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BMW Kläglich gescheitert

Der Münchner Autohersteller hat Pech mit seinen Firmenbeteiligungen.
aus DER SPIEGEL 44/1989

Eberhard von Kuenheim ist erstaunlich zurückhaltend geworden. Früher hatte der BMW-Chef stets einen spöttischen Spruch parat, wenn es um den Einstieg des Konkurrenten Daimler-Benz bei anderen Firmen ging. Zur Übernahme der AEG durch die Stuttgarter vermerkte Kuenheim beispielsweise: »Wir werden uns nicht an einem Unternehmen beteiligen, damit unsere Belegschaft verbilligt Kühlschränke beziehen kann.«

In letzter Zeit aber kommentiert der BMW-Lenker die Aktivitäten von Daimler fast schon ehrfürchtig. Durch den Einstieg bei MBB, so Kuenheim, versuchten die schwäbischen Kollegen »mit viel Mut etwas für den langen Zeitraum zu gestalten«.

Kuenheim hat guten Grund, nun die leiseren Töne anzuschlagen. Denn mit seiner eigenen Beteiligungspolitik, die er in aller Stille verfolgte, ist der BMW-Chef recht kläglich gescheitert.

BMW ist bei einer ganzen Reihe kleinerer Unternehmen eingestiegen, darunter einem Computer-Softwarehersteller, einer Roboterfirma und Chemiespezialisten. So manches Engagement stellte sich inzwischen als Fehlschlag heraus. Allein der Einstieg bei der Schweizer Kunststoffirma Belland, die zwischenzeitlich vom Konkurs bedroht war, kostete BMW nach Auskunft eines Aufsichtsrats rund 50 Millionen Mark.

Der für die Beteiligungen verantwortliche Manager Wolfgang Aurich muß für die Fehlgriffe nun büßen. Der behende BMW-Mann, für den schon ein Platz im BMW-Vorstand reserviert war, räumt seinen Posten als Leiter des Unternehmensbereichs »Neue Geschäftsfelder«. Aurich wird zu einer BMW-Erwerbung, der Elektronikfirma Kontron, abgeordnet.

Aurich mußte erfahren, wie schwierig es für einen Autokonzern ist, neben dem Stammgeschäft andere Gebiete zu erschließen - und dies, obwohl BMW, ganz anders als Daimler-Benz, sich recht vorsichtig auf ungewohntes Terrain begeben hatte.

Wolfgang Aurich gab rund 150 Millionen Mark für Beteiligungen aus. Mit dem Geld erwarb BMW gut 30 Prozent der Fernseh- und Kommunikations-Firma Loewe Opta und Beteiligungen an mehreren kleinen Firmen, deren Namen (Cimflex, Cisigraph, Intec und Nova beispielsweise) in der Industrie kaum bekannt sind. Zudem stieg BMW über Risiko-Kapital-Firmen in den USA und Berlin bei fast zwei Dutzend High-Tech-Unternehmen ein.

Doch bei vielen der »unkonventionellen, mutigen Erfinderunternehmen« (Kuenheim) zeigte sich schnell, daß sie in ihren Labors zwar tolle technische Lösungen präsentieren können; doch nur ganz selten kam einmal ein Produkt heraus, das auch zu verkaufen war.

Die Belland AG im schweizerischen Solothurn beispielsweise will aus wasserlöslichen Kunststoffen Gewächshausfolien, Zigarettenschachtel-Hüllen und Plastikgeschirr herstellen, die nach Gebrauch aufgelöst werden können und keinen Abfall hinterlassen.

Bislang aber konnte Belland noch keines dieser Produkte auf den Markt bringen. Die Firma erwirtschaftet Verluste, BMW muß sie mit immer mehr Geld vor dem Konkurs bewahren.

Für BMW-Chef Eberhard von Kuenheim waren die kleinen Engagements nur eine »Lernphase«. Vor knapp zwei Jahren schickte er seinen Aurich deshalb aus, ein größeres Unternehmen auszusuchen, bei dem BMW einsteigen könnte. Mitte der neunziger Jahre, so plante Kuenheim, sollten 10 bis 20 Prozent des Umsatzes von BMW aus neuen Geschäftsfeldern stammen. Finanzchef Volker Doppelfeld hielt für den Kauf einer Firmenbeteiligung »deutlich über eine Milliarde Mark« bereit.

BMW-Manager Aurich suchte zuerst in den USA nach einer Firma, bei der sich der Einstieg lohnte. Das Unternehmen sollte sich mit fortschrittlicher Technologie beschäftigen, auf wachstumsträchtigem Terrain tätig und obendrein profitträchtig sein.

Doch Aurich wurde nicht fündig. In den USA, wo Firmenübernahmen fast wie ein Gesellschaftsspiel betrieben werden, sind die Preise, wie er erkannte, »schon verdammt hoch«.

Mitte vergangenen Jahres sah es so aus, als habe Aurich in der Bundesrepublik endlich etwas Passendes gefunden: Die Bergmann-Elektricitäts-Werke AG, ein Konglomerat aus vier Dutzend Firmen mit 1,7 Milliarden Mark Umsatz, stand zum Verkauf. Besonders interessiert war BMW an der zu Bergmann gehörenden Telefonbaufirma DeTeWe.

Kuenheim wollte aber für die Hälfte des Unternehmens plus einer Aktie nicht mehr als rund 150 Millionen Mark bezahlen. So billig war Bergmann jedoch nicht zu bekommen. Die Röchling Industrie Verwaltung bot mehr und bekam den Zuschlag.

Seitdem ist bei BMW, wie es ein Manager vorsichtig umschreibt, »eine gewisse Ernüchterung« eingekehrt: Firmen, die gut sind, stehen nicht zum Kauf oder sind zu teuer. Und Unternehmen mit vielen Problemen mag BMW, selbst wenn sie günstig zu haben sind, nicht übernehmen.

Eberhard von Kuenheim kann seinen Plan, BMW neben dem Automobilgeschäft eine zweite Einnahmequelle zu sichern, nun wohl vergessen. In Deutschland, so hat ein BMW-Vorstand erkannt, »gibt es anscheinend keine größere Firma, die für uns in Frage kommt«.

Das mag für die BMW-Lenker im Moment zwar ärgerlich und peinlich sein; dem Unternehmen könnte der Fehlschlag aber auf Dauer durchaus zum Nutzen geraten.

Nun brauchen sich die Münchner Autohersteller nur um die kleinen Probleme ihrer kleinen Beteiligungen zu kümmern. Anders als die Kollegen in Stuttgart können sie ihre ganze Schaffenskraft dem Fahrzeuggeschäft widmen.

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