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KÜSTE Kirmes auf See

Die Hochseeangelei, eine neue Form des See-Tourismus, kam an der Küste ins Gerede: Auf den Angelfahrzeugen wird häufig unmäßig getrunken, Sicherheitsbestimmungen werden oft mißachtet.
aus DER SPIEGEL 19/1976

Nachmittags, in Höhe von Leuchtturm Kiel, hatte Ernst Krause*, Teilnehmer einer Hochseeangeltour auf der Laboer »Orion«, genug. Nach vielen Bieren und Kurzen kippte er über die Reeling in die See. Obschon ihm sofort zwei Mann nachsprangen und ihn bargen, kam der ausgeflippte Sportangler erst nach mehrtägigem Aufenthalt in der Intensivstation wieder zu Bewußtsein.

Ergebnis der Verhandlung vor dem Flensburger Seeamt, das Krauses Bad am Leuchtturm jetzt als »Seeunfall« zu untersuchen hatte: Den Schiffsführer der »Orion« -- der inzwischen Berufung einlegte -- treffe ein »Mitverschulden« an Angler Krauses Rausch und Reinfall, weil er »übermäßigen Alkoholgenuß« und eine »Selbstgefährdung des Verunglückten« nicht verhindert habe. Überhaupt, rügte das Seeamt' werde auf Angeltouren häufig und heftig getrunken. Ordnungsämtern, Polizei und Seeberufsgenossenschaft sei deshalb zu raten, »die notwendigen Maßnahmen« gegen »übermäßigen Alkoholgenuß auf Angelkuttern« zu ergreifen.

Der Seeamts-Rüffel galt einer Branche, die ihren seit Ende der sechziger Jahre anhaltenden Aufschwung zu einem gut Teil eben dem Alkohol verdankt: Allein von den Hafenplätzen an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste laufen während der Hochsaison Tag für Tag mehr als 60 Fahrzeuge mit Sportfischern und seefahrtlustigen Touristen zu Angelpartien in die Lübecker und Kieler Bucht aus.

Berufsfischer packten ihre Netze beiseite und lassen jetzt gegen Entgelt auf ihren Kuttern angeln. Profis aus der Schiffahrtsbranche' aber auch clevere Außenseiter rüsteten klapprige Küstenmotorschiffe und ausgemusterte Marineboote zu Angelfahrzeugen um. Der Größte im Geschäft, der gelernte Nautiker und Heiligenhafener Reeder Willy Freter, schaukelte letztes Jahr allein 83 700 Angler aufs Meer, und von Laboe aus gehen jährlich fast 100 000 auf die Jagd nach Dorsch, Wittling, Hering oder Makrele -- zu einem Billig-Fahrpreis von zehn Mark für rund achteinhalb Stunden.

So preiswert ginge es freilich nicht, gäbe es keine Zollverordnung über die sogenannte große Transitration: Passagiere eines Schiffes, das sich acht Stun-

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

den außerhalb des Zollgebietes -- außerhalb der »Strandgrenze« -- befand, dürfen jeweils einen Liter zollfreie Spirituosen, 200 unverzollte Zigaretten sowie unter anderem zwei Kilo Butter mit an Land nehmen. Dem zollfreien Verzehr an Bord sind überdies keinerlei Grenzen gesetzt.

Sportangelfahrzeuge sind denn auch halb Sportstätten, halb -- wie die »Butterdampfer« -- Kaufläden und Kneipen zur See. wenn auch häufig ohne Schankerlaubnis nach den Regeln des Gaststättengesetzes. Und die Umsätze mit zollfreier Butter. zollfreien Zigaretten und Alkoholika (zum Beispiel: Preis eines Glases Doppelkorn zum Schlucken an Bord 60 Pfennig, Preis einer Buddel Doppelkorn zum Mitnehmen acht Mark) bringen die Angelunternehmer überhaupt erst in die Gewinnzone.

Ohne die Zollvergünstigungen, deren Streichung Bonn bereits mehrfach angekündigt hat, »müßte man«, so Karl-Heinz Hafermann, Malermeister von Hause aus, daneben Geschäftsführer und Mitinhaber der mit fünf Angelschiffen tätigen Laboer Germania-Reederei. »statt für zehn für 25 Mark fahren«. Hafermann: »Dann käme keiner mehr.«

Zur Hebung des Geschäfts werden deshalb manche Angeischiffer von ihren Arbeitgebern am Umsatz beteiligt, und Winfried Dobbrunz, Geschäftsführer des Landessportfischerverbandes Schleswig-Holstein, weiß von »schwarzen Schafen« unter den Schiffern, die den Bordkantinen-Absatz auch schon mal auf folgende Weise ankurbeln: »Morgens fahren die erst mal über »ne Bank, wo Dorsche stehen, damit etwas gefangen wird. Dann lassen sie das Schiff in die Wüste treiben, wo nichts mehr ist. Nun langweilen sich die Leute und fangen mit dem Alkohol an.«

Oft allerdings hält der Bord-Service mit den volkstümlichen Schnapspreisen und seinen Folgen nicht Schritt. Die Gemeinde Laboe beispielsweise rügte in einem Schreiben an die Angel-Unternehmer »Betr.: Volltrunkene Fahrgäste an Bord«, Schiffseigner hätten es versäumt, »sich ihrer Betrunkenen anzunehmen«, und berauschte Angler nach Rückkehr einfach »von Bord gesetzt und ihrem Zustand überlassen«. Zumindest müsse die Köm-Kundschaft Orientierungshilfe erwarten können. damit »solche Fahrgäste in ihren Bus beziehungsweise in ihre Unterkunft finden«.

Doch wie mancher heimkehrende Hochseeangler ist auch manches Angelfahrzeug übervoll. Die Wasser- und Schiffahrtsdirektion Nord in Kiel sah sich jetzt genötigt, die Führer und Eigner der Schiffe »mit allem Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, daß der Einsatz dieser Fahrzeuge auf See bestimmten gesetzlichen Regeln unterliegt« -- etwa Bestimmungen über die zulässige Fahrgastzahl.

So war, nach Feststellungen der Wasserschutzpolizei. der Angler-Transporter »Langeland« schon mit 47 Passagieren in See gegangen. obwohl er laut »Fahrterlaubnisschein« nur 20 befördern durfte. Die »Sirius« hatte schon 70 statt erlaubter 50 Angler an Bord gehabt, die »Deutschland« 73 statt 48.

Der Kapitän der »Seeadler« mußte für mehr als 50prozentige Überladung 1000 Mark Bußgeld zahlen, und Germania-Reeder Hafermanns »Orion« fiel der Polizei letztes Jahr innerhalb von drei Monaten gleich an 29 Tagen durch Überladung auf -- ein Umstand. der Richter Dieter Rohlfs, Vorsitzender des Flensburger Seeamts, »Anlaß zu dem Verdacht gibt, daß die Kapitäne auf diesen Schiffen erst am Ende einer Reise errechnen, wie viele Passagiere sie an Bord gehabt haben, und zwar anhand der verkauften Schnapsflaschen«.

Für Branchenführer Freter sind solche Klagen über das Gewerbe Folgen »rein organisatorischer Probleme«, mit denen eben mancher Unternehmer besser, mancher schlechter fertig werde. Hafermann' als dessen Gast Angler Krause baden ging, bleibt gelassen: »Ob Kirmes oder Jahrmarkt, wo sich Menschenmassen konzentrieren, gibt es auch Zwischenfälle.« Den Seeamtsvorsitzenden Rohlfs aber »überrascht eigentlich«

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