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Unternehmen Klobig und teuer

Mit ihrem Laser-TV glaubt die kleine Allgäuer Firma Schneider, eine Welt-Neuheit entwickelt zu haben. Die Konkurrenz ist skeptisch.
aus DER SPIEGEL 34/1993

Unter Börsenkennern galten die Aktien der Schneider Rundfunkwerke AG in den vergangenen Jahren nicht gerade als Geheimtip. Seit Ende 1989 sackte der Kurs von 950 Mark auf 101 Mark.

Doch plötzlich war alles ganz anders. An der Münchner Börse verzehnfachte sich der Handel mit Schneider-Aktien, und alle Kunden wollten nur eins: kaufen. Innerhalb weniger Tage hatte sich der Kurs nahezu vervierfacht.

Auslöser war Schneider-Vorstand Hans-Jürgen Thaus, 44. Mit der Ankündigung eines völlig neuartigen Fernsehgeräts hatte er bei der Schneider-Hauptversammlung am 20. Juli die Phantasie der Aktienkäufer beflügelt.

Erst drei Wochen später stellte Schneider in München den geheimnisumwitterten Apparat der Öffentlichkeit vor. Anders als bei herkömmlichen TV-Geräten werden die Bilder nicht mehr von Elektronenstrahlen auf einer Mattscheibe erzeugt. Ein Projektor wirft statt dessen ein Bündel von Laserstrahlen auf eine beliebig große Leinwand und zeigt dort gestochen scharfe Bilder.

Noch ist das »revolutionäre TV-Gerät« (Thaus) tonnenschwer und benötigt ein Kühlaggregat von der Größe eines Kleiderschranks. Mit einem Preis von einigen hunderttausend Mark ist es auch nur für wenige professionelle Anwender von Interesse.

Gleichwohl ist Thaus überzeugt, daß damit der »Traum vom Heimkino zur Wirklichkeit wird«. In drei Jahren werde der Laserprojektor so klein wie ein Videorecorder sein und für 3000 Mark im Laden stehen.

Mit dem Laser-TV hat die nur 50köpfige Entwicklungscrew in Türkheim Beachtliches geleistet. Ob es aber wirklich ein »Meilenstein in der Fernsehtechnik« ist, wie Thaus meint, bleibt in der Branche heftig umstritten.

Noch hat Schneider keine technischen Details herausgelassen, die den Experten Hinweise auf den in Türkheim erreichten Entwicklungsstand geben könnten. »Erst einmal müssen wir unsere Patente durchbringen«, begründet Thaus die Nachrichtensperre.

Bislang hatte sich die Firma kaum durch technische Innovationen hervorgetan. Gediegene Qualität und niedrige Preise waren die Markenzeichen von Schneider.

Besondere Erfahrungen in der Entwicklung von Fernsehgeräten können die Allgäuer auch nicht vorweisen. Erst vor gut zehn Jahren hatten die Firmeninhaber Albert und Bernhard Schneider überhaupt mit der Produktion von TV-Geräten begonnen. Der Einstieg gelang, die 1986 zum Preis von 540 Mark eingeführte Aktie entwickelte sich zunächst zum Börsenrenner.

Durch den Erfolg beflügelt, begann Schneider 1988 Personalcomputer selbst zu montieren. Die Entscheidung brachte das Unternehmen an den Rand des Ruins. Zunächst stieg der Umsatz noch bis auf fast eine Milliarde Mark. Doch in dem 1991 einsetzenden Preiskrieg brach das PC-Geschäft zusammen. Der Umsatz schrumpfte auf die Hälfte, Schneider rutschte in die roten Zahlen.

Ende 1991 mußte Firmenchef Bernhard Schneider eingestehen, »einer Illusion aufgesessen« zu sein. Er übernahm die Verantwortung für das »völlig verhagelte Ergebnis« und gab die Führung des Unternehmens an Thaus ab.

Dem neuen Mann war von Anfang an klar, daß Schneider ohne einen kapitalkräftigen Partner auf Dauer nicht bestehen könne. Seit Monaten verhandelt Thaus mit einer Firma in den USA. Eine Einigung kam bislang nicht zustande. Nach der »Weltpremiere in München«, meint Thaus, sei die »Braut allerdings ein gutes Stück schöner« und auch für andere Firmen interessanter geworden.

Seit mehr als zehn Jahren denken Ingenieure darüber nach, wie sich Fernsehbilder per Laserstrahl auf eine Leinwand projizieren lassen. »Daß Laser-TV eine bestechende Idee ist und im Prinzip auch funktioniert«, sagt Roger Lagadec, technischer Direktor von Sony Europa, »könnten ein halbes Dutzend Firmen auf der Welt demonstrieren.«

Trotz theoretischer Vorteile der Lasertechnik hatte sich unter Technikern die Meinung durchgesetzt, daß der flache Bildschirm für das hochauflösende Fernsehen der Zukunft mit anderen Methoden schneller zu erreichen sei. Vor allem die von den Japanern entwickelten Flüssigkristallprojektoren gelten als vielversprechend.

Um ein für die Verbraucher erschwingliches Lasergerät herausbringen zu können, müssen dagegen noch viele Detailprobleme gelöst werden. Der von Schneider in München gezeigte Prototyp arbeitet zum Beispiel mit klobigen und sehr teuren Gaslasern.

Für ein Heimgerät werden elektronisch arbeitende Miniaturlaser benötigt, wie sie etwa in CD-Spielern oder Laserdruckern eingesetzt werden. Diese Halbleiterlaser sind zur Zeit aber für Projektionszwecke zu schwach.

Noch größere Probleme bereitet die Darstellung der Farben. Bislang stehen erst zwei Farben zur Verfügung: Rot und Grün und die damit möglichen Mischtöne.

Alle Versuche, auch einen Halbleiterlaser mit dem extrem kurzwelligen blauen Licht zustande zu bringen, sind dagegen bislang gescheitert.

Die Skepsis der Techniker scheint sich auch an der Börse herumgesprochen zu haben. Mit 423 Mark erreichte das Schneider-Papier am Dienstag seinen vorläufigen Höchstkurs. Am Freitag war die Aktie für 340 Mark zu haben. Y

[Grafiktext]

__87_ Entwicklung der Schneider AG-Aktie

[GrafiktextEnde]

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