Kommentar Tod der Netz-Visionen

Den Internetstars ist der Spaß gründlich vergangen. Jetzt sind Wege aus der Krise nötig - und möglich.

Von Carsten Matthäus


Märchenstunde: Amazon-Chef Bezos liest aus seinem Lieblingsbuch "Stinky Cheese Man" vor
AP

Märchenstunde: Amazon-Chef Bezos liest aus seinem Lieblingsbuch "Stinky Cheese Man" vor

Die schlechten Nachrichten in der Computerwelt hören und hören nicht auf. Bei Yahoo! gibt mit Tim Koogle ein erfahrener Manager auf und schiebt eine Gewinnwarnung hinterher. Stephan Schambach zieht sich bei Intershop zurück und glaubt nicht mehr an das große Geld in Amerika. Amazon-Chef Jeff Bezos gerät unter Insiderverdacht und kämpft gegen Vermutungen, der Firma könnte bald das Geld ausgehen.

Bei den Internetfirmen ist Sand im Getriebe. Jede dieser Nachrichten zeigt, dass selbst die Stars mit ihrem Latein momentan am Ende sind. Noch bis vor kurzem bot die virtuelle Welt genug Raum, um die Hoffnung auf unbegrenzte Gewinne immer neu zu schüren. Gnadenlose Erbsenzähler haben den Visionären aber mittlerweile jeden Fluchtweg verstellt.

Die Argumente der Skeptiker sind niederschmetternd: Online-Werbung bringt nicht genug, E-Commerce wächst zu langsam, im Management der neuen Firmen werden zu viele teure Fehler gemacht. In der real existierenden Internetwelt ist momentan vor allem eines gefragt: knallhartes Krisenmanagement.

Die Gerüchte über eine mögliche Kooperation von Amazon und Wal-Mart hat bereits einen der möglichen Auswege aus der Krise gezeigt, nämlich die Verbindung mit starken Partnern in der "normalen" Geschäftswelt. Amazon bringt die Internet-Technologie, Wal-Mart sichert die kostengünstige Logistik - das wäre ein Dream-Team.

Ein weiterer Weg wäre es, die Kunden stärker über den Preis ins Netz zu locken. Nicht erst seit Aldi ist die Magie billiger Angebote bekannt. Wenn es sich durchsetzte, dass Waren, Tickets und Dienstleistungen im Internet billiger zu haben sind als anderswo, wäre das ein schlagendes Argument. Wie das funktionieren kann, zeigt momentan - man mag es kaum glauben - die Deutsche Bahn. Wer seine Fahrkarte über Surf&Rail kauft, fährt billiger als jeder BahnCard-Inhaber, und er muss noch nicht einmal zum Bahnschalter.

Die Online-Werbung müsste sich ebenfalls mehr an den Erfahrungen der alten Wirtschaft orientieren. Das Netz bietet die einzigartige Chance, einen direkten Kontakt zu potenziellen Kunden zu schaffen. Doch hinter den meisten Werbebannern ist nur ein einfacher Link auf die eigene Homepage versteckt - wie langweilig. Längst müsste dort mit großen Gewinnen gewunken werden, wie es alle Werbeformen tun, die einen Response, also eine Reaktion des potenziellen Kunden erreichen wollen.

Schließlich wird sich auch im Management von Dot.coms die alte Schule nicht vermeiden lassen. Für jede Branche braucht es Manager, die zu dem Geschäft passen, das sie betreiben. Im Internet ist das nicht anders. Amazon-Chef Jeff Bezos muss ein guter Händler sein - nicht mehr und nicht weniger. Erreicht er, dass bei ihm gute Qualität zu günstigen Preisen zu haben ist, wird er auch langfristig Erfolg haben. Auch bei Yahoo! und Intershop sind nun Macher gefragt, die nüchtern Geschäfte und sinnvolle Kooperationen präsentieren und nicht in wolkigen Worten versuchen, die Probleme des Unternehmens zu kaschieren.

Der neue Realismus mag Internet-Visionären nicht gefallen. Er ist aber gut fürs Geschäft.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.