Kirch-Krimi Ackermann auf Schmusekurs?

Mit einem umstrittenen Interview, in dem er über die mangelnde Kreditwürdigkeit der KirchGruppe spekulierte, hat Deutsche-Bank-Chef Breuer viel Porzellan zerschlagen. Nun versucht sein Nachfolger Josef Ackermann angeblich, die Scherben aufzufegen.

Von


Breuer und Ackermann: Hat der Nachfolger den Noch-Boss mit einer Visite bei Kirch brüskiert?
AFP

Breuer und Ackermann: Hat der Nachfolger den Noch-Boss mit einer Visite bei Kirch brüskiert?

Frankfurt am Main/München - Die Krise des Kirch-Konzerns sorgt offenbar für Missklänge in der Top-Etage der größten Bank Deutschlands. Der künftige Vorstandssprecher, Josef Ackermann, ist jedenfalls persönlich mit dem Medien-Patriarchen Leo Kirch zusammengetroffen. Das gibt zu der Vermutung Anlass, das Ackermann Noch-Chef Rolf Breuer bewusst umgangen hat.

Ackermann halte nicht mehr still, und sei bei einem ersten Treffen mit Kirch zusammengekommen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf Bankenkreise. Ein konkretes Ergebnis des Gespräches über Schulden und Zukunftspläne soll es zwar noch nicht gegeben habe, so das Blatt.

Auffällig aber ist: Bisher war es stets Rolf Breuer, Vorstandssprecher noch bis Ende Mai, der mit dem Kanzler über die Krise des Müncheners debattierte, der in die Kirch-Zentrale jettete. Und der mit dem Interview mit Bloomberg TV die Wut der Kirch-Manager auf sich gezogen hat. "Das war der Versuch, uns zu exekutieren", soll ein Kirch-Vertrauter damals geklagt haben.

Nebelkerze von Kirch oder Bombe gegen Breuer?

Kirch-Sprecher Hartmut Schultz will weder bestätigen oder dementieren, dass ein Zweiergipfel Ackermann-Kirch stattgefunden hat. Ackermann weilt derweil in Peking und wird kaum den Fehler machen, öffentlich Stellung zu beziehen. Aus Deutsche-Bank-Kreisen ist zu erfahren, dass Ackermann tatsächlich unlängst mit Kirch zusammengetroffen ist. Allerdings sei dies zufällig am Rande einer Konferenz geschehen. Beide Männer hätten sich die Hand geschüttelt, wie höfliche Menschen dies eben tun. Irgendwelche Geheimgespräche habe es aber nicht gegeben.

In Kirchs Schulden-Krimi, in dem mit Spekulationen Politik gemacht wird und Gerüchte bewusst lanciert werden, um Verhandlungspositionen zu sichern, muss tatsächlich jede Meldung hinterfragt werden. Denkbar wäre also, dass die KirchGruppe oder andere interessierte Kreise eine Nebelkerze gezündet haben, um einen Interessenkonflikt zwischen Ackermann und Breuer zu konstruieren - und um die nicht eben freundlich gesinnte Deutsche Bank zu schwächen.

Schuldengenie Leo Kirch: Sein Reich muss schrumpfen, wird aber wohl nicht nach Art des Investment-Banking zerschlagen und verkauft
AP

Schuldengenie Leo Kirch: Sein Reich muss schrumpfen, wird aber wohl nicht nach Art des Investment-Banking zerschlagen und verkauft

Die Interpretation, wonach Ackermann Breuers Fehler korrigiert, ist aber mindestens genauso wahrscheinlich. Der Noch-Boss nämlich hat sich so weit vorgewagt, dass nicht nur in der sonst diskreten Banker-Branche kräftig mit den Köpfen geschüttelt wurde. Vor seinem Abgang in den Aufsichtsrat wollte er offenbar auf Kosten Kirchs vorexerzieren, wie gut die Deutsche Bank das Investmentbanking schon beherrscht. Er wollte die KirchGruppe filetieren, kostbare Beteiligungen wie die am Formel-1-Vermarkter SLEC, am spanischen Telecinco und am Axel Springer Verlag weiterverkaufen - und damit Kommissionen in Millionenhöhe einstreichen.

Breuers geplatzter Abschied von der Deutschland AG

Breuer wäre nicht als Repräsentant der kungelfreudigen "Deutschland AG" von der Bühne gegangen. Sondern als einer, der kurzfristige Profitmaximierung à la Goldman Sachs beherrscht - und dem die urdeutsche Treue der Hausbank zum Kreditnehmer nicht mehr als höchster Wert gilt. Ganz nebenbei hätte der Noch-Chef so einen Coup gelandet, bevor der Schweizer Ackermann antritt, der aus dem Investmentbanking kommt und der für angelsächsische Sitten steht.

HypoVereinsbank-Chef Schmidt: Er bewahrte deutsche Hausbank-Tugenden - und ließ Rolf Breuer in Bayern auflaufen
AP

HypoVereinsbank-Chef Schmidt: Er bewahrte deutsche Hausbank-Tugenden - und ließ Rolf Breuer in Bayern auflaufen

Dass Breuer sich mit seinem Vorstößen eine blutige Nase geholt hat, galt unter Beobachtern schon länger als ausgemacht. Breuers Bloomberg-Interview, das ein lautes Medienecho fand, löste auch bei Industriekonzernen Empörung aus. Manch einer wirft Breuer gar vor, das Bankgeheimnis verletzt zu haben - und hofft wohl, dass Kirchs angekündigte Schadenersatzklage gegen Breuer Erfolg hat.

Mondzahlen bewusst lanciert?

Dann ließ die Bayern-Connection den Frankfurter Top-Banker eiskalt auflaufen: Als Breuer Anfang des Monats zu Kirch nach Ismaning jettete, um den Ausverkauf des Kirch-Imperiums einzuläuten - da lag Kirch schon ein Breuer offenbar nicht bekanntes Angebot der HypoVereinsbank vor. Ihr Chef Albrecht Schmidt hatte Kirch versprochen, 1,1 Milliarden Euro für dessen 40-prozentigen Anteil am Axel Springer Verlag zu zahlen. Breuers Zerteilungspläne waren damit null und nichtig, er musste abreisen, ohne Kirch wie erhofft die Daumenschrauben angelegt zu haben.

Mitte Februar soll die Deutsche Bank dann Mondzahlen in Umlauf gebracht haben. Das "Wall Street Journal" sorgte für Aufsehen mit dem Bericht, Kirchs Verbindlichkeiten summierten sich auf 13 Milliarden Euro - doppelt so viel wie zuvor allgemein angenommen. Kenner spekulieren, dass die Deutschbanker die Zahlen gezielt lancierten, um den Druck auf die KirchGruppe zu erhöhen. Die meisten Finanzkenner halten die Zahlen für astronomisch und völlig überzogen.

Unmut bei den Konkurrenz-Banken

Wie sehr die Deutsche Bank sich vom Rest der Kirch-Banken entfernt hatte, zeigte sich auch, als sie zum Gläubigergipfel einlud. Ein konkurrierendes Treffen in München nämlich zog Medienberichten zufolge wesentlich mehr Entscheider an als die Deutschbanker-Runde. Während die anderen Banken um die Hypo und die Dresdner Bank in den Folgewochen an einer Auffanglösung für Kirch bastelten, stand die Deutsche Bank am Rande.

In den vergangenen Tagen aber soll der Druck der Frankfurter auf die Münchener bereits nachgelassen haben. Neben den Berichten über Ackermanns Eingreifen noch ein Indiz dafür, dass Breuer sein Spiel verloren hat. Dabei schien es nicht einmal besonders riskant.

Denn die Deutsche Bank ist kein klassischer Gläubiger der KirchGruppe. Ihr 700-Millionen-Euro-Kredit landete nur über Umwege bei ihr, ist mit Kirchs Springer-Aktien gesichert und steht damit auf soliderem Fundament als die Darlehen vieler anderer Banken. Eben das war es offenbar, was die Konkurrenz gegen Breuer aufbrachte: Er habe nur auf Gewinne und auf einen Prestige-Plus für sein eigenes Haus gezielt - und sich um die Gefahr für die anderen Kredithäuser nicht geschert.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.