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WHISKY Klar wie Wasser

Weil der schottische Whisky-Riese Distillers Company den Wettbewerb behindert, meinen die EG-Kartelljäger in Brüssel, sind seine Produkte auch unnötig teuer.
aus DER SPIEGEL 52/1977

Der »Unsinn betrunkener EuropaBeamter«, meinten schottische Unterhausabgeordnete in London, gehe nun wirklich zu weit. Es sei unfair und ungerecht, dem größten Whisky-Produzenten ihrer Heimat, der Distillers Company Ltd., vorzuhalten. sie verstoße gegen geltendes EG-Recht und verletze die Normen des freien Handels.

Genau das nämlich hat Raymond Vouel, EG-Europas ranghöchster Karteildetektiv, den Schotten vorgeworfen. Für ihn ist es »so klar wie das Wasser, mit dem der Whisky gemacht wird«, daß die Schotten auf Vertriebspraktiken verfielen, die ihre Kunden in den Ländern des Europäischen Marktes teuer zu stehen kommen. Wann immer der Tag geht und Johnnie Walker aus Schottland zu den Kontinental-Europäern kommt, dann tut er das nach Ansicht der Brüsseler gewissermaßen außerhalb der Legalität.

Die Eurokraten sind sich ihrer Vorwürfe sicher. Als etwa am vergangenen Montag Englands Landwirtschaftsminister John Silkin zugunsten seiner Landsleute intervenieren wollte, wies ihn Vouel ab: Auch für die britische Whisky-Industrie würden die Europafunktionäre »keine Extrawurst braten«.

Den ersten Ärger mit ihren Vertriebsmethoden hatten sich die Schotten 1973 eingehandelt. Distillers, die im vergangenen Jahr weltweit Whisky und Gin im Wert von 3,4 Milliarden Mark verkauften, hatten damals freien britischen Exporteuren verboten, Distillers-Spirituosen in der Bundesrepublik. Frankreich oder einem anderen EG-Staat zu vertreiben. Diese Aufgabe behielten sie eigenen Vertriebsfirmen vor -und die wußten die rechten Handelsspannen einzukalkulieren.

Dieser Exklusivverkauf widersprach nach Meinung der EG-Kartelljuristen dem Artikel 85 Absatz 1 des EG-Vertrages*. Die Schotten wurden verwarnt -- und strichen die Verbotsklauseln aus den Verträgen mit den englischen Händlern.

Doch das scheinbare Einlenken nutzte weder den europäischen Whis-

*Artikel 85,1 lautet: Mit dem Gemeinsamen Markt anvereinbar und verboten sind alte Vereinbarungen zwischen Unternehmen, Beschlüsse von Unternehmensvereinigungen und aufeinander abgestimmte Verhaltensweisen, welche den Handel zwischen Mitgliedstaaten zu beeinträchtigen geeignet sind und eine Verhinderung, Einschränkung oder Verfälschung des Wettbewerbs innerhalb des Gemeinsamen Marktes bezwecken oder bewirken. insbesondere die unmittelbare Festsetzung der An- oder Verkaufspreise oder sonstiger Geschäftsbedingungen.

ky-Trinkern noch den Brüsseler Kartellbeamten. Distillers, zu deren Marken neben Johnnie Walker auch White Horse und Haig gehören, wußten sich zu helfen -- diesmal über die ausgestellten Rechnungen.

Nach den Ermittlungen der EG-Kommission verweigerten die Schotten den freien Exporteuren hartnäckig jene Rabatte, die bei Inlandsverkäufen in England üblich sind. Folge: Distillers-Whisky kostete die unabhängigen Händler doppelt soviel wie jene Kollegen, die sich als Vertragshändler den Wünschen des Spirituosen-Produzenten beugten.

Schlecht für Distillers-Kunden auf dem Kontinent: Mit seinen Renommier-Marken herrscht der schottische Konzern auf fast allen Märkten der Gemeinschaft: Jede dritte Flasche Whisky, die in Deutschland über den Ladentisch geht, stammt aus Distillers-Fabriken. Einen ähnlichen Marktanteil haben sich die Schotten in Italien und Frankreich gesichert.

Noch besser liegen sie daheim in Britannien, in Belgien und in Luxemburg: Jede zweite verkaufte Whisky-Flasche trägt dort den Namen Distillers auf dem Etikett.

Den Brüsseler Kartellbürokraten fiel es denn auch nicht schwer, die neuen Tricks der Schotten aufzuspüren. Schon bald merkte Kommissar Vouel, daß auch die neuen Vertriebsmethoden »nicht koscher« waren. »Distillers«. so Vouel, »hatten das gerügte System durch die Hintertür wieder eingeführt.«

Wieder mahnten die Brüsseler bei den Schotten korrektes Marktverhalten an. Auf ein Bußgeld allerdings verzichtete Vouel. Der Kommissar unterstellte Distillers' »nicht aus bösem Willen« gehandelt zu haben. Er baute darauf, daß sich die Schotten am Ende doch noch zu einem EG-konformen Verhalten überreden lassen würden. »Wir waren«, meinte der Beamte letzte Woche, »Distillers gegenüber großzügig.«

Der Whisky-Konzern allerdings dachte gar nicht daran, solche Großzügigkeit zu honorieren. Und bald fragte sich Vouels Mannschaft, was die Schotten bewege, auf die Brüsseler Demarchen so »überaus gelassen« (so ein EG-Beamter) zu reagieren.

Ganz offensichtlich, so meinen die Karteildetektive inzwischen, fühlte sich der Konzern gut gegen die EG gerüstet.

Zur Verteidigung ihrer Interessen mobilisierten die Schotten Abgeordnete, Minister und sogar -- einmalig, in der Geschichte der Brüsseler EG-Kommission -. einen EG-Kommissar.

Budget-Kommissar Christopher Tugendhat, Mitglied der britischen Konservativen Partei, machte sich in dem Brüsseler Gremium zum Erstaunen seiner Kollegen zum Lobbyisten des Whisky-Konzerns.

Der bei den Kommissaren zirkulierende schriftliche Beschluß der Kommission, mit dem die Regelverstöße von Distillers geahndet werden sollten, wurde von dem Briten nicht weitergereicht. Man müsse, so Tugendhat seinen Kollegen gegenüber, Maßnahmen gegen den Konzern »im großen wirtschaftlichen Zusammenhang« sehen. Ein Beschluß gegen Distillers müsse in der Kommission mündlich erörtert werden.

Damit hatte Tugendhat bereits erreicht, was die schottischen Whiskybrenner angestrebt hatten: eine Verschiebung des Kommissionsbeschlusses. der ihnen eine Änderung ihres Vertriebssystems auferlegen würde.

Wettbewerbskommissar Vouel, in der Chefetage des EG-Gebäudes Berlaymont als eher zurückhaltend bekannt, fühlt sich düpiert. Das Ganze, so erregte er sich vor Mitarbeitern, erinnere an einen Mann, der einen anderen bei einer Vergewaltigung überrasche und ihn mit den Worten beruhige: »Mach nur erst zu Ende, dann sprechen wir über Recht oder Unrecht.«

Und gegenüber dem SPIEGEL äußerte Vouel: »Eine Rechtsvergewaltigung, die durch Verzögerungen auf einige Zeit sanktioniert wird, endet in der politischen Anarchie.«

Vouels Mannschaft hofft nun, daß trotz (ler Gegenwehr des Briten Tugendhat ein Beschluß gegen Distillers noch vor Neujahr von der Kommission verabschiedet wird.

Gegen Einsprüche der Schotten beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg fühlen sich die Brüsseler gefeit. Denn der Gerichtshof der EG hat »in Bergen von Gerichtsurteilen« (ein Vouel-Intimus) das Vorgehen der Brüsseler Wettbewerbshüter gegen gleiche Praktiken bei anderen Firmen gebilligt.

Wird der Whisky-Konzern abgeschmettert, dann, so hofft Vouel. »wird auch der Whisky billiger«.

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