Kleinfelds Abgang Demontage des Wunderknaben

Klaus Kleinfeld brauchte nur zwei Jahre, um Siemens von Grund auf umzukrempeln - dabei machte er sich zahllose Feinde. Denen kam es gerade gelegen, dass der Vorstandschef die Schmiergeld-Affäre unterschätzte. Geschichte einer einzigartigen Demontage.

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Berlin - Das Verfahren hat in der Geschichte der deutschen Wirtschaft fast keine Parallele. Selten zuvor ist der Vorstandschef eines Großkonzerns unmittelbar vor seiner Vertragsverlängerung derart gezielt demontiert worden. Im Vorfeld der gemeinsamen Sitzung des Siemens Chart zeigen-Aufsichtsrats hatten Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in getrennten Räumen getagt - und dabei die Parole "unter strengster Verschwiegenheit" ausgegeben. Selten lag offener zutage, was eigentlich hinter verschlossenen Türen beraten werden sollte: Seit Montag schon war zu erfahren, dass Klaus Kleinfeld um seine Vertragsverlängerung bangen musste.

Noch-Chef Kleinfeld: Ruf eines eiskalten Managers
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Noch-Chef Kleinfeld: Ruf eines eiskalten Managers

Fast nie hatte die Öffentlichkeit ein genaueres Bild von den Fraktionen, die sich in dieser Frage einander gegenüber standen. Von den Freunden Kleinfelds, und - vor allem - auch von seinen Gegnern um Josef Ackermann, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer und Berthold Huber.

Letztlich kreisten ihre Überlegungen um eine einzige Frage: Wie hoch ist das Risiko, dass Kleinfeld am Ende doch in den Strudel der Korruptionsaffäre hineingezogen wird? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich später eine Mitschuld Kleinfelds nachweisen lässt? Der Ruf seiner Kontrolleure wäre dann ruiniert gewesen.

Am Ende kam Kleinfeld den Ängstlichen zuvor.

Noch vor der Sitzung hatte er gekämpft und mit allen Tricks versucht, auf seine Leistungen aufmerksam zu machen. So zog er die Bekanntgabe der aktuellen Quartalszahlen überraschend um zwei Tage vor. Sie lieferten den Beweis, dass sich der Siemens -Chef rein fachlich nichts vorzuwerfen hat: Alle Sparten haben die angekündigten ehrgeizigen Renditeziele erfüllt. An diesem Ergebnis wollte er sich messen lassen, hatte er Anfang 2005 zu Beginn seiner Amtszeit vollmundig angekündigt.

Bruch mit ehernem Kulturgut

Doch die nackten Zahlen spiegeln seine Leistung als Manager nur unzureichend. Denn schon kurz nach Amtsantritt hatte er Belegschaft und Öffentlichkeit mit seinem ruppigen Führungsstil gegen sich aufgebracht. Was bisher als ehernes Kulturgut in dem Münchner Traditionskonzern Chart zeigen galt, schob der forsche Manager ohne viel Federlesens beiseite. An die Stelle von Konsensentscheidungen, wie sie sein Vorgänger Heinrich von Pierer durchzusetzen pflegte, setzte der heute 49-Jährige das Prinzip seines Vorbilds, des legendären US-Managers Jack Welch: "Fix it, sell it, or close it". Sparten, die die Renditevorgaben nicht erfüllten, bekamen ein eisenhartes Sanierungsprogramm verordnet oder wurden aussortiert.

Immerhin - mangelnde Ehrlichkeit kann man Kleinfeld nicht vorwerfen. Illusionen über die Art seiner Amtsführung ließ er jedenfalls erst gar nicht aufkommen. Gleich nach seinem Amtsantritt schuf er mit dem faktischen Verschenken der verlustreichen Handy-Sparte an den taiwanischen BenQ-Konzern die notwendige Klarheit. Wenige Monate später gab Kleinfeld ein radikales Sparprogramm für die Krisensparten SBS und Com bekannt, das insgesamt rund 10.000 Arbeitsplätze kostete. Dann verabschiedete er sich von der Festnetzsparte, die er in ein Jointventure mit Nokia einbrachte. Kritiker sahen darin einen Abschied von den Wurzeln des Traditionskonzerns - und nebenbei eine gefährliche Vernachlässigung von Zukunftstechnologien.

Gleichzeitig ging Kleinfeld mit Milliardenbeträgen vor allem in den USA auf Einkaufstour. Er verleibte der Siemens-Medizintechnik den Labordiagnostik-Spezialisten DPR ein, vom Chemiekonzern Bayer kaufte er dessen in Amerika angesiedeltes Diagnostikgeschäft. Zuletzt erwarb Siemens die US-Industriesoftwarefirma UGS.

Öffentliche Stimmung schlägt um

Anfangs zitterten lediglich die Siemens-Beschäftigten um ihren Job oder unter dem Leistungsdruck, den Kleinfeld ihnen auferlegte. Im September vergangenen Jahres allerdings schlug auch die öffentliche Stimmung um, und zwar radikal: Die "Bild"-Zeitung geißelte die Gehaltserhöhungen von 30 Prozent für die Siemens-Vorstände auf der Titelseite als "Deutschlands frechste Gehaltserhöhung" - dazu druckte sie ein großformatiges Foto Kleinfelds in unvorteilhafter Pose. Die Situation verschärfte sich, als BenQ kaum zwei Wochen später die einstige Siemens-Handy-Sparte in die Pleite schickte.

Jetzt richtete sich alle Wut gegen Kleinfeld. Arbeitnehmervertreter vermuteten hinter dem Deal mit BenQ ein abgekartetes Spiel, um die chronisch defizitäre Sparte loszuwerden. Hinzu kam, dass niemand verstand, wie Siemens in einem derart dynamischen Markt den Anschluss verlieren konnte. Von Managementversagen war die Rede. Kleinfeld, der immer gerne mit der Presse sprach, wenn es gute Neuigkeiten zu berichten gab, tauchte tagelang ab und verfestigte damit sein Image als eiskalter Manager.

Ohnehin wurde der anfangs noch zu Späßen aufgelegte Unternehmenschef im Verlauf seiner Amtszeit immer zurückhaltender. Sein Umgang mit den Medien wirkt inzwischen steif und einstudiert. Sorgsam wägt er jedes Wort vor Reportern. Kontrolle scheint Trumpf.

Kleinfeld erscheint als Abwiegler

Dabei hätte er durchaus wissen können, welche Wirkungen seine Entscheidungen bei den Arbeitnehmern auslösen würden. Immerhin hat er in seiner Jugend die Nöte und Sorgen der einfachen Arbeiter hautnah miterlebt. Der Facharbeitersohn wuchs nach dem frühen Tod seines Vaters im Bremer Arbeiterviertel Woltmershausen gegenüber der damals riesigen A.G Weser Werft auf. "Der Krach war das schönste Geräusch", erzählte Kleinfeld einmal im Journalistenkreis. Doch dann kam der überraschende Zusammenbruch des Traditionsunternehmens. "Von einem Tag auf den anderen herrschte plötzlich gespenstische Stille." Dieses Jugenderlebnis habe ihn als Manager geprägt.

Als entscheidender Fehler aber erweist sich schließlich die Fehleinschätzung der Korruptionsaffäre. Als Siemens nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ehemalige und aktive Mitarbeiter in einen Strudel aus immer neuen Anschuldigungen und spektakulären Enthüllungen geriet, bezog Kleinfeld viel zu spät Stellung zu ungeklärten Zahlungen, die Siemens selbst auf 420 Millionen Euro beziffert. Auch als später Bestechungsvorwürfe gegen Arbeitnehmervertreter laut wurden, gelang es Kleinfeld nicht, der immer neuen Skandalberichte Herr zu werden.

Dabei zweifelt prinzipiell niemand daran, dass er die Aufklärung ernst nimmt. Er engagierte nicht nur den ehemaligen Stuttgarter Staatsanwalt Daniel Noah, sondern auch eine ganze Armada von US-Anwälten, die die Affäre intern aufklären sollen. In der Öffentlichkeit erscheint er trotzdem als Abwiegler. Zuletzt machte er sich unbeliebt, weil er sich im Verlauf der Ermittlungen immer weiter von dem einstigen Firmen-Patriarchen und Aufsichtsratschef Pierer distanzierte.

Bislang sind zwar keine Hinweise bekannt worden, dass Kleinfeld selbst in die Schmiergeldaffäre verstrickt sein könnte. Doch darauf kam es jetzt nicht mehr an.



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