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»Kinder, seid's net deprimiert«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über das kranke Unternehmen Arbed und die Mutlosigkeit der Saarländer *
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 41/1985

Im Grunde seines Wesens, sagt der Manager Kurt Carl Edward Kühn, 60, sei er »ein Mann der Zuversicht«. Immer locker bleiben, heißt die Devise des gebürtigen Wieners, immer »auf Good luck hoffen« und »auf Fair play setzen«. Vor allem aber hält er für unerläßlich, »daß die Sachen Spaß machen müssen«.

Immer mit Optimismus und schließlich dem Glück des Selbstsicheren hat er an seiner Karriere gebaut, in Brasilien etwa oder in Rhodesien. In Simbabwe stellte er auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn »praktisch aus dem Nichts eine Stahlfabrik in den Busch«. Da flossen alsbald schon »märchenhafte Gewinne« - Triumph einer Lebenshaltung.

Im Frühjahr 1985 hat sich der Globetrotter im deutschen Völklingen niedergelassen. Beim Krisenkonzern Arbed Saarstahl fungiert er als Vorsitzender der Geschäftsführung - und seine erprobten Maßstäbe beginnen zu wanken.

Zwar probiert es der eloquente Kühn auch da mit den gewohnten Psycho-Rezepten. Häufig streicht er durchs Werk, um die Seinen am Portepee zu fassen: »Kinder, seid''s net deprimiert, wir sitzen ja alle in einem Boot.« In Wahrheit aber ist es wohl so, daß er jetzt selbst schon ein bißchen kränkelt.

Denn wo immer der Chef auch aufkreuzt, sieht er sich von Mutlosigkeit umstellt. Ob am Hochofen oder in der Kneipe nebenan, klagt der Österreicher, treffe er auf Unglauben und Frust und nicht selten auf unverhohlene Abwehr: »Ach, du mit deinem Bankrottladen ... geht ja eh alles den Bach hinunter.«

Arbed Saarstahl, fast zehn Jahre Krebsgang - eine Entwicklung, die an den Nerven zehrt. Dauerstreß, Angst vor drohendem Arbeitsplatzverlust, aber auch das fortwährende öffentliche Genörgel am »Schrotthaufen der Nation« haben den Stahlwerker mürbe gemacht.

Und nicht nur ihn. Überall an der Saar, diagnostiziert der Wirtschaftsminister Hans-Joachim Hoffmann, hätten »die Leute die Schnauze gestrichen voll«. Sogar der Völklinger Oberbürgermeister Raymund Durand mag »das leidige Stichwort schon nicht mehr hören«.

Im Oktober 1982, als die Tochter des Luxemburger Konzerns Arbed letztmals auf den großen Crash zuzusteuern schien, regte sich in der Stadt noch Widerstand. Mehr als 20 000 Menschen gingen seinerzeit auf die Straße. Untergehakt demonstrierte der Einzelhändler neben dem Stahlkocher, der Kaplan neben dem DKP-Funktionsträger.

Heute mosert der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Edwin Ebert, als sei er selbst der gebrandmarkte Kapitalist: »Was Arbed braucht, ist Ruhe.« Unablässig werde das Unternehmen in die Öffentlichkeit gezerrt. Jeder - »die Politik wie die Publizistik« - glaube, »die Leitung demontieren zu dürfen«.

Aber tatsächlich ist der Schocker Arbed Saarstahl - mit 3,25 Milliarden Mark an Zuschüssen von Bund und Land eines der finstersten Subventionslöcher der Republik - ja nicht am Schreibtisch erfunden worden.

Und wieder läuft der Countdown. Wieder steht die Frage, wie der sieche Stahlkoloß überleben will, wenn vom 1. Januar nächsten Jahres an in der EG die Subventionen nicht mehr wie gewohnt fließen dürfen. Bis zum 31. Oktober erwartet die Brüsseler Kommission ein plausibles Papier darüber, wie es bei Arbed weitergehen soll.

Zugleich hängt von diesem Konzept ab, ob die Völklinger überhaupt noch kassieren können. Letztmalig vom europäischen Wirtschaftsverbund erlaubt - und zwar »Cash auf den Tisch des Hauses spätestens an Silvester« (Hoffmann) - wäre die Zahlung dringend benötigter nationaler Betriebsbeihilfen von nochmals rundum 350 Millionen Mark. Freilich nur dann, wenn den Brüsselern auch der Rettungsplan einleuchtet.

Die wie ein Stiefkind von ihrer mehr als gleichgültigen luxemburgischen Mutter _(Auf dem Dach des Völklinger ) _(Verwaltungsgebäudes. )

behandelte Konzern-Tochter wird sich also von neuem gesundschrumpfen müssen. Eine fast schon obszöne Vokabel angesichts des stetigen Personalabbaus, der die Belegschaft in nicht mal einem Jahrzehnt von 30 000 auf knapp 14 000 schmelzen ließ.

Letzten Aufschluß über das von der EG, aber auch von Bonn und Saarbrücken angemahnte Arbed-Konzept soll jetzt eine auf den 15. Oktober terminierte Expertise des Unternehmensberaters Roland Berger & Partner aus München geben. Mit Hilfe des Gutachters soll »der Schlüssel« (Wirtschaftsminister Hoffmann) für den Ausweg aus dem Arbed-Dilemma gefunden werden.

Wie könnte der aussehen? Abgemacht scheint, daß am Ende weit weniger Arbeitsplätze übrigbleiben werden als jene 12 090, wie sie in einem zwischen den Sozialpartnern vereinbarten Programm quasi verbrieft worden sind.

»Irgendwo zwischen zehn- und elftausend, näher an zehn«, lautet die am häufigsten zu hörende Beschwichtigungsformel. Dieser Zahl hat sich nun auch der saarländische Ministerpräsident und sozialdemokratische Hoffnungsträger Oskar Lafontaine angenähert. Im übrigen soll Arbed ein ganz feiner Laden werden. Das Unternehmen, schon jetzt technisch modern gerüstet, soll künftig nur noch beste Edelstähle herstellen; mit der Massenware der Billiglohnländer sollen die Saarländer nicht mehr konkurrieren.

Ausgerechnet Chefmanager Kühn jedoch findet nur wenig Freude an dem angeblich gesammelten Sachverstand, der ihm da zu seiner Hilfe ins Haus geschickt worden ist. »Die Berger-Leute«, befindet er knapp, »alles gewitzte Burschen. Nur leider haben die von Stahl keine Ahnung.«

Egal, ob die Münchner oder die namens der EG an die Saar beorderten Fachleute der Firma McKinsey ("Recherchiert haben die, da graust''s der Sau") oder der von Lafontaine kürzlich bei Arbed eingeschleuste Branchen-Exzentriker Willy Korf: Vor dem Urteil des forschen Wieners werden sie alle zu Amateuren.

Nicht, und das räumt er auch ein, daß er es besser wüßte. Auch Kühn erscheint die Lage im Prinzip unerfreulich: »Die freie Marktwirtschaft hat im Stahlbereich praktisch aufgehört. Das Gesetz der Produktivität funktioniert nicht mehr.«

Dennoch bricht dann wieder der Optimist durch, dem die ganze Aufregung im Kern zuwider ist. Während das saarländische Wirtschaftsministerium für die Jahre 1986/87 einen Zuschußbedarf bei Arbed von 350 Millionen Mark veranschlagt hat, rechnet der oberste Stahlmanager in Völklingen lieber seiner Veranlagung gemäß: »Letzten Verlusten« (1986) von angenommen 100 Millionen Mark werde ab ''87 ein Gewinn in zumindest der gleichen Höhe gegenüberstehen.

Glaubt der Vorsitzende der Geschäftsführung wirklich an seine Fanfaren, wenn er auf die Belegschaft einredet, sie möge »dieses letzte Stück eines schwierigen Weges noch mit Enthusiasmus gehen«? Das beschwört er, gewiß; aber auch das schlichte Gegenteil hält er für denkbar.

Denn, nicht wahr, wer könne den Betroffenen schon verargen, wenn sie in Sachen Arbed ins Grübeln kämen. Zu viele Prognosen sind da in den vergangenen Jahren über den Haufen geworfen worden. Allzuoft hat das Unternehmen

mit dem Hinweis, eine neue Finanzspritze werde es sichern, nur abkassiert.

Also nennt er das Mißtrauen, das ihm die Politiker in Bonn und Saarbrücken entgegenbringen, auch nonchalant »eine gesunde Skepsis«. Ein bißchen viel Gaukelei, die den jeweiligen Gesprächspartner eigentlich wurmen müßte.

Doch die Verhältnisse sind nun mal nicht so. Dankbarkeit hält die Geldgeber aus Bund und Land im Zaum, daß sie für ihren über den gigantischen Schuldenberg de facto längst verstaatlichten Konzern überhaupt noch einen Geschäftsführer gefunden haben. Immerhin hatte der Aufsichtsrat den problematischen Job im vergangenen Jahr beinahe wie sauer Bier anbieten müssen.

Darüber hinaus steht das nahtlos aneinandergefügte Kühnsche Einerseits-Andererseits fast schon symbolisch für den allgemeinen Erkenntnisstand. Geklärt ist bislang nur, daß es eine magische Erlösungsformel nicht geben wird.

Jenseits des öffentlichen Schlachtenlärms - hier das rote Saarbrücken, dort das schwarze Bonn - zerbröseln zugleich die Rituale und die Tabus. Gelüste zur Vergesellschaftung von Arbed, wie sie das Duo Kohl-Bangemann »den Lafontaines« immer mal wieder unterstellt? Da hätte der Freigeist Kühn wenig dagegen, sofern nur das Management unbeschädigt bliebe. Im schlimmsten Falle Konkurs? Da hat er bloß »''ne ganz kleine Aversion«.

Den sozialdemokratischen Erneuerern wiederum ist es »völlig Wurscht«, so der Wirtschaftsminister Hans-Joachim Hoffmann, »wem der Laden letztlich gehört«. Hauptsache, er läuft. Beendet werden müsse allerdings der mißliche Zustand, daß sich der Konzern in Luxemburg nur noch »pro forma« als Besitzer fühlt.

Die Genossen haben auch allen Grund, einen gediegenen Pragmatismus zu favorisieren. Einigermaßen verunsichert, hat die Partei erkannt, welches massive Züchtigungsinstrument den Machthabern in Bonn mit der maroden Stahlfabrik zur Verfügung steht. Nichts geht mehr an der Saar, geschweige denn in puncto Reformen, solange das Arbed-Problem grundsätzlich hängt und damit alle Initiativen erdrückt.

Was heißt, daß nur wenig gewonnen wäre, wenn das Werk mal wieder so eben über die nächstliegenden Hürden gehoben würde. Zu Recht drängt Oskar Lafontaine deshalb auf den großen Befreiungsschlag: Der Bund soll Arbed entschulden, also auch die Bürgschaften des Landes mitübernehmen. Bonn soll sich, zweitens, endlich bequemen, über die Eigentumsfrage nachzudenken.

Doch Bonn sieht das anders und hat sich bereits verbeten, von den Saar-Sozis »erpreßt« zu werden. Was kümmert die Koalition, daß das kleine Land in Deutsch-Südwest mit acht Milliarden Mark unter einer Schuldenlast ächzt, die das Doppelte seines jährlichen Etats ausmacht. Zu verlockend ist da offenbar, es dem sozialdemokratischen Emporkömmling mal zu beweisen.

Garkochen heißt die Parole. Einstweilen scheint die Mahnung des saarländischen Rechnungshofes, der Haushalt des Kabinetts Lafontaine bewege sich auf die Verfassungswidrigkeit zu, den konservativen Ordnungspolitikern keinen Kommentar wert zu sein. Soll der Saar-Star doch mal vorführen, wo er die 550 Millionen herkriegt, die das Land allein in diesem Jahr noch benötigt, um Arbed-Beihilfen und Arbed-Schuldendienst zahlen zu können.

Wenig zimperlich stiefelt die Bundesregierung darüber hinweg, daß in Saarbrücken bis vor kurzem ja noch ihre eigenen Leute das Wort führten. Ein Umstand, von dem Lafontaine wohl noch profitiert, aber es schleichen sich nun bereits die ersten Mißtöne ein, die seine Entzauberung anzeigen.

»Abenteuerlich« nennt das für Stahlfragen zuständige IG-Metall-Vorstandsmitglied Rudolf Judith des Ministerpräsidenten Eingeständnis, die Belegschaft bei Arbed müsse wie von den Gutachtern vorgeschlagen »zurückgeführt« werden. »Der Oskar« möge nicht glauben, droht der Betriebsratschef Ebert, die Gewerkschaft sehe einem drastischen Personalabbau tatenlos zu, »nur weil im Saarland die Mehrheit gewechselt hat«.

Signale einer leisen Entfremdung auch umgekehrt. Daß die IG Metall stoisch auf Positionen beharrt, die sich nicht halten lassen, beginnt die Regierenden zu irritieren. »Immer nur nach einem Sozialplan zu schreien ist natürlich toll bequem«, ärgert sich Hoffmann über die Genossen in der Gewerkschaft. Gesucht

wird von ihm statt dessen nach »einem sozialdemokratischen Weg zwischen Konkurs und Massenentlassungen«. Seine Idee: die Gründung einer sogenannten Beschäftigungsgesellschaft, die vorwiegend Fortbildungs- und Umschulungsprogramme organisiert und aus Geldern etwa der Bundesanstalt für Arbeit finanziert werden könnte.

Gefordert ist Phantasie, »weil wir hier ansonsten den Arsch nicht mehr hochkriegen«. Diplom-Ökonom Hoffmann, der zugibt, daß ihn schon das erste halbe Jahr seiner Amtstätigkeit enorm strapaziert hat, sieht als Alternative »nur stilles Sterben«.

Den Arbed-Konkurs will an der Saar ernsthaft niemand, weil die Folgen abschätzbar sind. Krachte der Stahlriese in Völklingen zusammen, käme es landesweit auch bei der Zulieferer-Industrie zu schweren Beschäftigungseinbrüchen. Nach Vorausberechnungen des Wirtschaftsministeriums würde sich die Arbeitslosenquote von derzeit 13 auf nahezu 26 Prozent verdoppeln.

Die Lage ist ernst, wenngleich es augenscheinlich der Mentalität des Saarländers entspricht, eher abzuwiegeln. Fast beleidigt empört sich so Völklingens OB Raymund Durand, wie da »alle Welt« - gemeint sind die Journalisten - in seine Stadt einfällt: immer das vermeintliche Elend im Blick und immer nur das Negative herausstreichend. Nun schon zweimal sei er selbst, weil er da wohl nicht ins Bild passe, »aus den Filmen des Fernsehens geschnippelt« worden.

Das Stadtoberhaupt, 61, immerhin Sozialdemokrat, kann das ganze Lamento kaum mehr verstehen. Niemand hat sich bisher bei ihm beklagt, daß es ihm schlechtgehe - »die Leut bosseln an ihrne Häuscher«, und viele höre er sagen: »Is gut, daß ich draußen bin.«

Vermutlich liegt es an dieser Art, aber auch an einem spezifisch saarländisch sozialen Netz, »daß Rabatz und Revolution nicht drin sind« (Durand), wenn der Stahlwerker mit 1400 Mark netto vorzeitig nach Hause geschickt wird.

Der stellungslose Saarländer - erzählt er selbst - ist nur selten in Rage zu bringen. Der fängt sich auf in Eigenheim und Garten, lebt in ungezählten Vereinen und bewegt sich im übrigen in einem Markt, der unter dem Tarnbegriff Nachbarschaftshilfe firmiert.

Schlimmstenfalls, wenn es ihn allzu hart ankommt, bleibt er halt weg, wie etwa in Völklingen aus dem »Rippches Eck«.

In der Kneipe vor Torhaus 1, seit Menschengedenken Versammlungsort für das erste Bier nach der Schicht, ist die Pleite voraussehbar. Die bereits abgebauten Stahlkocher über fünfzig ließen sich eher prügeln, als da noch am Tresen zu stehen. Die Wirtin weiß auch warum und hat Verständnis dafür: »Die schämen sich.«

Auf dem Dach des Völklinger Verwaltungsgebäudes.

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