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UNTERNEHMEN Klingt wie Daimler

Großfinanziers und Spekulanten kaufen sich bei Europas größtem Maschinenbau-Konzern Gutehoffnungshütte ein -- möglicherweise im Auftrag des Ölscheichtums Kuweit.
aus DER SPIEGEL 7/1976

Als die Türen der Dachgarten-Suite des feinen Münchner Conti-Hotels geschlossen wurden, war die Sippe vollzählig. 20 Millionäre, ausnahmslos Erben des legendären Ruhrindustriellen Franz Haniel, besprachen die neuesten Familienangelegenheiten.

Zunächst diskutierte der Clan nur Routinesachen: die finanzielle Lage der verbliebenen Familienfirma Haniel & Cie. Angeleitet von den drei Sippensprechern Wolfgang Curtius, Klaus Haniel und Thuisko von Metzsch, kamen die Erben überein, das 2,4 Milliarden starke Handelsimperium solle künftig forciert im Ausland investieren.

Erst als das Sprecher-Trio auf die zweite Säule des Familien-Reiches, eine 20-Prozent-Beteiligung an der Gutehoffnungshütte (GHH) einging, wurde das Gespräch lebhafter. Alle 20 Erben wollten wissen, was es mit den undurchsichtigen Manövern einflußreicher Börsianer auf sich habe, die sich seit einigen Monaten auf die GHH-Aktien konzentriert haben.

Schon im Herbst 1975 hatten ungewöhnlich hohe Umsätze in GHH-Papieren den Verdacht geschürt, diskrete, aber zahlungskräftige Finanziers wollten sich in Europas größtem Maschinenbau-Konzern einkaufen. Allein im zweiten Halbjahr 1975 wechselten 1,64 Millionen Anteile ihren Besitzer -- viermal soviel wie in derselben Zeit des Vorjahres.

Die Kauforders trieben den GHH-Kurs von Anfang 1975 bis Jahresultimo um knapp 50 Prozent auf 218 Punkte. Irritiert vermutete das Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim: »Ganz offensichtlich ist ein großer Aufkäufer am Werk.

Heftig am Werk ist vor allem die Münchner Privatbank Merck, Finck & Co. des Altbankiers und Großgrundbesitzers August von Finck, der sich ein ansehnliches GHH-Paket durchaus leisten könnte. Finck-Kenner allerdings halten es für unwahrscheinlich, daß der Milliardär auf eigene Rechnung kauft.

Um so aufmerksamer registrierten die Börsenchefs der Großbanken, daß sowohl Bonns Wirtschaftsminister Hans Friderichs als auch Commerzbank-Chef Paul Lichtenberg nach Besuchen in Nahost von einem auffälligen Interesse der Kuweitis an der deutschen Maschinenbau-Gruppe zu berichten wußten. Ihr Verdacht: Finck kauft das inzwischen auf rund zehn Prozent des Kapitals angewachsene GHH-Portefeuille für den Scheich von Kuweit zusammen, der seine Petrodollars nicht ungern in erste deutsche Adressen steckt. Vor 14 Monaten hatte er für eine Milliarde Mark der Familie Quandt ein 14 Prozent schweres Daimler-Paket abgekauft.

Im lukrativen Makler-Geschäft mit GHH-Anteilen mochte auch jener Großspekulant nicht fehlen, der einst zu den trickreichsten des Gewerbes zählte: Hermann D. Krages, Bürger des Steuerspar-Kantons Graubünden.

Bei der Gutehoffnungshütte könnte Krages den Aufkauf einer Mehrheitsbeteiligung selbst bei unbeschränktem Geldnachschub kaum schaffen. Denn der Haniel-Clan hat seinen auf 20 Prozent geschrumpften GHH-Besitz mit den GHH-Anteilen der Allianz und der Commerzbank (zusammen 33 Prozent) in einen Poolvertrag eingebracht, der einen festen StimmBlock von 53 Prozent sichert.

* GHH-Vorstand Heinz Krämer (l.), Dietrich Wilhelm von Menges.

Krages hatte denn auch bislang ganze vier Prozent zusammengekratzt. Auf weitere vier Prozent sicherte er sich eine Option -- nach dem Urteil von Insidern bei jenen Mitgliedern der auf 500 Köpfe angeschwollenen Haniel-Sippe, die ihre Aktien von zusammen sieben Prozent bislang nicht in den Pool einbringen mochten.

Familien-Oberhaupt Klaus Haniel verkündet zwar, seine Verwandtschaft werde weder GHH-Aktien abstoßen noch das erstmals zur Jahresmitte 1976 kündbare Bündnis mit Allianz und Commerzbank lösen. Doch auch der Clan-Führer kann sich nicht dafür verbürgen, daß der heimliche Aufkäufer die Sperrminorität von 25 Prozent verfehlt: Würden nämlich die bei Finck und Krages lagernden Aktienpakete zusammengeschnürt, fehlten dem neuen Großaktionär ganze sieben Prozent.

Der Ausbau der aktienrechtlich bedeutsamen Sperrminorität könnte sich lohnen. Denn unter der eigenwilligen Konzern-Regie des im letzten Jahr pensionierten Ostpreußen Dietrich Wilhelm von Menges entwickelte sich das Traditionsunternehmen der Stahlbranche zu einem auf Zukunftstechnologien zugeschnittenen Maschinen- und Industrie-Anlagen-Konzern, der 86 000 Menschen beschäftigt und knapp zehn Milliarden Mark im Jahr umsetzt.

Von Menges schlug wenig einträgliche Beteiligungen los, haute seine MAN zu einer leistungsfähigen Lkw-Fabrik aus und avancierte durch Fusion einzelner Maschinenfabriken zum führenden deutschen Walzwerkbauer.

Wenn Alleingang allzu teuer oder riskant erschien, verbündete sich von Menges mit prominenten Partnern. Gemeinsam mit Daimler-Benz gründeten GHH-Manager die Münchner MTU-Gruppe, die Turbinen, Flugzeug-Triebwerke, Motoren sowie Großgeneratoren für Atomkraftwerke herstellt.

Auch mit den Großen der Elektroindustrie wollen sich die Maschinenbauer verschwägern: GHH-Firmen sollen mit der Mülheimer Kraftwerk Union, die zu je 50 Prozent Siemens und AEG gehört, ein Gemeinschaftswerk gründen, das sich auf schwere Reaktorbauteile konzentriert.

Zu einem direkten Vorstoß ins riskante Kernkraft-Geschäft mochten sich die GHH-Oberen einstweilen nicht entschließen. Sie lehnten die vom Bonner Forschungsministerium unterstützte Idee ab, der seit Monaten kränkelnden AEG einen Teil ihres KWU-Besitzes abzunehmen.

Soviel Übersicht, meint Commerz-Bankier Lichtenberg, erkläre auch den heimlichen Aktien-Poker um die Anteile des Maschinenkonzerns: »Der Name GHH hat vor allem im Nahen Osten denselben guten Klang wie Daimler-Benz.«

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