Klimawandel in der Versicherungswirtschaft Mit den Temperaturen steigen die Prämien

Sturmfluten, Wirbelstürme, Dürrekatastrophen - nach neuen Berechnungen wird die heraufziehende Klimakatastrophe Billionen verschlingen. Das werden auch Verbraucher und Firmen schon bald schmerzlich zu spüren bekommen – wenn die Tarife für Versicherungen anziehen.
Von Heiko Martens

München – Für die großen, weltweit agierenden Versicherer ist es nicht erst seit dem jüngsten Uno-Bericht zum Klimawandel klar: Die Versicherungsprämien der Zukunft können nur noch eingeschränkt auf der Basis der bisherigen Schadensstatistiken errechnet werden. Die Risikokalkulation muss sich dem rasanten Klimawandel anpassen. Dürre und Überschwemmungen, Starkniederschläge und Orkane müssen verstärkt "eingepreist" werden.

Rund ein Drittel aller Versicherungsschäden werden durch wetterbedingte Naturkatastrophen ausgelöst. Schon jetzt hat der Klimawandel die Mathematik der Versicherer durcheinander gewirbelt. Noch in den neunziger Jahren kosteten die Katastrophen die Versicherer im Schnitt gut neun Milliarden Dollar pro Jahr. Im Rekordjahr 2005 mussten allein für den Wirbelsturm "Katrina" rund 60 Milliarden Dollar bezahlt werden.

Diese teuerste Katastrophe aller Zeiten sei endgültig der "Weckruf" für die Branche gewesen, so Allianz-Vorstand Clement Booth bei der Vorstellung des Schadensberichts für 2005. Booth:" Der Klimawandel ist eines der größten Risiken für uns überhaupt."

Auch sein Vorstandskollege Gerhard Berz von der Münchner Rück warnt, dass "heute die Wetterkatastrophen eines Jahres im Durchschnitt soviel kosten wie alle Wetterkatastrophen zwischen 1960 und 1970 zusammen." Am Freitag stellte die Münchner Rück fest: "Der Klimawandel ist eine Tatsache". Der Versicherer plädierte für eine Verringerung des Kohlendioxid- und Treibhausgasausstoßes.


Die Versicherungsbranche insgesamt sieht sich von den Uno-Warnungen in ihren eigenen Prognosen bestärkt. "Wir glauben, dass dieser Bericht sehr hilfreich dabei sein wird, das Thema Klimawandel oben auf die Agenda zu setzen", sagte Ivo Menzinger, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit beim weltgrößten Rückversicherer Swiss Re.

Ruf nach staatlicher Hilfe

"Die Erderwärmung kann nur noch begrenzt, aber in diesem Jahrhundert nicht mehr gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden", erklärte die Münchener Rück. "Durch die weiter fortschreitende globale Erwärmung gehen wir im langfristigen Trend von einer Zunahme insbesondere der schweren wetterbedingten Naturkatastrophen aus." Auch Zurich Financial erklärte, dieser Trend sei nicht zu ignorieren.


Nach einem relativ ruhigen Jahr 2006 sorgte im Januar dieses Jahres Orkan "Kyrill" dafür, dass die Katastrophenstimmung, die bisher vornehmlich durch Hurrikane in Amerika verursacht wurde, nun auch nach Europa übergriff. Eine Schneise der Verwüstung von Schottland bis in die Schweiz, von Frankreich bis nach Polen, 62 Millionen umgeknickte Bäume, fünf bis sieben Milliarden Euro Versicherungsschaden – zum ersten Mal nahm ein europäischer Sturm es locker mit seinen Kollegen in den USA auf.

Klimawandel: Hintergründe in Bildern auf SPIEGEL ONLINE



Als Faustregel unterlegen die Versicherer ihrer Kalkulation in die Zukunft eine Vorhersage, die das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) über die Folgen der Erderwärmung getroffen hat. Danach steigt die Häufigkeit von Naturkatastrophen um jährlich fünf Prozent. Jüngsten Studien der Swiss Re zufolge wird wegen des Klimawandels die Intensität und Häufigkeit von Winterstürmen in Europa bis 2100 die versicherten Schäden um 16 bis 68 Prozent in die Höhe treiben.

Natürlich würden auch in Zukunft die meisten Risiken, die durch den Klimawandel und folgende Naturkatastrophen drohen, versicherbar sein, beruhigt die Branche. Schließlich ist das ihr Geschäft. Aber immer häufiger ist der Zusatz zu hören: "Wenn die Preise und Konditionen für die Risiken angemessen sind."

Als letzter Helfer in der Not muss wohl mehr als bisher der Staat als "insurer of last resort" einspringen – so nennen die Versicherer den steuerfinanzierten Geldgeber. Schon heute etwa hält Florida die Prämien für die Gebäudeversicherungen seiner Bürger im hurrikanzerzausten US-Bundesstaat künstlich nieder.

Mit Reuters


Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.