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MÜNZEN Kleiner Kreis

Ein deutscher Händler hat Ärger mit einer französischen Firma, die sich den Alleinvertrieb für Olympia-Münzen gesichert hat. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Der Sheriff, der die Münzmesse im kalifornischen San Diego besuchte, zeigte wenig Interesse an den ausgestellten Gold- und Silberstücken. Er war rein dienstlich da und steuerte zielstrebig den Stand eines deutschen Ausstellers an.

Für Achim Becker, Inhaber der Hamburger Münzgroßhandlung Emporium, wurde es ein langes und lästiges Gespräch: Sechseinhalb Stunden lang mußte er über seine Geschäftspraktiken Auskunft geben. Becker hatte neue Silberdollars dort eingekauft, wo er sie am billigsten bekam - in den USA. Das aber, so hielten ihm amerikanische Anwälte vor, hätte er nicht tun dürfen, denn das Geschäft sei einem kleinen Kreis ausgesuchter Banken und Händler vorbehalten.

Es geht um den Verkauf von Olympia-Münzen. Die staatliche US-Münze darf 52 Millionen Stück prägen: Zwei silberne Ein-Dollar-Münzen in einer Auflage von jeweils maximal 25 Millionen und ein goldenes Zehn-Dollar-Stück in einer Auflage bis zu zwei Millionen sollen helfen, die Olympischen Spiele in Los Angeles zu finanzieren.

Der Silberdollar kostet derzeit in der Bundesrepublik knapp hundert Mark, mehr als das Fünffache des Materialwerts. Der Golddollar wird von Banken und Münzhändlern für 1140 Mark verkauft, zum doppelten Materialwert.

Von dem Silberstück gehen zehn Dollar an die Organisatoren der Olympischen Spiele, von der Goldmünze 50 Dollar. Aus dem Verkauf in der Bundesrepublik erhält das Nationale Olympische Komitee für Deutschland (NOK) 40 Cent von der Silber- und zwei Dollar von der Goldmünze. Da bleibt für den Handel noch genug übrig.

Nur die Deutsche und die Dresdner Bank in Frankfurt sowie der Münzengroßhandel Hans W. Hercher in Umkirch bei Freiburg und die Münzhandelsgesellschaft mbH Deutsche Münze in Braunschweig dürfen in Deutschland die Olympia-Dollars en gros verkaufen. Ihr Lieferant ist die Pariser Investmentbank Lazard Freres & Cie., ein Ableger der gleichnamigen US-Bank.

Lazard Freres hat sich für alle Staaten außer den USA die Vertriebsrechte gesichert. Die Pariser Bank verkauft den Silberdollar an ihre ausgesuchten Großhändler für rund 29 Dollar. Damit kommt sie gut zurecht - der Absatz freilich läuft schlechter als erwartet.

Die Sammler in aller Welt zeigen für die teuren Stücke nur mäßiges Interesse. Vom ersten Silberdollar (Motiv: Diskuswerfer), der seit dem Sommer vergangenen Jahres verkauft wird, wurden statt 25 Millionen nur sechs Millionen Stücke geprägt. Der zweite Silberdollar (Motiv: Eingang des Olympia-Stadions) wird seit vergangener Woche in der Bundesrepublik angeboten. Auch diese Münze, Ausführung polierte Platte, kostet bei der Deutschen Bank 98,90 Mark - viel Geld bei einem Silbergehalt von 24,06 Gramm, was einem Materialwert von gut 17 Mark entspricht.

Der schleppende Absatz der Silberlinge ließ bei den Händlern schon Zweifel aufkommen, ob die Goldmünze denn wirklich das erwartete große Geschäft wird. Das Zehn-Dollar-Stück hat einen Goldgehalt von 15,046 Gramm - Materialwert derzeit 570 Mark, inklusive 14 Prozent Mehrwertsteuer.

Dafür 1140 Mark auszugeben wäre für Sammler nur sinnvoll, wenn die Zahl der gehorteten Stücke klein bliebe. Bei den hohen Auflagen des Gold- wie des Silberdollars aber, meint ein Frankfurter Händler, »ist mit großen Wertsteigerungen eigentlich nicht zu rechnen«.

Mehr als 75 Prozent der Olympia-Münzen werden in den USA abgesetzt. Alle Händler außerhalb der Vereinigten Staaten will die Bank Lazard Freres zwingen, nur über sie zu beziehen, damit das Geschäft sich richtig lohnt.

Ein Händler wie Becker jedenfalls, der sich 6000 Silberdollars von US-Kollegen besorgt hatte und sie an deutsche, österreichische und schweizerische Kunden verkaufte, bringt die Kalkulation der Franzosen durcheinander. Das sei, sagt Augustin Herve-Gruyer, geschäftsführender Gesellschafter von Lazard Freres, »unfairer Wettbewerb«.

Deutsche Richter könnten das wohl anders sehen. Nach EG-Recht ist eine Wettbewerbsbeschränkung, wie sie Lazard mit den Münzen betreibt, unzulässig. So verklagte die mächtige Bank den Hamburger Mittelständler denn auch nicht in der Bundesrepublik, sondern in den USA: Der Deutsche habe US-Händler, die nicht hätten exportieren dürfen, zum Vertragsbruch verleitet.

Die Klage wird für Becker teuer werden. Allein sein Anwalt in San Diego, der seit August den juristisch komplizierten Fall bearbeitet, hat bislang rund 80 000 Mark kassiert. Der rechnet nämlich, guter amerikanischer Brauch, nach Stunden ab, und ein halbwegs tüchtiger US-Advokat nimmt über 300 Mark die Stunde.

Ein Prozeß ist noch lange nicht in Sicht, Lazard-Anwälte sprechen von drei Millionen Dollar Schadenersatz. Der kalifornische Anwalt arbeitet fleißig für seinen Hamburger Kunden und schickt ihm jeden Monat eine Rechnung.

Eins immerhin hat das Bankhaus Lazard schon erreicht: Die Aktion gegen den Großhändler Becker schreckt potentielle Nachahmer ab, der Markt ist frei von lästigem Wettbewerb. »Ich bin sehr sicher«, kann denn auch Herve-Gruyer selbstbewußt verkünden, »daß wir keine Probleme haben werden.«

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