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Textilindustrie Knöpfe aus Altglas

Umweltfreundliche Textilien sollen schon bald ein Öko-Zeichen tragen. Doch der Handel wehrt sich.
aus DER SPIEGEL 38/1992

An seine Haut läßt der SPD-Abgeordnete Otto Schily, 60, nur Wasser, Seife und Hemden aus »Sea Island Cotton«. Die chemiefreien Baumwoll-Shirts bezieht der ehemalige Grüne aus London. Hierzulande sind die Öko-Hemden schwer erhältlich.

Das wird sich vielleicht bald ändern: Die deutschen Bekleidungshersteller haben den ökologiebewußten Kunden entdeckt. Vom nächsten Jahr an soll ein kleines Etikett besonders haut- und umweltfreundliche Textilien kennzeichnen. Sie müssen ohne den Einsatz krebserregender Stoffe hergestellt werden und möglichst wenig chemische Rückstände enthalten.

Das geplante Öko-Label sorgt schon jetzt für Aufregung. Der Handel sieht in der Bio-Plakette nur einen Werbegag, mit dem die deutschen Hersteller die ausländische Billigkonkurrenz verdrängen wollen.

Die heftige Reaktion zeigt: Alle Beteiligten trauen dem kleinen Etikett eine gewaltige Wirkung zu; es könnte die eingefahrenen Produktions- und Handelsstrukturen der Branche gründlich durcheinanderwirbeln.

Die Zahl der allergiegeplagten Bundesbürger nimmt ständig zu; sie könnten, wenn das Label Wirklichkeit wird, erstmals gezielt zu weniger belasteten Textilien greifen. Das Nachsehen hätten Hersteller minderwertiger Ware. Die Produzenten würden zudem gezwungen, ihre Erzeugnisse und Fertigungsmethoden umweltverträglicher zu gestalten. Dafür ist es höchste Zeit.

In Webereien und Färbereien werden noch immer gefährliche Substanzen, wie Chlorkohlenwasserstoffe oder Phosphorsäureester, eingesetzt. Die Chemikalien sollen die Stoffe knitterfrei und kuschelweich machen.

Noch immer lassen viele Hersteller die Kleidungsstücke kleben. Das spart Lohnkosten, hat aber schlimme Folgen. Die Billigklamotten können fortan nur noch mit dem Ozonkiller FCKW gereinigt werden. Beim Waschen mit Wasser und Seife würden sie auseinanderfallen.

Die Bio-Plakette könnte dazu beitragen, daß solche und ähnliche Praktiken künftig verschwinden. Doch den Handel kümmern diese Argumente wenig, ihm paßt die ganze Aktion nicht.

Das Gütesiegel sei rechtswidrig, behauptet Karl-Heinz Niehüser vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels, da der Verbraucher die Einhaltung der Auflagen nicht überprüfen könne. Außerdem würden ausländische Hersteller benachteiligt.

Die Einwände lassen sich leicht entkräften. Die Verbandsfunktionäre der Textilindustrie gründeten eigens einen Verein. Er legt die Kriterien für das Öko-Siegel fest und kontrolliert laufend ihre Einhaltung.

Auch an ausländische Anbieter haben die Frankfurter Textilmanager gedacht. Ihre Erzeugnisse können das Öko-Etikett ebenfalls bekommen, vorausgesetzt, die Hersteller halten sich an die strengen deutschen Umweltauflagen.

Tatsächlich haben die Spitzenverbände der Textilhändler ganz andere Gründe, gegen die geplante Bio-Plakette vorzugehen: Sie fürchten um ihr Geschäft.

In vielen Landesverbänden haben Billiganbieter das Sagen. Diese Firmen beziehen einen Großteil ihrer Ware aus Fabriken in Hongkong, Taiwan oder Korea. Schwermetallhaltige Abwässer wandern dort zumeist noch ungeklärt in Flüsse und Bäche.

Um das Öko-Label zu bekommen, müßten die deutschen Textilketten die Betriebe ihrer Lieferanten umrüsten. Und das ist teuer.

Doch nicht nur im Handel, auch in den eigenen Reihen haben die Funktionäre der Textilindustrie noch einiges zu tun, bevor die neue Öko-Linie sich durchsetzen kann. So haben Ostfirmen kaum Chancen, die strengen Auflagen für das Gütesiegel zu erfüllen.

Viele Firmen fürchten zudem um die zahlungskräftigen jungen Kunden. Die haben in den vergangenen Jahren vor allem Jeans und schwarze Kleidungsstücke gekauft. Gerade diese Modeartikel sind nach Einschätzung von Experten besonders umweltschädlich.

Noch immer gelten Hemden, Hosen oder Jacken aus Denim-Stoff nur dann als chic, wenn sie bei jeder Wäsche ausbleichen. Die ausgespülten Farbstoffe finden sich dann in Flüssen wieder.

Besonders schädlich für den Träger und die Umwelt sind jedoch schwarze Kleidungsstücke, wie sie Szenegänger so sehr lieben. Damit die Farbe lange auf der Faser hält, muß der Stoff mit schwermetallhaltigen Chemikalien behandelt werden. Die Abwässer sind in den Klärwerken nur schwer zu reinigen. Außerdem geraten Rückstände des Textilgifts beim Schwitzen über die Haut leicht ins Blut.

Umweltschützer raten kritischen Verbrauchern daher, Jeans und schwarze Kleidung zu meiden. Sie sollen möglichst wenige, aber hochwertige Kleidungsstücke kaufen. Das kommt vor allem großen Mode- und Bekleidungsherstellern entgegen. Die ersten haben den neuen Trend schon für sich entdeckt.

Klaus Steilmann, Deutschlands größter Textilfabrikant, offeriert neuerdings Öko-Kleidung. Und der Bekleidungshersteller Esprit verkauft seit Februar in neun bundesdeutschen Geschäften eine 40teilige Öko-Kollektion - mit gutem Erfolg. Die Jeans, Shorts und Overalls werden ohne chemische Aufheller und Weichmacher hergestellt. Zum Färben verwenden die Textilpioniere Pflanzenextrakte. Den Grundstoff für Knöpfe bilden Altglas und Nüsse.

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