Zur Ausgabe
Artikel 37 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BANKEN Knappe Formel

Dresdner-Bank-Chef Hans Friderichs ist einen ernsten Konkurrenten los - sein Kollege Meier-Preschany gab auf. *
aus DER SPIEGEL 8/1984

Zur Jahreswende hatte sich Manfred Meier-Preschany ins bayrische Oberstaufen zurückgezogen. Der zweite Mann in der Führung der Dresdner Bank wollte ausspannen und sich mit einer zweiwöchigen Körner-Kur wieder fit machen.

Die Kur war erfolgreich. Elf Pfund leichter und zu Entscheidungen wild entschlossen, kehrte Meier-Preschany nach Frankfurt zurück.

Der Mann, den viele kurz und zackig nur Meier-Presch oder MP nennen, hatte einen »längeren Prozeß des Nachdenkens« abgeschlossen. Wenige Tage vor seinem 55. Geburtstag am 21. Januar erklärte er seinem Aufsichtsratschef Helmut Haeusgen, er wolle seinen Posten als Vorstandsmitglied der Dresdner Bank aufgeben - die Grenze des Zumutbaren sei erreicht.

Vergeblich versuchte Haeusgen den amtsmüden Bankier umzustimmen, vergeblich auch mühte sich Vorstandskollege Wolfgang Leeb um Vermittlung. Meier-Preschany, der stets gern sein Englich vorführt, blieb bei einer knappen Abschiedsformel: »We agree that we don''t agree«. _(Wir sind einig, daß wir uneins sind. )

Damit war ein jahrelanger Machtkampf in Deutschlands zweitgrößtem privaten Bankhaus beendet. Meier-Presch, der als zweiter Mann nach Vorstandschef Hans Friderichs galt, hat eingesehen, daß er im Falle eines Führungswechsels bei der Dresdner Bank wieder nicht die Nummer eins würde.

Meier-Preschany hatte schon einmal das Nachsehen, als Bankboß Jürgen Ponto vor fast sieben Jahren von Terroristen erschossen wurde. Ponto hatte den wendigen und redegewandten Banker in den Vorstand geholt. Auf Auslandsreisen und bei gemeinsamen Waldläufen im Taunus wurden die zwei Freunde. Ponto baute Meier-Preschany weiter auf und schlug ihn als seinen Nachfolger vor.

Doch Vorstand und Aufsichtsrat entschieden sich nach Pontos Tod für Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs.

Um den ebenso selbstbewußten wie impulsiven Meier-Presch bei Laune zu halten, umwarb Taktiker Friderichs nach seiner Wahl zum Bank-Chef sofort den enttäuschten Zweiten. Mit der Bitte, ihm

zu helfen, versuchte der Neuling, der in der Branche schnell als Deutschlands teuerster Banklehrling bespöttelt wurde, den Kollegen für sich zu gewinnen.

Friderichs hielt sich zunächst im Vorstand und in der Öffentlichkeit zurück, um nicht womöglich durch mangelnde Sachkenntnis aufzufallen. Meier-Preschany nutzte die Chance und spielte sich in den Vordergrund. Der Vorstandschef wagte nicht, den ehrgeizigen Kollegen zurechtzuweisen oder zu bremsen.

Meier-Preschany war auch stets bereit, über den Bankchef zu lästern. Ganz offen witzelte er des öfteren über Politiker im allgemeinen und über umgeschulte Ex-Politiker im besonderen.

Friderichs bekam immer wieder zu spüren, wie wenig sein Vorstandskollege von ihm hält. Wenn Meier-Preschany dabei war, hatte Friderichs in Gesprächen kaum jemals die Chance, einen Satz zu Ende zu bringen: Meier-Preschany fiel dem Chef immer wieder ins Wort. Wer die beiden nicht kannte, hätte oft meinen können, Friderichs sei der persönliche Referent des Vorstandsvorsitzenden Meier-Preschany.

Wann immer Friderichs etwa Journalisten-Fragen beantwortete, schaltete sich Meier-Preschany ein, korrigierte, ergänzte. Er wußte alles besser. Friderichs, den Presseleuten von Bonn her als schlagfertig und scharfzüngig bekannt, wirkte neben dem wortgewaltigen Bankier wie ein verstockter Anfänger.

Mit seiner hohen Selbsteinschätzung machte Meier-Preschany nicht nur seinem Chef zu schaffen. »Das muß ich besser wissen«, schnauzte er einmal Vorstandskollegen von anderen Banken in einer Diskussionsrunde an, »ich bin schon 31 Jahre im Bankgewerbe.«

Auch den Aufsichtsräten aus der Industrie ging der Bankier oft auf die Nerven. »Ihre blumenreiche Sprache kotzt mich an«, hatte BP-Chef Hellmuth Buddenberg im AEG-Aufsichtsrat den Bankier angefahren. »Sagen Sie doch mal, was Sie meinen.« Meier-Preschany gab zurück: »Wenn Sie mich nicht verstehen, dann muß das wohl an der unterschiedlichen Intelligenz liegen.«

Doch es waren nicht nur persönliche Animositäten, Streit mit Kollegen und Aufsichtsräten, die Meier-Preschany schließlich bewogen, bei der Dresdner Bank aufzugeben. Er hatte auch genügend sachliche Gründe.

So hatte sich Meier-Preschany seit geraumer Zeit hartnäckig für eine vorsichtigere Risiko-Politik der Bank eingesetzt. Schon nach der Beinahe-Pleite der Privatbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co. (SMH), bei der die Dresdner Bank mit 92 Millionen Mark hängenblieb, drängte Meier-Preschany darauf, die hervorragenden Erträge der Dresdner mehr für die Reserven zu nutzen.

Neuen Anlaß zur Warnung sah der Friderichs-Konkurrent dann im Dezember. Die Leasing-Firma DAL, an der die Dresdner mit zehn Prozent beteiligt ist, steckte in Schwierigkeiten, und Meier-Preschany forderte, dies mit verstärkten Wertberichtigungen zu berücksichtigen. Auch für die Kredite an die kränkelnde Stahlbranche verlangte er vorsichtigere Bilanzierung.

Die Aktionäre, so Meier-Preschany, sollten lieber noch einmal vertröstet werden, als daß auf Kosten der Bankreserven voreilig die Dividende erhöht würde. Doch Friderichs, der bereits mehrfach eine erhöhte Ausschüttung angekündigt hatte, fürchtete sich ebenso wie die Mehrheit der Vorstandskollegen vor einer Blamage und ließ MP abblitzen.

So lief in der Dresdner alles gegen den Mann, der noch im vergangenen Jahr in Bankkreisen verbreitet hatte: »Man kommt an mir nicht vorbei.« Falls Friderichs wegen der Flick-Bestechungsaffäre vor Gericht müßte, würde er selbst, so glaubte Meier-Preschany, dessen Nachfolger in der Bank.

Doch im November vergangenen Jahres einigte sich der zerstrittene Dresdner-Vorstand auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Wenn gegen Friderichs das Hauptverfahren - vielleicht in einem Jahr - eröffnet wird, soll der Chef sich nur beurlauben lassen.

Der bisherige Wertpapierchef Wolfgang Röller würde dann kommissarischer Friderichs-Nachfolger. Würde Friderichs verurteilt, so verabredete sein Vorstand, dann soll der bisherige Geldbeschaffer der Bank, Wolfgang Leeb, endgültig erster Mann werden.

Keine Chance mehr für Meier-Preschany. Doch der gibt sich, jetzt wo alles vorbei ist, großmütig und gelassen.

In jedem Unternehmen, so kommentierte Meier-Preschany vergangene Woche seinen Abgang, gebe es nun mal Meinungsunterschiede: »Da geht doch die Welt nicht unter, und die Dresdner Bank auch nicht.«

Wir sind einig, daß wir uneins sind.

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.