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Unternehmer Kleiner Hai

Ein kaum bekannter deutscher Investor machte in London Karriere - und Hunderte von Millionen Mark.
aus DER SPIEGEL 22/1996

Für Dieter Bock brachte das Leben in London reichlich Streß und Streit. In seinem schütteren Schopf, meint der Lonrho-Chef, 57, seien ihm in den vergangenen drei Jahren einige graue Haare gewachsen.

Der ganze Ärger hat sich für Mr. Bock allerdings gelohnt: Der ohnehin reiche Spekulant ist noch etwas reicher geworden.

Mehr als 140 Millionen Aktien des britischen Mischkonzerns Lonrho hatte der Deutsche damals gekauft. Nach heutigem Kurs, rechnet Bock vor, habe er seinen Einsatz fast verdoppelt: auf 630 Millionen Mark.

Bisher steht der schöne Gewinn nur in den Büchern, doch das muß nicht so bleiben. Der Firmenchef hat mit dem südafrikanischen Minenkonzern Anglo American ein Vorkaufsrecht für seine Anteile ausgehandelt. Dafür müßten die Afrikaner womöglich weit mehr als 700 Millionen Mark bezahlen.

Die Öffentlichkeit hat Deutschlands erfolgreichsten Spekulanten bisher kaum zur Kenntnis genommen. Seinen jüngsten und bisher größten Streich feierte er an seinem Frankfurter Stammtisch in Erno's Bistro - mit einem Glas Rotwein.

Der Geldmagnat liebt die leisen Töne - und er meidet die Öffentlichkeit. Auf Gesellschaften oder auf Golfplätzen ist der vielfache Millionär nie zu sehen, Managerzirkel meidet er ebenso wie Talkshows. Doch er sei, sagt ein Geschäftspartner, »ein ganz raffinierter Fuchs«.

Die wundersame Karriere des Dieter Bock begann eher zufällig. Der junge Steuerberater suchte 1974 Mieträume in München und fand einen Altbau in Schwabing. Die Kommunarden Uschi Obermaier und Rainer Langhans hatten gerade die brüchige Bude geräumt, Bock kaufte gleich das ganze Haus. Weil er noch immer klamm war, zahlte er an den Eigentümer eine kleine Leibrente.

Der Handel mit Immobilien, das lernte er dabei, bietet einmalige Chancen, um ganz legal viel Steuern zu sparen. Fortan betrieb er einen schwunghaften Handel mit Grundstücken und Gebäuden in Deutschland, aber auch in den USA und in Südafrika. Die Geschäfte wurden 1986 in der Frankfurter Firmengruppe Advanta gebündelt. Ganz nebenbei versuchte sich der neureiche Immobilienhai als Aktienspekulant.

1988 orderte Bock klammheimlich über die Börse ein Aktienpaket von zehn Prozent an dem Baukonzern Holzmann. Weil das gut klappte, kaufte er sich wenig später bei den Konkurrenzfirmen Dywidag und Tilbury ein. Schließlich schluckte er mehr als die Hälfte des Kapitals der Hotelkette Kempinski. Die Aktien stieß er bald wieder ab, zumeist mit Gewinn.

Im Herbst 1992 hielt Bock wieder einmal Ausschau nach gewinnbringenden Anlagen. Da entdeckte er Lonrho in London, einen verschachtelten Gemischtwarenkonzern mit rund 800 Firmen.

Der Konzern war »eigentlich in Ordnung«, befand Bock, »nur der Ruf war ruiniert«. Tatsächlich war der Aktienkurs bis auf einen Tiefstand von 60 Pence eingebrochen (siehe Grafik).

Der Deutsche reiste nach London in die Firmenzentrale. Er würde gern einige Aktien kaufen, erklärte er dort, und sogar etwas drauflegen. Der damalige Lonrho-Boß, Großaktionär Roland »Tiny« Rowland, war begeistert.

Bock orderte 143,5 Millionen Papiere zum Preis von 330 Millionen Mark. Konzernpatriarch Rowland, 78, kürte Bock zu seinem Kronprinzen.

Niemand in der City freilich glaubte, daß der »mystery man« (The Observer) Bock Erfolg haben könnte. Die Besitzer von Harrods hängten zwei Plastikfische an die Decke ihres Konsumtempels. Ein riesiger Hai namens »Tiny« fraß einen kleineren Hai, Bock genannt.

Doch der Kleine siegte. Die anfängliche Freundschaft schlug schnell in eine erbitterte Feinschaft um. Bock würde »alle übers Ohr hauen«, tobte »Tiny«, bis an das Ende seiner Tage wolle er den neuen Feind verfolgen. Das seien alles nur »Stänkereien«, konterte Bock.

Der ständige Zank endete im vergangenen März. Rowland verkaufte wie anfangs vereinbart seine letzten Lonrho-Aktien an Bock. Dieser reichte die Papiere sogleich an die Bergwerksgesellschaft Anglo American weiter.

Die neuen Partner sollen ihm helfen, Lonrho in zwei Firmen zu spalten; Bock will die Gold- und Platinminen des Konzerns ausgliedern.

Mit Anglo American hat Bock zwei Optionen ausgehandelt. Bis zum September 1997 darf Bock seinen Anteil von 18,5 Prozent den Afrikanern zum Preis von 180 Pence pro Aktie andienen, auch wenn der aktuelle Kurs darunter liegt. Das Minenhaus kann dagegen in dieser Zeit, wann immer es will, die Bockschen Anteile kaufen, es muß dann allerdings 220 Pence pro Aktie bezahlen.

Was er mit dem vielen Geld machen würde, weiß Bock noch nicht. Auf jeden Fall sei der Deal, sagt er, »keine schlechte Sache«.

[Grafiktext]

Entwicklung der Lonrho-Aktie

[GrafiktextEnde]

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