 1960 hatte der damalige Firmeninhaber Georg Ludwig Rexroth den Maschinenbauer von Bosch abgeworben.

Der Rahmen eines Familienunternehmens wurde dem Chef-Manager in der schnell expandierenden Firma Mitte der 70er Jahre zu eng. Dieter sorgte daher für die Eingliederung in das Mannesmann-Imperium. Der rheinische Konzern, bis dahin zur Hälfte an Rexroth beteiligt, wurde alleiniger Eigentümer in Lohr.

Die Wahl Dieters zum ranghöchsten Mann bei Mannesmann macht deutlich, wo die Weltfirma ihre Zukunft sieht. Der neue Vorstandsvorsitzende soll den bislang eingeschlagenen Kurs fortsetzen. Der führt weg vom angestammten Montanbereich, von Stahl und Kohle, hin zum Technologie-Konzern.

Die Sparte Röhren, mit der 1970 noch die Hälfte des Geschäfts gemacht wurde, ist auf ein Drittel geschrumpft. Rund 40 Prozent seines Umsatzes von rund 16 Milliarden Mark erzielt der einstige Stahlkonzern im Maschinen- und Anlagenbau. Die Zukunftsbranche Elektronik hat bei Mannesmann bereits einen Anteil von 12 Prozent.

Mit seinem Programm, lobte Weisweiler kurz vor seinem Tod auf der Hauptversammlung Anfang Juli den Konzern, »liegt Mannesmann technologisch in der Spitzengruppe der Welt«.

Die gute Position verdankt das Unternehmen weitgehend seinen Zukäufen. Dem Einstieg bei Rexroth im Jahre 1968 folgte der Kauf von fünf Maschinenbau- und Elektronikfirmen. Größter Brocken war 1972 die Demag in Duisburg, ein Hersteller von Baumaschinen, Hüttentechnik und Kunststoffmaschinen.

Mit dem Erwerb von Kienzle ging Mannesmann in die Datentechnik. Gemeinsam mit Bosch und der Allianz kauften die Düsseldorfer schließlich noch von der AEG die Firma ANT-Nachrichtentechnik, ein Unternehmen, das im Bereich der Nachrichtenübertragung zur Weltspitze zählt.

Das schöne Bild, das der Vorstand heute von seinem Konzern malt, läßt leicht vergessen, daß es um Mannesmann noch vor zwei Jahren nicht sonderlich gut bestellt war. Die Röhrenwerke und die veraltete Sparte Hüttentechnik der Demag hingen durch, beide schrieben rote Zahlen.

Die Flaute hatte den Konzern ausgerechnet zu dem Zeitpunkt erwischt, als nach 21jähriger unumschränkter Herrschaft Egon Overbeck in Pension ging. Weisweiler hatte dann zwei mühevolle Jahre vor sich, um das Unternehmen mit einem strammen Sparkonzept wieder auf Kurs zu bringen.

Da muß Dieter nun weitermachen. Rexroth-Personalchef Eugen Tatarko ist sicher, daß sein fleißiger Chef auch die neue Aufgabe meistern wird: »Der ist«, sagt er, »ein Allradfahrzeug.«

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