Kleinfeld-Nachfolger "Ein Typ, bei dem alle nicken"

Es war falsch und unschön, Siemens-Chef Kleinfeld aus dem Konzern zu ekeln, sagt Personalberater Kienbaum. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, welche Qualitäten der neue Chef haben muss - und wie er die Schmiergeldaffäre vergessen machen kann.


SPIEGEL ONLINE: Klaus Kleinfeld hört spätestens in fünf Monaten als Siemens-Chef auf. Kann man in so kurzer Zeit überhaupt einen fähigen Nachfolger finden, der nicht nur ein Mann des Übergangs ist?

Personalberater Kienbaum: "Kleinfeld ist nach Stand der Dinge unbelastet"
Kienbaum Consultants International GmbH

Personalberater Kienbaum: "Kleinfeld ist nach Stand der Dinge unbelastet"

Jochen Kienbaum: Möglich schon. Wenn ein Kandidat allerdings schon eine vergleichbare Position hat, dann muss verhandelt werden. Und das kann zu lange dauern. Eventuell muss man sich dann an jemanden wenden, der gerade frei ist...

SPIEGEL ONLINE: ...also zweite Wahl.

Kienbaum: Ja und nein. Wenn ein Chef für einen so riesigen Konzern gesucht wird, hat man sowieso gut zehn Kandidaten in petto, die den Job machen könnten. Da kristallisieren sich zwei oder drei Favoriten heraus, von denen es einer wird.

SPIEGEL ONLINE: Zehn Kandidaten? Manager, die Siemens führen könnten, stehen nicht gerade Schlange im Jobcenter.

Kienbaum: Das stimmt. Aber ich denke, ich würde zehn Gute finden - auch wenn ich jetzt keine Namen nennen werde.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Namen sind im Spiel: Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der ziemlich deutlich abgelehnt hat - und der Ex-Chrysler- und VW-Manager Wolfgang Bernhard. Könnte der das?

Kienbaum: Ich glaube schon. Er hat bei Chrysler schon einmal erfolgreich eine sehr schwere Krise gemeistert. Allerdings war er bisher immer nur der Mann für die operativen Aufgaben. Für das Image und schwierige Verhandlungen waren andere zuständig. Das ist ein Nachteil.

SPIEGEL ONLINE: Hätte man Kleinfelds Abgang besser vorbereiten sollen, zum Beispiel durch eine klare interne Nachfolgeregelung?

Kienbaum: Selbst wenn es Kronprinzen im Konzern gäbe, brächte das nichts. Es muss auf jeden Fall ein Kandidat von außen kommen - schließlich haben einige Aufsichtsräte deutlich signalisiert, dass sie massiv im Konzern aufräumen wollen. Deshalb musste auch Kleinfeld gehen, obwohl er hervorragende Ergebnisse vorweisen kann.

SPIEGEL ONLINE: Hätte er bleiben sollen?

Kienbaum: Ja. Man darf nicht vergessen: Kleinfeld und seine Mannschaft haben in den vergangenen zwei Jahren gehörig frischen Wind in das Unternehmen gebracht. Die Zahlen waren kontinuierlich sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Man darf aber auch nicht vergessen: Die Schmiergeld-Affäre hat eine historische Dimension. Brauchte es da nicht zwingend einen personellen Neuanfang?

Kienbaum: Kleinfeld ist nach Stand der Dinge unbelastet. Und er hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er aufräumen kann - auch ohne falsche Rücksichten. Jetzt hat der Konzern ein ernstes Problem. Schließlich wird es bei Kleinfelds Abgang allem Anschein nach nicht bleiben - viele seiner Vertrauten überlegen, das Handtuch zu werfen, das wird Löcher reißen. Außerdem war die Art schon recht fragwürdig, wie Kleinfelds Rücktritt betrieben wurde.

SPIEGEL ONLINE: Es ist doch Aufgabe des Aufsichtsrats, sich über den Chef Gedanken zu machen.

Kienbaum: Aber solche Diskussionen sollten im Zeichen guter Unternehmensführung nicht nach außen dringen. Dass es trotzdem geschehen ist, war in diesem Fall natürlich Absicht - weil man wusste, wie Kleinfeld tickt. Meiner Meinung nach hat er sehr hohe ethische Ansprüche. Man wusste, dass er gehen würde.

SPIEGEL ONLINE: Entwerfen Sie doch mal ein kurzes Profil des idealen neuen Siemens-Chefs.

Kienbaum: Ein erfolgreicher Spitzenmanager aus der Industrie, der seine Fähigkeiten schon in einer vergleichbaren Position bewiesen hat - und das über Jahre. Er muss sich besonders darauf verstehen, ein Image zu sanieren. Er muss global orientiert und international vernetzt sein, damit Siemens im Ausland seine guten Geschäfte weiterführen kann - ohne Korruption. Und vor allem muss er sich auf Außenwirkung verstehen: Werte haben, Bodenhaftung haben, in sich ruhen, wissen, wie eine Entscheidung im Konzern und nach außen wirkt. Kurz: ein Typ, bei dem alle nicken, wenn sie den Namen hören.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn man einen solchen Idealtypen findet - wie lange wird es dauern, bis das Management wieder läuft?

Kienbaum: Das kann in einem Jahr erledigt sein. Der neue Chef wird sicher versuchen, sehr viel Transparenz an der Spitze zu schaffen. Ein oder zwei Schlüsselpositionen werden sicher von außen neu besetzt. Aber es wäre ein riesiger Fehler, zu viele etablierte Kräfte zu vergraulen.

SPIEGEL ONLINE: Und wann ist die Schmiergeld-Affäre bewältigt?

Kienbaum: Damit wird der Konzern sicher noch ein weiteres Jahr zu kämpfen haben. Siemens wird immer wieder als Negativ-Beispiel für Korruption genannt werden. Dieser Makel wird auch Top-Leute stören - die sich deshalb lieber einen anderen Job suchen.

SPIEGEL ONLINE: Dieser riesige Skandal soll binnen 24 Monaten überstanden sein?

Kienbaum: Die Öffentlichkeit vergisst schnell. Vorausgesetzt natürlich, der neue Chef greift durch und schafft Erfolgsmeldungen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Kleinfeld noch eine berufliche Zukunft?

Kienbaum: Auf jeden Fall. Vielleicht nicht in einer vergleichbaren Position - aber er könnte etwa Berufsaufsichtsrat werden. Im Investmentbanking- oder Private-Equity-Bereich wäre er sicher sehr begehrt, als Berater von großen Geldhäusern, die mit viel Kapital arbeiten. Aber auch im Vorstand eines großen Unternehmens würde man ihn sicher gern wieder sehen.

Das Interview führte Anne Seith.

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