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PROZESSE Kölsche Art

Staatsanwälte und ein gutes Dutzend Verteidiger werden sich im Herstatt-Verfahren eine beispiellose Materialschlacht liefern.
aus DER SPIEGEL 17/1977

Wenn der Mann im blauen Trainingsanzug auf dem Hof des Kölner Klingelputz seine Runden trabt, ist der spöttische Zuruf fast unvermeidlich: »He, Dany, wo willste"n hin?«

Untersuchungshäftling Dany Dattel, 37, ehemaliger Chef-Devisenhändler des Bankhauses Herstatt, will nirgendwohin: Vermummt in dicke Sportkleidung und deutlich abgemagert, versucht sich Untersuchungshäftling Dattel in Form zu halten.

Fitneß kann der einstige Devisenspekulant dringend brauchen. Nur er selbst -- wenn überhaupt jemand -- kann die Beschuldigungen des Staatsanwaltes widerlegen, er habe sich auf. Kosten der Herstatt-Bank bereichert und sei für ihren Zusammenbruch mitverantwortlich.

Noch »in diesem Sommer«, nach drei Jahren intensiver Ermittlungsarbeit, will der Kölner Erste Staatsanwalt Manfred Willems Dattel und mehreren seiner früheren Kollegen den Prozeß machen.

Für beide Parteien, für den ehrgeizigen Ankläger und die betuchten Beschuldigten, steht die Karriere auf dem Spiel. In einem der größten Wirtschaftsprozesse der Nachkriegszeit müssen die Hauptakteure der Pleite des Kölner Bankhauses im schlimmsten Fall mit hohen Freiheitsstrafen rechnen.

Und der Staatsanwalt, der Jahre seiner Laufbahn in den Fall investiert, muß zeigen, daß er strafbare Manipulationen im Devisengeschäft, einer hochkomplizierten und trickreichen Sparte des Bankgeschäfts, nicht nur vermutet, sondern auch beweisen kann.

Seit dem 26. August vergangenen Jahres, als er acht Tatverdächtige verhaften ließ, ist Staatsanwalt Willems nach Ansicht seiner Gegenspieler bei seinen Ermittlungen kaum weitergekommen. Nachdem Ex-Bankier Herstatt schon im Herbst 1976 wegen akuter Kreislaufschwäche und anderer Gebresten aus der U-Haft entlassen worden war, konnten Herstatt-Direktor Kurt Wickel und auch die beiden ehemaligen Herstatt-Devisenhändler Bruno Blaeser und Bruno Heinen gegen Kaution den Klingelpütz verlassen.

Und als das Oberlandesgericht im März dieses Jahres die Haftgründe für die noch festgehaltenen Herstatt-Manager Bernhard Graf von der Goltz, Heinz Hedderich und Dany Dattel sowie den Frankfurter Devisenhändler Norbert Arden prüfte. hatte Willems nicht mehr anzubieten als die Argumente vom Spätsommer 1976, neue Belege oder Beweisstücke wurden nicht nachgereicht. Im Gegenteil: Einige der Behauptungen des Staatsanwalts erwiesen sich inzwischen als zweifelhaft.

Die Staatsanwaltschaft verfolgt im Falle Herstatt zwei verschiedene Täterkreise, die nach ihrer Auffassung die Bank geschädigt und am Ende in den Ruin getrieben haben:

>Die »Absahner« (Staatsanwaltschaft Köln) sollen als Devisenhändler auf Kosten der Bank Millionen beiseite geschafft haben -- neben Dattel zählen die vor der Pleite ausgeschiedenen Herstatt-Händler Blaeser und Heinen sowie der großkalibrige Frankfurter Devisenmakler Norbert Arden zu dieser Gruppe; > Bankchef Iwan Herstatt, sein Generalbevollmächtigter Bernhard Graf von der Goltz, seine Direktoren Kurt Wickel und Heinz Hedderich und auch Dattel haben nach Meinung der Staatsanwaltschaft Gelder der Bankkunden veruntreut: Trotz ihres Wissens um die Gefahren des Devisengeschäfts und der Schieflage der Bank sollen sie den Eindruck erweckt haben, bei der konkursreifen Bank sei alles in bester Ordnung.

Unbestritten ist, daß zumindest ein Teil der Bankvorderen einen fatalen Hang hatte, aus der mittelgroßen Privatbank eine umsatzstarke Spielbank zu machen. Sie zogen -- allen Usancen der Branche zum Trotz -- eine weit überdimensionierte Devisenspekulation auf, spekulierten auf eigene Rechnung und gestatteten auch ihren Angestellten ausdrücklich das riskante Geschäft mit Devisen.

Doch weniger sicher ist, wer von den spekulierenden Bankmanagern zu welchem Zeitpunkt die drohende Gefahr für die Bank bemerkt hat oder hätte bemerken müssen. Im vergangenen Sommer, als er seine Verhaftungswelle losließ, schien Staatsanwalt Willems die Antwort zu wissen. Doch noch immer hat er keine Anklage erhoben. noch immer ermitteln seine Beamten.

Selbst die für den Vorwurf der Veruntreuung der Einlegergelder entscheidende Frage, wer denn eigentlich die Fälschung der monatlichen Bankausweise, in denen die Verluste kaschiert wurden, veranlaßte, scheint noch nicht hinreichend beantwortet. Denn sonst hätte Willems zumindest gegen die seines Erachtens schuldigen Bankmanager Anklage erheben können. Alle entsprechenden Papiere sind gesammelt, alle Zeugen vernommen.

Von den Inhaftierten selber wird Willems kaum Neues erfahren. Obgleich die an üppiges Leben gewöhnten Bankiers und Devisenhändler seit Monaten in Zwei-mal-drei-Meter-Zellen hausen und ihr Essen fast auf der Toilette zu sich nehmen, ist keiner der Häftlinge zum Kronzeugen der Staatsanwaltschaft geworden.

Bankeigner Iwan Herstatt, zuckerkrank, kreislaufsehwach, ein lamentierendes menschliches Wrack, wird ohnehin nicht mehr prozeßfähig werden. Graf Goltz bleibt bei seiner Darstellung, er habe erst kurz vor Schließung der Bank von den hohen Verlusten erfahren ("Die hat Dattel uns verschwiegen").

Und Dattel, die zentrale Figur der Affären, will immer nur auf Weisung seiner Vorgesetzten gehandelt haben. In der Tat hat etwa Iwan Herstatt nach seiner Verhaftung zugegeben, ihm sei »bewußt« gewesen, daß bestimmte Manipulationen Verluste der Bank »kaschieren« sollten.

Die schwierige Verfolgung der »Absahner« scheint dem Staatsanwalt dagegen leichter zu fallen. »Big Willi«, wie Willems in seiner Dienststelle und an seiner Stammtheke in dem Kölner Altstadtlokal »Keule« genannt wird, hat in seinem ersten Ermittlungsbericht auf immerhin 556 Seiten die Spuren zusammengetragen. Neben mehreren Gutachten über den Devisenhandel im allgemeinen und die besondere Spielart dieses Geschäfts im Hause Herstatt half ihm dabei vor allem die Treuhand-Vereinigung AG, die 80 000 Kontrakte und 250 000 Belege per Computer erfaßte und analysierte.

Nach der Auswertung des Materials stand für den Kölner Staatsanwalt fest: Dattel habe im Verein mit anderen Beschuldigten über manipulierte Geschäfte seine eigenen Konten aufgebessert und seinem Arbeitgeber zu mehr als 35 Millionen Mark Verlust verholfen.

Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft sollen die »Absahner« über die Zürcher Econ-Bank Devisengeschäfte mit manipulierten Kursen abgeschlossen haben; regelmäßig habe die Herstatt-Bank dabei »einen vorgeplanten Verlust«, Econ »einen entsprechenden Gewinn« gemacht.

An der Econ-Bank war Dattels Freund. der Mitbeschuldigte Arden, beteiligt.

Den Beamten schien zudem verdächtig, daß Arden der auf Devisentransaktionen im Herstatt-Format keinesfalls zugeschnittenen Kleinbank sämtliche Guthaben und Besitztümer verpfändete: »zur Sicherung aller ihr jeweils gegen mich und das Bankhaus 1. D. Herstatt Köln zustehenden Ansprüche«.

»Alles, was von Herstatt kam«, sagte Econ-Direktor Fischer bei seiner Vernehmung aus, »war von Arden.« Die Bank hätte zu den Geschäften zwischen Arden und Herstatt »als Treuhänder« nur ihren Namen gegeben.

Fischer sagte auch aus, daß Arden »in durchaus unüblicher Weise durch Barabhebungen« über die Millionen-Gewinne verfügt habe, die auf seinem Econ-Konto einliefen. Wenn der Frankfurter Devisenhändler die Gelder per Überweisungsformular transferiert habe, sei der Empfänger nie zu identifizieren gewesen.

Auch Dattel und Arden bestreiten nicht, daß sie mit privaten Spekulationen Millionen verdient haben. Doch dabei, meinen sie, sei alles mit rechten Dingen zugegangen.

Die verteilten Millionen sind nach Aussagen der U-Häftlinge nichts anderes als die Gewinne einer Spekulationsgemeinschaft, die Arden als Teilhaber der Frankfurter Maklerfirma Intervalor betreute und zu der auch die Beschuldigten Blaeser und Heinen gehörten. Dattel kassierte über diesen Pool, wie er dem Staatsanwalt schon vor seiner Verhaftung mitteilte, von 1971 bis 1974 insgesamt 12,5 Millionen Mark.

Willems indes glaubt nicht an den Spekulationspool. Und da er -- so Willems -- »keine plausible Erklärung für die enormen Geldzuwendungen Ardens an die Beschuldigten Dattel und Heinen« gefunden hat, behauptet er ungerührt, zwischen den von ihm monierten Devisenmanipulationen zu Lasten der Bank und den Millionengewinnen der »Absahner« bestehe ein »eindeutig nachweisbarer« Zusammenhang.

Diese These hat allerdings ihre Tücken. Dattel etwa hatte den größeren Teil seiner Millionen bereits kassiert, ehe die von Willems beanstandeten Manipulationen stattfanden. Auch die Devisenhandelsketten, die Willems zum Nachweis des »Herausdrehens« der Herstatt-Millionen über die Econ-Bank zusammenfügte (SPIEGEL 36/ 1976), scheinen nicht allzu zerreißfest. Die Anwälte der Beschuldigten behaupten jedenfalls unablässig, bei dieser Darstellung fehlten ganze Geschäftsvorgänge. Nur deshalb habe der Eindruck von Manipulationen entstehen können.

In einem Fall mußte Willems in der Tat zurückstecken. Das Oberlandesgericht übernahm in seinem Beschluß über die Fortdauer der Untersuchungshaft Dattels nur neun der von Willems ausgebreiteten zehn Belegfälle: »Hinsichtlich des weiteren im Haftbefehl aufgeführten Falles erscheinen noch weitere Ermittlungen erforderlich.«

Doch dieser kleine Teilerfolg konnte die Gilde der Verteidiger nicht aufmuntern. Sie fühlen sich ausnahmslos von Willems unfair behandelt. Denn bisher hat sich der Erste Staatsanwalt wenig geneigt gezeigt, der Gegenpartei die vom Gesetzgeber vorgesehene Waffengleichheit zu gewähren. Die Anwälte beschweren sich darüber, daß sie keine Chance haben, die Behauptungen des Anklägers zu entkräften: Willems stelle ihnen die angeforderten Akten gar nicht oder nur bruchstückhaft zur Verfügung.

»Wir sind in einer bitteren Situation«, findet Günter Kohlmann, Professor an der Universität Köln und Rechtsvertreter Ardens. »Wir müssen die Behauptungen aus dem Haftbefehl widerlegen und wissen nicht, wie wir an die Entlastungsmittel herankommen.«

Mein Mandant«, klagt Dattels Anwalt Gerd Zerhusen, »muß sich gegen bloße Verdächtigungen verteidigen, und dabei hat er noch die Beweislast.«

Auch das Gutachten der Treuhand-Vereinigung gibt Willems nicht aus der Hand, obwohl viele seiner Beschuldigungen darauf basieren. Damit gibt die Staatsanwaltschaft nach Ansicht des Heinen-Anwaltes Paul Ellrich unfreiwillig zu, »wie sehr sie selbst Zweifel an der Richtigkeit ihrer angeblichen Erkenntnisse hegt.

Doch so ganz wohl ist den Verteidigern gleichwohl nicht: Der Informationsvorsprung, den sich Willems mit Hilfe eines Stabes von weiteren Staatsanwälten, Wirtschaftsreferenten, Gutachtern, Wirtschaftsprüfern und Computerexperten gesichert habe, sei kaum aufzuholen.

Beim Beschaffen mancher Informationen war Willems nach Ansicht der Anwälte gelegentlich durchaus nicht pingelig. Als zum Beispiel der Beschuldigte Arden im Dezember letzten Jahres für einen anderen Prozeß als Zeuge nach München »verschubt« (Amtsjargon) wurde, ließ der Staatsanwalt von einem Klingelpütz-Beamten Ardens Zelle durchsuchen. Dabei verschwanden »auf die kölsche Art« (Arden-Anwalt Kohlmann) zwei Aktenordner, die Willems schon lange interessierten.

Die beiden Ordner waren in einem versiegelten Karton verpackt, der deutlich die Aufschrift »Verteidiger-Post« trug.

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