Klimaschutz VW-Chef Winterkorn wehrt sich gegen Köhler-Vorwürfe

Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten. VW-Chef Winterkorn hat die Vorwürfe von Bundespräsident Köhler gegen die deutsche Autoindustrie zurückgewiesen. Der hatte die Branche im Zusammenhang mit dem Klimaschutz kritisiert.


Hamburg - "Politiker kritisieren gern andere. Für uns verbietet es sich aber meist, mit gleicher Schärfe zurückzuschießen", sagt Martin Winterkorn im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Denn Politiker zählen zu unseren besten Kunden. Und sie fahren in der Regel nicht die verbrauchsgünstigsten Modelle." Köhler hatte gesagt, die deutsche Autoindustrie habe "mit Blick auf die ökologische Entwicklung kein Ruhmesblatt" verdient.

Martin Winterkorn: "Knallharte Industriepolitik zu Lasten Deutschlands"
REUTERS

Martin Winterkorn: "Knallharte Industriepolitik zu Lasten Deutschlands"

Scharfe Vorwürfe richtet Winterkorn auch an die EU-Kommission. "Die Europäische Kommission war drauf und dran, die Zukunft einer ganzen Industrie zu gefährden." Wenn sich deren ursprüngliche Pläne durchgesetzt hätten und der Durchschnittsausstoß von Kohlendioxid ab 2012 bei 120 Gramm liegen würde, "dann gäbe es bald keine großen Autos mehr, keinen Audi A8, keine S-Klasse von Mercedes-Benz und keinen 7er von BMW", sagt Winterkorn. Profitieren würden die Produzenten aus Italien und Frankreich, die fast nur noch Kleinwagen anbieten. "Da betrieben einige knallharte Industriepolitik zu Lasten Deutschlands."

Einen Fürsprecher findet Winterkorn in EU-Industriekommissar Günter Verheugen. Zwar müsse der Klimawandel "an allen Fronten" bekämpft werden, sagte Verheugen der "Bild am Sonntag". Er fügte aber hinzu: "Wir dürfen aber auch nicht in hysterischen Aktionismus verfallen."

Winterkorn verriet dem SPIEGEL außerdem Details eines geplanten neuen kleinen Volkswagens. Der VW-Konzern will ihn entgegen Plänen des ausgeschiedenen Markenvorstands Wolfgang Bernhard, der eine Kooperation mit Fiat und Ford anstrebte, nun doch allein entwickeln. Der VW-Chef sagt: "Dieser Kleinwagen soll eine Grundsatzfrage beantworten: Wie wollen wir uns als Mobilitätskonzern der Zukunft aufstellen? Das machen wir, bitte schön, allein."

Der kleine Volkswagen soll sparsam sein, alltagstauglich und bezahlbar. In Ländern wie Russland, Indien oder China gebe es eine starke Nachfrage nach einem solchen Auto für 5000 oder 6000 Euro. Das Fahrzeug solle auch mit kleineren Motoren auskommen. "Vorstellbar sind Zweizylinder-Motoren mit Aufladung", sagt der VW-Chef.

Winterkorn hat außerdem entschieden, dass die Tochter Seat entgegen den Forderungen einiger Manager nicht verkauft wird. Er lässt zwei zusätzliche Modelle für die spanische Marke entwickeln.

Inzwischen hat der VW-Aufsichtsrat laut "FAZ" die Weichen für eine weitere Amtszeit von Ferdinand Piëch als Chefkontrolleur des Autokonzerns gestellt. Die Aufsichtsräte hätten einstimmig beschlossen, dass sich Piëch der Hauptversammlung am 19. April zur Wiederwahl stellen soll, meldet das Blatt. Nach der Hauptversammlung soll Piëch abermals zum Chefaufseher gewählt werden. Eine offizielle Bestätigung von VW hierfür gibt es bisher nicht.



insgesamt 1086 Beiträge
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Seite 1
pps, 27.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Sind Arbeitsplätze wichtiger als Klimaschutz? ---Zitatende--- Es arbeitet sich ausgesprochen incommod, wenn man vorher verbrannt, erfroren, verdurstet, verhungert oder erstickt ist. Auch das Autofahren läßt in diesem Zustand nur wenig Plaisir aufkommen!
Mocs, 27.01.2007
2.
In Deutschland sind Arbeitsplätze IMMER wichtiger als anderes andere.... zumindest suggerieren uns das unsere Politiker. Arbeitsplätze sind das Totschlagargument für alles - eigentlich ein Wunder, dass die Dünnsäureverklappung auf See eingestellt wurde, da hingen doch auch Arbeitsplätze dran. Irgendwann haben wir dann gaaanz viele Arbeitsplätze - und verbringen unsere Freizeit entweder in Wirbelstürmen und Orkanen oder mit Sonnenschschutzfaktor 170 im Freien. Arbeitsplätze werden in meinen Augen völlig überbewertet - eine intakte Umwelt gewährleistet unserer aller Lebensqualität. Hinzu kommt dass jedes Jahr nach Angaben der ILO (International Labour Organization = Internationale Arbeitsorganisation) weltweit rund zwei Millionen ArbeitnehmerInnen allein durch arbeitsbedingte Unfälle und Krankheiten sterben - das sind mehr als 5000 Todesopfer pro Tag! Obwohl Arbeit also täglich wesentlich mehr Todesopfer fordert als z.B.Terroranschläge oder diverse Seuchen und Erkrankungen wird die Gier nach Arbeit(splätzen) von niemandem in Frage gestellt. Bestimmte Schichten mit einer grossen Lobby verdienen einfach zu gut an der Arbeit anderer.
mbieren, 27.01.2007
3. Natürlich nicht
Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Sollte es wirklich zu einer nachhaltigen Erwärmung kommen gehen noch wesentlich mehr Arbeitsplätze verloren. Die deutschen Autobauer haben es schlichtweg verschlafen passende Modelle auf den Markt zu bringen. Ich frage mich ob diese Menschen glauben sie leben auf dem Mars.
langsamer 27.01.2007
4.
---Zitat von sysop--- Gern argumentiert die Energie- und Autoindustrie, dass strengere Grenzen für den CO2-Ausstoß der Wirtschaft schadeten. Müssen notfalls Arbeitsplätze geopfert werden, um den Klimakollaps zu verhindern? Oder gibt es gar keinen Gegensatz zwischen Umweltschutz und Wirtschaftskraft? ---Zitatende--- Die gegenwärtigen Generationen haben eine Sonderrolle inne; ihnen ist es durch technische Möglichkeiten, welche die Menschheit zuvor nicht hatte vergönnt, Ressourcen zu verbrauchen, die späteren Generationen dann nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Gleichzeitig entstehen auf Basis dieser Ressourcenausbeutung jede Menge Luft- Boden- und Gewässerschadstoffe, die noch für lange Zeit Auswirkungen haben werden. Die heutigen globalen Wirtschaftsstrukturen schmücken sich also bereits mehr als genug mit fremden Federn, sprich mit einem von unseren Nachfahren geklauten Wachstum. Autohersteller oder Energieversorger wollen also offensichtlich den Grad der Benachteiligung späterer Generationen erhöhen, damit der nächste Quartalsbericht etwas besser aussieht. Lebensfeindliche Umweltbedingungen kosten auch heute schon Geld, belasten also die Wirtschaft und kosten damit auch Arbeitsplätze.
Mikael, 27.01.2007
5.
Wem der Profit wichtiger als das nackte Leben ist, gehört in die Klapse! Die EU versucht seit 1996 schon, endlich die Emissionswerte von PKW´s zu senken. Jetzt haben wir 2007!!! Was für Luschen! Wenn man Menschen auf Freiwilligkeit verpflichtet, PASSIERT NIX. Ich habe schon einen tollen Klima-Clip ersonnen: Eine Autokolonne von noblen, schweren Limousinen steht im Stau und die Insassen tun superwichtig, Marke: Börsennotierung überprüfen, Renditecheck, Rumlabern von wegen Arbeitsplätze sind in Gefahr etc. Dann schaut jemand in den Rückspiegel und sieht einen Hurrikan, der mit 400 Km/h. sich nähert und die ganze Meute in die Luft schleudert. Dann ist die Straße wieder leer. Stimme aus dem OFF: Wie lange wollen sie noch warten bevor sie handeln? OK, der Clip würde nichts ändern, aber er wäre verdammt cool, oder? Gruß Mikael
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