Debatte um Fußball-WM in Russland Maulhelden in kurzen Hosen

Russland die Fußball-WM wegzunehmen - diese Idee ist nicht nur erschütternd einfallslos, sondern auch perfide. Denn sie lenkt von der eigentlichen Frage ab: Was ist es uns wert, Putin eine Grenze aufzuzeigen?

Fußballspiel Deutschland gegen Russland (2009): Putin die WM wegnehmen?
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Fußballspiel Deutschland gegen Russland (2009): Putin die WM wegnehmen?

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Wie oft kann man Russland eigentlich die Fußball-WM wegnehmen? Mehr als einmal logischerweise nicht. Das hindert deutsche Politiker freilich nicht daran, es bei jeder zweiten Gelegenheit zu fordern. Dieses Mal, weil Präsident Wladimir Putin wenig Anstalten macht, an der Aufklärung des Flugzeug-Abschusses über der Ostukraine mitzuwirken.

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Heft 30/2014
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Was für eine Nebelkerze.

In vier Jahren soll die WM in Russland stattfinden. Das liegt so weit in der Zukunft, dass es die Drohung mit einer Verlegung jetzt kaum Druck entfalten kann. Noch dazu hätte die Bundesregierung darüber ja nicht allein zu befinden, selbst wenn sie wollte. Das wissen natürlich jene, die jetzt trotzdem mit all ihrem Gratismut fordern: Nehmt Russland die Weltmeisterschaft weg!

Jeder hat seine eigenen Tabus

Am Eigentlichen zielen diese Helden in kurzen Hosen elegant vorbei. Die EU-Staaten tun sich schwer, harte Wirtschaftssanktionen zu beschließen. Fast jedes Mitgliedsland hat bei den Sanktionen sein eigenes Tabu. Bei den Franzosen sind es lukrative Waffenexporte, bei den Briten ist es der anziehungskräftige Finanzplatz London und bei den Deutschen sind es etliche Milliarden Euro, die hiesige Konzerne in Russland investiert haben. Das politisch unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach. Aber wenigstens sollte man sich nicht lächerlich machen. Das tut indes, wer sich in Symbolik ergeht nach dem Motto: Hauptsache gut gebrüllt und keine Kosten.

Was nicht wehtut, wirkt nicht

Das vorläufige Fazit der sich seit Monaten hinziehenden Auseinandersetzung mit Russland ist dieses: Was nicht wehtut, wirkt nicht. Diese Logik kann man archaisch nennen oder brachial, aber bis zum Beweis des Gegenteils sollte man sie als Grundlage weiterer Überlegungen akzeptieren. Und sich darum die entscheidende Frage stellen: Welche Nachteile sind die Europäer, zuvorderst die Deutschen, bereit in Kauf zu nehmen, um die Sanktionen zu verschärfen? Wie viele Euro und wie viele Arbeitsplätze wollen wir riskieren, um Wladimir Putin und seine Entourage so unter Druck zu setzen, dass sie die Separatisten im Osten der Ukraine zur Räson bringen? Die Antwort steht aus. Die Bundesregierung umgeht sie, indem sie den Zusammenhalt der EU-Staaten zur Maxime erklärt - was, Gründe siehe oben, harte Sanktionen bislang verhindert.

Manch anderer sucht Entlastung in wohlfeilen Forderungen wie der nach Absage der WM. So geht es nicht weiter. Fast 300 Menschen sind beim Abschuss von MH17 gestorben. Wladimir Putin kann vielleicht warten, die Europäer können es nicht.

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Nikolaus Blome studierte Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris. Seit Oktober 2013 ist er Mitglied der Chefredaktion und Leiter des Hauptstadtbüros von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Nikolaus_Blome@spiegel.de

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
hm.... 24.07.2014
1. jaja
unsere politmarionetten. mit der idee haben sie alle ihre professiobelle inkompetenz mal wieder bewiesen. wenn sich die fifa nun politisch einmischen würde, dann wäre sie komplett unglaubwürdig. sport soll sich nicht aktiv in die Politik einmischen!
StefanXX 24.07.2014
2. Selbstherrlicher Unsinn
Also ich bin von der Grundhaltung her eher westlich und pro-amerikanisch eingestellt, aus guten Gründen wie ich finde. Aber bei dieser Idee muss selbst ich sagen: Was für ein selbstherrlicher Unsinn. Ich finde es schlimm dass manche glauben Ihre Vorstellungen von Recht, Ordnung und Moral allen anderen Menschen und Staaten aufzwingen zu müssen. und sich dann erdreisten das auch noch durch "Strafmaßnahmen" wie die (Nicht-)Vergabe einer Fussball-WM durchsetzen zu wollen.
alexxa2 24.07.2014
3. o, ja...gute Idee! Wir geben es Katar 2 x
Gott, wie weit sinken wir noch ?
Hombre60 24.07.2014
4. Auf den Punkt
bringt es der Kommentar. Das Deutschland hier keine Alleingänge macht und die EU in die Pflicht nimmt, ist nur konsequent. hic rhodos, hic salta! so deckt man den ganzen Chauvinismus der EU-Mitglieder auf, allen voran die Briten und Franzosen, die in dieser Disziplin Weltmeister sind. Den Niederlanden dürfte er wohl mit 192 Toten, die unser Mitgefühl haben, vergangen sein.
ratxi 24.07.2014
5. Deswegen...
Zitat von sysopDPARussland die Fußball-WM wegzunehmen - diese Idee ist nicht nur erschütternd einfallslos, sondern auch perfide. Denn sie lenkt von der eigentlichen Frage ab: Was ist es uns wert, Putin eine Grenze aufzuzeigen? http://www.spiegel.de/wirtschaft/kommentar-blome-weltmeisterschaft-in-russland-und-sanktionen-a-982588.html
Die Frage ist gut.....und auch schwer zu beantworten. Wohl kaum jemand möchte persönlich davon belastet werden; zu verwöhnt sind wir doch durch die--glücklicherweise--lange Friedensphase in Europa seit dem 2. Weltkrieg, dass wir uns vorstellen mögen, irgendwelche Scharmützel könnten statt ausschliesslich in den Medien, wo sie hingehören, unser heiliges Privatleben betreffen. Und doch ist die Frage des WM-Entzugs--solange es noch hin sei--ja gar nicht so weit hergeholt. Denn wenn ich darauf antworten soll, tue ich das ja aus der Einschätzung der jetzigen Situation heraus, und dann mit der Vorstellung im Kopf, wie es denn sein muss, mitten im gegenseitigen Hickhack und Säbelrasseln fröhlich seine Fussballmannschaften dort hinzuschicken, um richtig zusammen zu feiern. Und das kann ich mir eben nicht vorstellen, für möglich zu halten. Deswegen ist es eben nicht perfide.
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