Keine Herbstrallye Banken schrauben Prognosen zurück

Die Anlagestrategen sind kleinlaut geworden: Maximal 8000 Punkte werde der Dax bis zum Jahresende erreichen, heißt es. Selbst das könnte sich noch als zu optimistisch erweisen.


DPA

Frankfurt am Main - Passend zur Jahreszeit hat sich das Klima an den Börsen kräftig abgekühlt. Die von Kleinanlegern herbeigesehnte und von Profis vorhergesagte Herbstrallye ist weit und breit nicht in Sicht. Stattdessen drücken Ölpreis, Euro und reduzierte Gewinnschätzungen zahlreicher US-Unternehmen weltweit auf die Stimmung der Händler.

Viele Banken rudern daher zurück: Zum Teil höchst optimistische Prognosen werden deutlich zurückgeschraubt. Noch vor wenigen Monaten hatten sich die Analysten mit euphorischen Vorhersagen gegenseitig übertroffen. Der Neue Markt hatte zu Jahresbeginn Schwindel erregende Höhen erklommen, das grassierende Aktienfieber vernebelte selbst Experten den Blick. Doch auch an den Börsen wachsen die Bäume nicht in den Himmel: Zahlreiche Kursraketen sahen am Ende wie Rohrkrepierer aus und verloren zig Prozent in wenigen Wochen.

"Wir tun uns inzwischen schwer. Unsere sehr optimistischen Prognosen sind sicher nicht mehr zu halten", sagt Alfred Roelli, Chefstratege für Privatkunden bei der Deutschen Bank. Im günstigsten Fall seien 8000 Punkte für den Dax bis Ende 2000 möglich. "Das wäre jedoch eine sehr aggressive Schätzung", sagt er. Eigentlich rechnet Roelli nicht damit, das der Dax diese Marke schafft. Derzeit krebst er um 6800 Zähler.

Nach Einschätzung der DG Bank dürfte auch am Neuen Markt die Zeit des schnellen Euro vorbei sein. Der Nemax-All-Share-Index werde bis Jahresende höchstens 7500 Punkte erreichen. Zuvor hatte die Bank 8500 Zähler in Aussicht gestellt. Bis zum Frühjahr 2001 könnten gar 10000 Punkte drin sein, hatten ihre Analysten geglaubt.

Gewinnwarnungen von US-Firmen sorgen dafür, dass die Stimmung sich nicht entspannt: Als am letzten Freitag der Chiphersteller Intel bekannt gab, seine Gewinne würden niedriger als erwartet ausfallen, gingen die Börsen weltweit in die Knie. Der Dax konnte sich zwar gegen den Trend stemmen, doch ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

Am Dienstag schraubte der US-Fotoriese Eastman Kodak seine Gewinnerwartungen deutlich zurück. Eine umgehende Verkaufswelle ließ den Aktienkurs um fast ein Viertel einbrechen und führte an der Wall Street zu Rückschlägen auf breiter Front. Auch andere amerikanische Großkonzerne warnen vor schrumpfenden Einnahmen, da der schwache Euro die Exportbilanzen verhagelt. In Tokio fiel der Nikkei-Index daraufhin am Mittwoch sogar auf ein Jahrestief.



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