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UNTERNEHMEN Kleiner Bruder

Ärger in der Deutschland-Filiale des Kopierer-Herstellers Rank Xerox: Spitzenmanager werden gefeuert, die Belegschaft befürchtet Massenentlassungen.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Der neue Deutschland-Chef des Elektronik-Multis Rank Xerox gab sich kumpelig. »Meine Freunde«, führte sich Hans-Adolf Barthelmeh, 57, bei seinen Mitarbeitern ein, »dürfen mich Dolfi nennen.«

Doch seine neuen Manager-Kollegen blieben lieber beim Sie und fanden bald einen passenderen Namen: »Adolf, der Rausschmeißer.«

Der hemdsärmelige Barthelmeh, der 1973 als Ford-Chef und erst vor zwei Jahren als Generaldirektor bei der Bielefelder Maschinenfabrik Gildemeister gehen mußte, räumt nun seinerseits bei Rank Xerox gewaltig auf.

Bei Barthelmehs Amtsantritt am 1. November vergangenen Jahres mußten gleich zwei der sechs Geschäftsführer gehen, vier leitende Direktoren quittierten den Dienst am Jahresende. Der Neue, ganz stolz: »Normalerweise saniert man ein Unternehmen von unten nach oben. Ich mache es umgekehrt.«

Auf die Rank-Xerox-Belegschaft dürfte daher noch einiges zukommen. Mindestens die Hälfte der rund 1000 Arbeitsplätze in der Düsseldorfer Verwaltung soll nach Schätzungen des Betriebsrats wegrationalisiert werden.

Mit derart rigorosen Sparmaßnahmen wollen Xerox und sein englischer Partner Rank die deutsche Dependance, die 700 Millionen Mark Umsatz macht und damit die größte Auslandstochter des Konzerns ist, aus einer Ertragskrise manövrieren: 1980 blieb die deutsche Rank Xerox nur knapp in der Gewinnzone.

Anfang der siebziger Jahre noch, als die Firma in Deutschland ein Monopol auf Trockenkopierer besaß, erwirtschaftete das Unternehmen in der Bundesrepublik Traumrenditen: Rund 30 Prozent vom Umsatz blieben als Gewinn auf den Konten. Als 1974 dann die ertragreichen Kopier-Patente ausliefen, bauten die Xerox-Bosse auf ihren technischen Vorsprung. Doch der war bald weggeschmolzen.

Vor allem japanische Konzerne wie Canon, Mitsubishi und Minolta schnappten mit ihren billigen Kompaktgeräten Rank Xerox weltweit immer mehr Kunden weg.

Überdies hapert es bei der Ersatzteilversorgung, die vor allem auch bei der deutschen Tochter nicht so recht funktioniert. Die britischen Fabriken liefern unregelmäßig und oft auch noch falsche Teile. Um ihre deutschen Kunden nicht zu vergrätzen, müssen Techniker bei Reparaturen neue oder überholte Kopiergeräte ausschlachten.

Um gegen die Konkurrenz wieder besser bestehen zu können, will die Konzern-Mutter nun bei allen Auslandstöchtern die Kosten drücken.

In Deutschland wurde Hans-Adolf Barthelmeh als Sparkommissar ausgeguckt. Der Manager, der weder bei Ford noch bei Gildemeister vom Erfolg verwöhnt wurde, soll das Düsseldorfer Unternehmen völlig umkrempeln.

Das Schema hierfür entwickelten die Bosse in den USA. Xerox will alle Auslandsmärkte in Regionen aufteilen. Und jede Region, ob in Nordamerika oder in Europa, soll von einem neuartigen, bei der Konzern-Mutter entwickelten Computer-System gesteuert werden. In den Verwaltungen der Töchter werden dann reihenweise die Arbeitsplätze weggeputzt.

Wer bei Rank Xerox bleiben darf, ist allerdings auch nicht zu beneiden. In dem Elektronik-Konzern geht es bald wohl zu wie in George Orwells Roman »1984«.

Als großer Bruder, dem nichts und niemand entgeht, fungiert die Xerox-Zentrale im US-Staat Connecticut. Sie dirigiert alle Regionen, auch die in Übersee, weitgehend von Amerika aus. Die neuen Elektronikgehirne überwachen praktisch jeden Arbeitsplatz in dem weltweit verzweigten Trust. Für ihr totales Kontrollsystem sicherten sich die US-Bosse sogar einen eigenen Kanal in einem Nachrichten-Satelliten.

Später, wenn die Amerikaner am Beispiel des eigenen Konzerns den Spareffekt ihrer modernen EDV-Technik demonstrieren können, will Rank Xerox das System seinen Kunden als »Büro der Zukunft« -- vor allem wohl für Multis geeignet -- offerieren.

Der kleine Bruder Barthelmeh muß sich daher bei seiner Umorganisation sputen. Mit einem Dementi versuchte er zunächst, die aufgeregte Belegschaft zu besänftigen. Entlassungen, verkündete der Top-Manager auf einer Belegschaftsversammlung Anfang Dezember in Düsseldorf, seien nicht geplant.

Doch Barthelmehs Mitarbeiter glauben es besser zu wissen. Genaue Informationen über die Pläne des Multis verschafften sich Betriebsrat und Gewerkschaft vor einigen Wochen in Genf. Xerox-Angestellte aus zehn europäischen Ländern trafen sich hier, um gemeinsam nach Abwehrstrategien gegen das jobkillende Computer-System zu suchen.

Die Düsseldorfer Betriebsräte fanden bereits Gelegenheit, eine Gegenmaßnahme zu erproben. Mit einer Massenklage will die gesamte Belegschaft ein neues Gehaltssystem verhindern.

Nach diesem neuen Haustarif -- der ersten Stufe in Barthelmehs Sanierungsprogramm -- müßten nach Gewerkschaftsberechnungen zwei Drittel der deutschen Mannschaft mit Einstufungen in niedrigere Gehaltsklassen rechnen.

Alle Arbeitsplätze sollen nach einem von amerikanischen Unternehmensberatern ausgeklügelten Leistungsschema neu bewertet werden. Die Anforderungen an die Mitarbeiter, begründet die Geschäftsführung den Vorstoß, seien durch den Einsatz modernster Büromaschinen in den letzten Jahren ständig gesunken.

Eine Mitsprache der Betriebsräte bei der Neuordnung der Gehälter lehnte Barthelmeh strikt ab. Von Mitbestimmung hält der neue Chef nicht viel. »Die ist«, verkündete Barthelmeh unlängst vor Betriebsräten, »von den Besatzungsmächten eingeführt worden, um die deutsche Wirtschaft klein zu halten.«

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