Thomas Fricke

Klimaschutz Die Mär vom allmächtigen CO₂-Preis

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Marktapostel behaupten, das Klima lasse sich allein dadurch retten, dass man die CO₂-Preise frei wirken lässt. Dabei könnte das dem Planeten am Ende mehr schaden als nützen.
Ein Flugzeug zieht einen Kondensstreifen hinter sich her: Wer auf eine rein marktwirtschaftliche Lösung der Klimakrise pocht, betet durchschaubar veraltete Ökonomieglaubenssätze nach

Ein Flugzeug zieht einen Kondensstreifen hinter sich her: Wer auf eine rein marktwirtschaftliche Lösung der Klimakrise pocht, betet durchschaubar veraltete Ökonomieglaubenssätze nach

Foto: Tobias Titz / fStop / Getty Images

Wenn's ums Klima geht, gibt's schnell Streit: über Fahrverbote, Einfamilienhäuser oder Rindfleisch. Nur über eines scheint es kuriose Einigkeit zu geben: Der beste aller Wege wäre, wenn einfach alles, was dem Klima schadet, teurer würde.

Das sagen Klimaaktivisten. Und das sagen konservativ-liberale Politiker. Und eigentlich – gefühlt – auch alle Ökonomen. Nur dass die einen meinen, das Verteuern sollte über Steuern gehen – und die anderen die freien Marktkräfte präferieren.

Nun sollte einen schon die vermeintliche Harmonie zwischen Greta Thunberg und Friedrich-Christian Merz-Lindner ja stutzig machen. Entweder es handelt sich um ein veritables Mirakel. Oder aber die Einigkeit ist eine, die nur deklaratorischen Charakter hat.

Dass es in der Praxis nicht ganz so einfach ist, lässt ein kürzlicher Auftritt von FDP-Chef Christian Lindner erahnen. Der rechnete den Grünen in einer Talkshow mit Taschenrechner vor, wie viel ein CO2-Preis von 60 Euro pro Tonne eine Familie kosten würde. Ergebnis: ganz schön viel. Klar, er wollte damit nahelegen, dass es so etwas mit der FDP nicht gäbe. Die setze schließlich auf marktwirtschaftliche Lösungen. Nur dass dies die Frage aufwirft, was genau der Markt so wundersam anders machen würde.

Wenn es annahmegemäß darum geht, CO2 wegzupreisen, müsste das ja auch via Markt möglich sein – was nach gängigem Verständnis ebenfalls Preise von mindestens 60 Euro nötig macht. Darunter wäre der erhoffte Effekt schlicht zu schwach. Lindners Beispiel-Familie dürfte es aber herzlich egal sein, ob sich ihre Lebenshaltung nun durch den Markt oder durch Steuern verteuert.

Falls die Sache mit dem hohen CO2-Preis überhaupt so einfach funktioniert. Was in der Theorie so bestechend klingt, wirkt bei näherer Betrachtung schon weit weniger wunderbar. Es spricht sogar einiges dafür, dass das Klima allein über das Prinzip steigender CO2-Preise gar nicht zu retten ist, im Gegenteil: Die Rettung könnte krachend scheitern, würden die Regierenden allein oder maßgeblich auf Verteuerung setzen.

Für Marktapostel scheint die Antwort simpel: Müssen Unternehmen für alles CO2, das sie verbrauchen, am Markt Zertifikate kaufen, würde der Preis je Tonne bei (festgelegt) sinkenden Zertifikatemengen steigen. Das würde es für Privatverbraucher wie Industrie unattraktiver machen, auf Technologien zu setzen, die viel CO2 verbrauchen – vom Verbrennerauto bis zur Kohleverstromung. Irgendwann würden diese so teuer, dass sie überhaupt keiner mehr kauft. Alles, was wenig oder gar kein CO2 verbraucht, würde indes im Vergleich immer billiger, sodass es immer mehr Leute haben wollen.

Das Klimaretten übers Verteuern ist ein komplexes Wirkungskettengewirr

Die Tücke beginnt mit der Annahme, dass es am Markt so schön vorhersehbar zugeht. Alle Erfahrung hat gezeigt, dass in Wahrheit beim Handel mit CO2 viel über künftige Politik spekuliert wird – und gar nicht so sehr über Angebot und Nachfrage. Eigentlich logisch, denn es geht beim Klima ja auch um die weitere Zukunft. Das Ergebnis ist eben nur, dass der CO2-Preis nicht so sachte und gleichmäßig steigt, wie es Unternehmen für ihre strategischen Planungen bräuchten.

Es wechseln sich eher plötzliche Hochs und Abstürze ab. In der EU zum Beispiel waren die Preise über Jahre viel zu niedrig, seit Anfang 2021 schießen sie plötzlich steil in die Höhe. Zu viel Jo-Jo für unternehmerische Planung.

Selbst marktaffine Experten empfehlen mittlerweile, die Preise ein Stück weit zu kontrollieren. Oder zumindest Grenzen zu setzen, ab denen interveniert wird, um allzu absurde Kurskapriolen zu verhindern – gesteuerter Markt. Andere setzen gleich darauf, fixe Abgaben oder Steuern auf CO2 zu erheben, wie das in Deutschland seit Januar der Fall ist.

Doch auch das dürfte in der Praxis gar nicht so eindeutig wirken.

Wenn etwa Benzin dadurch um ein paar Cent je Liter teurer wird, wie das gerade der Fall ist, wird keiner deshalb schon auf ein Elektroauto umsteigen – solange das einfach noch sehr viel teurer ist und Ladestationen wie Reichweite fehlen. Wie viel teurer müsste Fliegen werden, damit diejenigen, die sich das jenseits des jährlichen Urlaubs regelmäßig leisten, darauf verzichten? Solange das Bahnfahren nicht viel billiger wird. Das droht alles sehr lange zu dauern – es sei denn, der Preis stiege sofort und rapide. Nur wären wir dann wieder beim Lindner-Paradox.

Bei derartigen Preisschocks lässt sich erahnen, was los wäre im Land des Fetischs stabiler Preise. In Frankreich  hat ein nur ansatzweise ähnlicher Schub vor ein paar Jahren die Gelbwesten-Proteste ausgelöst.

Um so etwas zu verhindern, schlagen viele vor, Leute mit weniger Einkommen dafür anderweitig zu entschädigen. Die Frage ist allerdings, ob das reicht. Zumal Kompensationen einen Teil der Lenkungswirkung des CO2-Preises wieder aufheben. Bekommen die Leute Gutschriften, ist schließlich nicht gesagt, dass sie das Geld nur für samten-klimafreundliche Zwecke ausgeben.

Ohnehin ist das mit dem Lenken nicht so einfach. Wird zum Beispiel wegen teurem Benzin weniger getankt, dann sinkt wegen der entsprechend sinkenden Nachfrage tendenziell auch der Benzinpreis wieder – und damit die Motivation, auf E-Autos umzusteigen.

Das muss den gewünschten Effekt nicht aufheben, es macht das Klimaretten via Verteuerung nur zu einem sehr viel mühsameren Unterfangen mit viel Hin und Her, als es die Befürworter suggerieren.

Es ist schlauer, auch auf positive Anreize zu setzen

Natürlich braucht es höhere CO2-Preise. Nur: Solange es nicht mehr Ladestationen und längere Reichweiten und mehr Angebot erschwinglicher Elektroautos gibt, ist es absurd, Verbraucher zum Wechsel zu drängen. Und solange der Staat nicht genug Anreize setzt, dass Eigentümer ihre Wohnungen und Häuser schneller energetisch sanieren, ergibt es auch wenig Sinn, die Nebenkosten via CO2-Preis hochzutreiben.

Ähnliches gilt für die Industrie: Solange nicht zuallererst viel mehr in die öffentliche Infrastruktur zur Heranschaffung von Wasserstoff etwa aus Südeuropa investiert wird, ist es ein zweifelhaftes Unterfangen, die Kosten für Strom um CO2-Ausstoß zu erhöhen. Auch hier gilt: Wer etliche Firmen zum Umsteigen bewegen will, muss dafür zuerst ein Angebot schaffen – nicht darauf setzen, dass es über die Pein höherer Kosten von selbst dazu kommt.

Es ist menschlich und wirtschaftlich schlauer, mehr auf positive Anreize zu setzen als auf Kostenschmerz. Zum Beispiel indem man Dinge, die gut fürs Klima sind, über Kaufprämien oder den Aufbau von Ladestationen erschwinglicher macht.

Wie schnell das wirken kann, hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt: Seit die Bundesregierung die Prämien auf den Kauf von Elektroautos massiv erhöht hat, läuft die Nachfrage. Die Hersteller kommen nicht einmal mehr hinterher. Was die Konzerne wiederum motiviert, noch schneller am Angebot zu arbeiten.

Es ist also fahrlässig zu suggerieren, dass man mit dem Bepreisen von CO2 allein eine auch nur ansatzweise schnelle Rettung des Klimas hinbekommen kann. Erst recht nicht pur marktwirtschaftlich. Hobbyökonomen wie Friedrich Merz oder Christian Lindner plappern arg angestaubte Ökonomieglaubenssätze nach, wenn sie befinden, man müsse nur die Unternehmen machen lassen. Da braucht es mehr.

Das ist entweder unüberlegt – oder es folgt dem geheimen Kalkül, dass es über den Markt nie zu dauerhaft großen Verteuerungen kommen wird. Die Herrschaften sollten dann vielleicht besser gleich dazu sagen, dass ihnen das mit dem Klima eh nicht so wichtig ist – jedenfalls nicht wichtig genug, um sicher zu sein, dass das auch funktioniert; und nicht nur für marktwirtschaftliches Schenkelklopfen taugt.