Kinowelt-Gründer Kölmel Der Kurzzeit-Knastbruder

Offene Protestbriefe, Hausverbot vom Insolvenzverwalter, ein Ausflug ins Kittchen – Michael Kölmel, Gründer der Kinowelt, hat 2002 so manche Schmach erlitten. Trotzdem gelang ihm ein Coup, den viele für unmöglich hielten.

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Michael Kölmel: In Leipzig noch Freunde, in München viele Gegner
[M] DDP; SPIEGEL ONLINE

Michael Kölmel: In Leipzig noch Freunde, in München viele Gegner

München/Leipzig - Michael Kölmel selbst soll überrascht gewesen sein vom plötzlichen Zugriff der Staatsgewalt. Es war der letzte Montag im Oktober, als ihn die Münchner Polizei am Airport Franz-Josef-Strauß festnahm. Prompt verfrachtete sie ihn in die Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Es bestehe akute Fluchtgefahr, begründeten die Staatsanwälte. Man ermittle wegen des Verdachts auf Untreue und Insolvenzverschleppung.

Michaels Bruder Rainer, gerade in Frankreich, eilte zurück nach Bayern und mobilisierte die Anwälte für einen Befreiungsschlag. Und tatsächlich blieb Michael Kölmel, der bald 49-jährige Unternehmer mit dem Look des Dauerstudenten, nicht lange hinter Gittern - der Haftbefehl wurde schon am Folgetag aufgehoben.

"Business as usual"

Dafür allerdings musste Kölmel 400.000 Euro Kaution hinterlegen. Rasch ließ er dann mitteilen, er könne und werde jegliche Vorwürfe "Punkt für Punkt widerlegen". Sein Bruder kündigte im "Filmecho" an, man fahre jetzt zu einer Fachmesse nach Mailand: "Business as usual", behauptete er.

Wohl nicht ganz. Der Termin der Festnahme muss Michael Kölmel wie eine finstere Ironie vorgekommen sein. Nur Tage später wollten die Badener Gebrüder, die den Rechtehändler Kinowelt 1998 an den Neuen Markt geführt und 2001 durch überdimensionierte Einkäufe in die Insolvenz gejagt hatten, die Überbleibsel ihrer Firma zurückkaufen, um sie größtenteils nach Leipzig zu transferieren.

Wenn's ums Geld geht

Es wäre ein wohl beispielloser Fall in der deutschen Mediengeschichte gewesen: Da bekommt ein gescheiterter Firmengründer, der seinem Unternehmen eine halbe Milliarde Euro Schulden aufbürdete, dessen Kern nach der Insolvenz zurück - entschuldet und für den nicht allzu hohen Preis von 32 Millionen, rund drei Fünftel des für 2003 erhofften Jahresumsatzes.

Nun, mit der Festnahme, schien das Comeback geplatzt. Während Staatsanwälte in beschlagnahmten Unterlagen blätterten und durchblicken ließen, sie könnten womöglich im Januar Anklage erheben, würde niemand mehr einen zweistelligen Millionenkredit an Dr. Michael Kölmel aushändigen.

Allein: Wer das glaubte oder hoffte, hatte seine Rechnung ohne die Sparkasse Leipzig gemacht. Sie nämlich hielt in Treue fest zu Kölmel - und bewilligte, nach einigen Verzögerungen und Beratungen, Mitte Dezember das nötige Geld. Wenn alles glatt läuft, soll der anscheinend gesunde Kinowelt-Kern - darunter der TV-Rechtehandel und das Geschäft mit DVDs und Videos - bis Mitte 2003 von Schwabing an die Pleiße umziehen.

New York, London, Leipzig

Es war wohl zu großen Teilen Strukturpolitik, die das sächsische Institut zu diesem Schritt bewogen hat. Sparkassen-Chef Peter Krakow jedenfalls spricht gerne vom "Medienstandort Leipzig", den es zu fördern gelte. So machte die Kasse, in deren Kreditausschuss der zeitweise als Bundesminister gehandelte Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee sitzt, denn auch den Umzug nach Sachsen zur Bedingung für das Darlehen.

Geholfen haben mag, dass Kölmel angeblich zeitweise versprochen haben soll, 100 bis 200 Arbeitsplätze in Leipzig zu schaffen - zuletzt war noch von 50 bis 60 die Rede. Das Risiko, dass ihr Kunde abermals ins Gefängnis wandert, hält die Sparkasse offenbar für minimal: Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" gab sie ein Gutachten in Auftrag, das den Unternehmer umfassend entlastet. Anders überlegt hat es sich hingegen das sächsische Finanzministerium: Kurz nach Kölmels Knast-Exkursion zog es eine Bürgschaft über fast 7,7 Millionen Euro zurück, die den Umzug absichern sollte.

Porno-Vorwürfe und ein fristloser Rauswurf

Dass die Kinowelt im Jahr 2003, nach dem Neuanfang mit der alten Führung, gar keine Skandalschlagzeilen mehr produziert, scheint unwahrscheinlich. Zu bewegt waren die Monate zuvor, zu zahlreich die Fronten, an denen Michael Kölmel kämpfte. So werfen ihm seine Feinde zum Beispiel vor, den Verkauf der Kinowelt-Reste an andere Investoren durch Foulspiel hintertrieben zu haben.

Im Sommer nämlich sah es schon einmal so aus, als würde Kölmel in die Verbannung geschickt - und als könne eine Investorengruppe um zwei Geschäftsführer die Kinowelt per Management Buy-out (MBO) übernehmen. Der Gläubigerausschuss sei sich darüber einig, tat der mitunter unglücklich agierende Insolvenzverwalter Wolfgang Ott kund. Offenkundig voreilig: Eine der drei Gläubigerbanken, die ING BHF-Bank, wollte von der MBO-Lösung nichts wissen - und drohte Ott gar mit möglichen Schadenersatzansprüchen, falls er seine Darstellung nicht zurückziehe.

Fakten und Verleumdung

Möglich, dass die Kölmels den Zuschlag dann doch bekamen, weil sie den Gläubigern schlicht einige Millionen mehr boten als die konkurrierenden Geschäftsführer, Marcus Schöfer und Jerry Payne. Möglich aber auch, dass der MBO-Deal platzte, weil mehre Zeitungen über Verbindungen des Käufer-Duos zu Geldgebern aus der Porno-Industrie berichtet hatten. "Porno-Clique greift nach der seriösen Kinowelt" titelte "Bild", und tat den Kölmels damit gewollt oder ungewollt einen Gefallen.

Michael Kölmel selbst reichte gar Anzeige wegen Betrugs gegen seinen Konkurrenten Payne ein. Kölmel suggerierte in Interviews, dass Payne Gelder der Kinowelt durch fragwürdige Geschäfte an eine andere Firma umgeleitet haben könnte, um sie dann für die Finanzierung der geplanten Übernahme verwenden zu können.

Insolvenzverwalter Ott hielt dies offenbar für eine Räuberpistole - jedenfalls kündigte er Kölmel, der weiter bei Kinowelt arbeitete, fristlos und erteilte ihm Hausverbot. Das blieb sogar bestehen, als der Firmengründer längst wieder durch einstimmigen Beschluss der Gläubiger als künftiger Eigentümer ausgewählt war. Der Beschuldigte Payne wiederum erklärte die Geschäfte für vollkommen legitim.

Ein paar Akten rasch kopiert

Nicht unwahrscheinlich auch, dass die verbliebenen rund 70 Münchner Kinowelt-Mitarbeiter abermals gegen die Kölmels mobilisieren. Verärgert über den geplanten Umzug, wollen nach Angaben des Betriebsrats nur maximal zehn Beschäftigte den Brüdern gen Sachsen folgen. In mehreren offenen Briefen, die unter anderem dem Münchner Oberbürgermeister zugingen, protestierte die Belegschaft gegen den Rückkauf durch das Brüder-Paar, das die Pleite verschuldet habe und nun vom eigenen Versagen profitiere.

Manch alter Mitarbeiter behauptete gar, die Kölmels hätten kurz vor der Insolvenz noch Millionensummen verschoben, etwa an die Firma Sportwelt und ein befreundetes Beratungsunternehmen. Nicht wenige Ex-Mitarbeiter sollen Kopien von Geschäftsunterlagen gebunkert haben - und würden ermittelnden Staatsanwälten sicher gerne mit dem ein oder anderen Hinweis aushelfen.

Insolvenz-Domino

Ob dies alles nur Verschwörungstheorien derjenigen sind, die um ihren Job fürchten oder ihn schon verloren haben, wird die Justiz klären müssen. Die Kölmels bezeichnen die Anschuldigungen jedenfalls als haltlos. Und es wäre wohl ein Detektiv mit kinoreifer Statur nötig, um im Gewirr der Anschuldigungen und Gegenvorwürfe Fakten von Verleumdung zu scheiden.

Eines immerhin scheint gewiss: Seine Neigung zu Fehlinvestitionen gewaltigen Ausmaßes hat der studierte Volkswirt und Mathematiker Kölmel nicht nur bei Kinowelt unter Beweis gestellt. Auch bei seiner Firma Sportwelt, die in Vermarktungsrechte meist zweitklassiger Fußballvereine investierte, warf er zeitweise Millionen und Abermillionen heraus. Allein der klamme 1. FC Union aus Berlin schuldete Kölmel kurz nach der Kinowelt-Pleite noch neun Millionen Euro.

Im Herbst 2002 war es dann soweit - auch Sportwelt rutschte in die lang prophezeite Insolvenz.



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