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PLEITEN Kirchs Kreditanstalt

Millionenoptionen, dubiose Darlehen und satte Provisionen - ein brisanter Prüfbericht liefert erstaunliche Einblicke in die letzten Geschäftsjahre der insolventen KirchMedia.
aus DER SPIEGEL 47/2002

Fast reglos saß der Zeuge in Saal B 175 des Münchner Landgerichts, nippte hin und wieder etwas Wasser aus einem braunen Pappbecher und gab sich alle Mühe: Ausführlich, verbindlich und mit fester Stimme antwortete der Alte im grauen Anzug am Montag vergangener Woche eineinviertel Stunden lang auf die Fragen der Vorsitzenden Richterin Huberta Knöringer. Manchmal blitzte sogar durch, was Vertraute an ihm besonders schätzen: seine Selbstironie.

So kokettierte der Zeuge Leo Kirch, 76, im Prozess gegen seinen ehemaligen Mitarbeiter und späteren EM.TV-Gründer Thomas Haffa vor Gericht mit der eigenen Bekanntheit: »Ich weiß nicht, ob Sie es wissen: Ich bin ein Filmhändler seit 48 Jahren und bin es immer noch.« Er flachste über seine schwere Herzoperation: »Ich hatte die Freude, meinen Geist beim Notar zu hinterlegen.« Er machte sich über das eigene Augenleiden lustig: »Ich kann seit 25 Jahren weder eine Zeitung, noch eine Überschrift, noch ein Buch lesen und bin daher nur untergebildet.« Und vor allem nahm der prominente Pleitier seinen

ramponierten Ruf aufs Korn: »Man hat ja auch eine gewisse Filmhändlermoral.«

Wie es um das Berufsethos im eigenen Haus bestellt war, zeigt nun eine brisante und streng unter Verschluss gehaltene Dokumentation mit dem sperrigen Titel »Bericht über die Prüfung der Beziehungen zu verbundenen Unternehmen und nahe stehenden Personen bei der KirchMedia GmbH & Co. Kommanditgesellschaft auf Aktien«, eine Art Kartografie der Kirchschen Geldflüsse.

Schon Ende Mai, rund sechs Wochen nach dem Insolvenzantrag für die Kernfirma KirchMedia, hatten die neuen Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems und Wolfgang van Betteray die Düsseldorfer Wirtschaftsprüfer Schumacher & Partner damit beauftragt, die Zahlungsströme rund um den Konzern noch einmal genau zu prüfen. Nun haben die Düsseldorfer, die den Juni über in den Archiven der Ismaninger Firmenzentrale forschten, das Ergebnis ihrer diffizilen Detektivarbeit vorgelegt:

76 Seiten (ohne Anhang), die erstmals einen intimen Einblick in die letzten zwei Jahre der Unternehmensgeschichte (2000 bis zum 1. Quartal 2002) des undurchsichtigen Kommunikationskonzerns geben, der im April die größte Pleite der deutschen Nachkriegsgeschichte hinlegte.

Auch wenn es sich ausdrücklich nur um eine Faktensammlung und »keine rechtliche Würdigung« handelt und obwohl Kirch selbst geschwiegen hat (er wird im Bericht nicht als »Auskunftsperson« aufgeführt): Der Inhalt könnte für den Pleitier, sein Management und den KirchMedia-Aufsichtsrat heikel werden. Möglicherweise sogar so heikel, dass seine Begleiter den Patriarchen bei seinem nächsten Auftritt vor Gericht nicht in den Zeugenstand, sondern zur Anklagebank führen müssen.

Vor allem Kirchs einstige Mitgesellschafter wie Silvio Berlusconis Fininvest, Rupert Murdochs News Corp. und die deutsche Rewe-Gruppe, die 1999 einstiegen, werden den Bericht genau studieren, denn eines macht das Papier sehr deutlich: Leo Kirch und seine Entourage haben den Konzern offenbar bis zuletzt gesteuert, als wären sie noch alleinige Herren im Münchner Medienimperium gewesen.

Dem Schumacher-Report zufolge flossen noch kurz vor der Insolvenz hohe dreistellige Millionenwerte aus der Firma - als Darlehen an oder als Sicherheiten für weitere Kirch-Unternehmen: etwa der 25-prozentige KirchMedia-Anteil an dem spanischen Sender Telecinco, der damals rund 500 Millionen Euro wert war. Sogar den laufenden Betrieb der Einkaufssenderkette Hot Networks finanzierte die KirchMedia mit, obwohl sie an dem Unternehmen gar nicht direkt beteiligt war. Ausgerechnet Kirch, selbst Meister im Schuldenmachen, betrieb mit der KirchMedia nicht nur einen Kommunikationskonzern, sondern auch eine Art privater Kreditanstalt.

Beispiel KirchBeteiligungs GmbH: Besonders pikant ist ein Darlehen von »bis zu 150 Millionen Euro«, das die KirchMedia ihrer Schwesterfirma noch am 2. April 2002 gewährte, da diese laut Vertrag »für ihre Aktivität temporär Mittel benötigt und eine finanzielle Unterdeckung vermieden werden sollte« - sechs Tage, bevor die KirchMedia selbst Insolvenz anmelden musste.

Von dem Kreditrahmen, so heißt es in dem Bericht weiter, seien »bis zum 31. 12. 2001 bereits 133 Millionen in Anspruch genommen worden« - ohne dass es darüber 2001 eine »gesonderte schriftliche Vereinbarung« gegeben habe. Interessant auch der Grund, weshalb die Schwesterfirma so dringend Geld brauchte: Das Unternehmen habe »Forderungen gegen Thomas Kirch« gehabt, und KirchMedia sei für die Schulden des Kirch-Sohns eingetreten. »Eine Rückzahlung des Darlehens«, heißt es in dem Schumacher-Papier, sei bis Redaktionsschluss (26. 6. 2002) »nicht erfolgt«.

Viel Geld pumpte die KirchMedia auch in die Einkaufssenderkette Hot Networks, an der Thomas Kirch und der heutige Premiere-Chef Georg Kofler zusammen die Mehrheit hielten. Noch für die ersten drei Monate dieses Jahres überwies der Pleitekonzern Kirch junior und Kofler jeweils ihre Einlagen für das laufende Geschäft: im Januar jeweils 1,7 Millionen Euro, im Februar 3,4 Millionen, im März 1,9 Millionen.

Zuvor hatte KirchMedia Georg Kofler am 20. Dezember 2001 »zur Finanzierung der laufenden Liquiditätsbedürfnisse« bereits ein Darlehen über 36 Millionen Euro gewährt - und 15,7 Millionen bei Abschluss bereits ausgezahlt. Obwohl Kirch und Kofler ihre Hot-Anteile Anfang Juni verkauften, heißt es im Bericht auch zum Kofler-Kredit: »Bis zum Prüfungszeitpunkt (24. Juni 2002) konnte ein Rückfluss nicht festgestellt werden.« Auf Anfrage sagt Kofler dazu: »Das war kein Darlehen an mich, sondern an Thomas Kirch, der auf Grund eines Kooperationsabkommens die Verpflichtung zur Finanzierung meiner Anteile an Hot Networks übernommen hat.« Dies sei klar dokumentiert: »Ich bin da absolut relaxed.«

Es waren beileibe nicht nur Kofler und Kirch junior - der ganz nebenbei von KirchMedia über einen Beratervertrag noch bis März 2002 monatlich 25 000 Euro kassierte - die von den zahllosen internen Darlehen, Deals und Transaktionen profitierten: Das umfangreiche Kapitel über »nahe stehende Personen« liest sich wie ein generöses »friends&family«-Programm, das leitende Kirch-Mitarbeiter mit ganz besonderen Gratifikationen bedachte:

* Kirch-Vize Dieter Hahn verfügt neben einem Kredit von 1,5 Millionen Mark von Seiten der Taurus Holding, der erlassen werden sollte, über eine bislang unbekannte so genannte Put-Option: Danach »verpflichtet sich die TaurusProduktion, an die Hahn Beteiligungs- und Verwaltungsgesellschaft einen Betrag von 10,3 Millionen Mark zu zahlen«, sollte Hahn von seinem einseitigen Kündigungsrecht für die Option Gebrauch machen.

* Ähnlich gut ging es auch dem ehemaligen Sat.1-Manager und heutigen Kirch-Fernsehvorstand Fred Kogel: Er hält 26 Prozent der KirchMedia Entertainment (KME) und hat sich im April 2001 das vertragliche Recht einräumen lassen, der KirchMedia zehn Prozent davon für zehn Millionen Mark zu veräußern. Grundsätzlich sei der Put »wohl noch aktuell«, so Kogel. Daran sei aber »nichts verwerflich": »Schließlich habe ich die KME aufgebaut.«

* Von Kirchs Großzügigkeit profitierte auch sein US-Statthalter Klaus Hallig, der ne-

ben einem Jahressalär von 1,6 Millionen Dollar üppige Provisionen kassierte: Für die Output-Verträge von 1995 mit den Hollywood-Studios bekam Halligs Firma ITTC allein 13,6 Millionen Dollar.

* Höhepunkt des Geldgeschachers: Dem Prüfpapier zufolge hat Thomas Haffa im Juli 2001 einen Vertrag mit KirchMedia geschlossen, durch den ihm »ein Bankdarlehensrahmen über DM 90 Millionen zur Finanzierung privater Steuerverbindlichkeiten gewährt wurde« - zusätzlich zu einer Option, die es ihm erlaubte, 16,4 Prozent seiner Anteile an EM.TV »der KirchMedia gegen Zahlung von 180

Millionen Mark anzudienen« - »unabhängig von Wert und Existenz der EM.TV«.

Auf Kirchs persönlichem Verrechnungskonto konnten die Prüfer indes »keine beachtlichen Geschäftsvorfälle« entdecken.

Dennoch offenbart sich ein merkwürdiges System von künstlich geschaffenen Abhängigkeiten, hemdsärmlig gewährten Gratifikationen und kaum zu durchschauenden Gegengeschäften. Die Mitgesellschafter bei der KirchMedia dürften darauf nur gewartet haben: So hatte etwa Medienriese Murdoch schon im Januar angekündigt, im Konkursfall »alle rechtlichen Schritte« gegen diejenigen einzuleiten, die im fraglichen Zeitraum »bevorzugende Zahlungen« gegenüber Dritten »verursacht oder toleriert« haben (SPIEGEL 6/2002).

Mittlerweile liegt der brisante Bericht auch bei der Staatsanwaltschaft München und »wird gerade gelesen«, heißt es dort lapidar. Zur Kirch-Vernehmung im Haffa-Prozess kamen auffälligerweise bereits zwei Vertreter der Staatsanwaltschaft. Bei den Zeugen vor und nach Kirch reichte einer.

»Die Sache kann nicht nur für Kirch selbst heiß werden«, so ein mit dem Bericht vertrauter Jurist, »sondern auch für das Management und den Aufsichtsrat.« Das Instrumentarium juristischer Daumenschrauben reiche »von zivilrechtlichen Ansprüchen auf Schadensersatz bis zum strafrechtlichen Vorwurf der Untreue«. Auch das Insolvenz-Management will den Bericht nun checken lassen, ob sich Ansprüche für die Gläubiger ergeben.

Richterin Knöringer, die Kirch in Sachen Haffa vernahm und vorher schon Boris Becker verurteilt hatte, bliebe der Trubel eines möglichen Kirch-Prozesses zu ihrer Erleichterung wohl erspart: Sie betreut in Wirtschaftssachen nur Angeklagte, deren Vornamen mit den Buchstaben A bis J beginnen. MARCEL ROSENBACH

* Am 11. November vor dem Landgericht München.* Mo Asumang und Susann Atwell.

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