Anton Rainer

Reichelts Rauswurf Die verlorene Ehre des Mathias Döpfner

Anton Rainer
Ein Kommentar von Anton Rainer
Nach Bekanntwerden neuer Compliance-Vorwürfe gegen Ex-»Bild«-Chefredakteur Julian Reichelt entzieht Springer-Chef Mathias Döpfner ihm das Vertrauen. Aber die Entmachtung kommt Monate zu spät.
Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und wichtigster Medienzampano des Landes

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer und wichtigster Medienzampano des Landes

Foto: Christoph Hardt / Future Image / IMAGO

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Es ist schwer zu sagen, was Mathias Döpfner eigentlich beruflich macht. Offiziell ist der 58-Jährige Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, der Mann an der Spitze des »Bild«- und »Welt«-Verlags und wichtigster Medienzampano des Landes.

Nur von dem, was in seinem eigenen Unternehmen vor sich ging, hatte Döpfner ganz offensichtlich keine Ahnung. »Als Folge von Presserecherchen« habe er von den Verfehlungen seines Chefredakteurs erfahren, schreibt Axel Springer in der Pressemitteilung, mit der Julian Reichelts Abgang von »Bild« besiegelt wurde. Von »neuen Erkenntnissen« ist da die Rede, man habe erfahren, dass Reichelt Privates und Berufliches noch immer »nicht klar getrennt« habe. Was für ein Schock muss das gewesen sein für den armen Milliardär, dass sein Vertrauen so missbraucht wurde. Wie konnte Reichelt ihn nur so enttäuschen?

Es ist ein lächerliches Schauspiel.

Wie sehr der »Bild«-Chef junge Frauen in seiner eigenen Redaktion drangsalierte, wie viele problematische Affären mit Praktikantinnen und Volontärinnen er einging, welche Machokultur bei Deutschlands größter Zeitung herrschte und herrscht, weiß Mathias Döpfner nicht erst seit gestern. Er erfuhr es auch nicht aus einem Bericht der »New York Times« oder durch Anfragen von »SPIEGEL« und »Ippen Investigativ«. Er fand es schon vor Monaten selbst heraus.

Bereits im Februar dieses Jahres brachte Axel Springer ein Compliance-Verfahren gegen Julian Reichelt ins Rollen, ausgelöst nicht etwa durch boulevardkritische Konkurrenzmedien oder böse Politiker, sondern durch Hinweise aus dem eigenen Haus. Der SPIEGEL berichtete damals zuerst darüber.

Kuscheln im selben Schützengraben

Kaum eine der Informationen, die nun auf dem Tisch liegen, kann Döpfner deshalb überraschen. Sie waren in dem Abschlussbericht der Kanzlei Freshfields zu lesen, die Springer mit der Aufklärung betraut hatte, in Protokollen und Vermerken. Döpfner erhielt den Bericht als eine von nur drei Personen, aber die ganze Branche kannte die Einzelfälle in ihren üblen und übleren Details. Döpfner hielt dennoch zu Reichelt, holte ihn nach nur zwölf Tagen Auszeit zurück in die verständnisvolle Familie. Wie einen etwas zu frechen, ungezogenen Sohn, den man sich leider nicht aussuchen kann.

»Statt einer Kündigung gab es eine zweite Chance«, schreibt Springer jetzt, als wäre Reichelts mutmaßlicher Machtmissbrauch nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen – und kein über Jahre geduldetes System. In Wirklichkeit gab Döpfner seinem wichtigsten Journalisten einen regelrechten Blankoscheck an zweiten Chancen. Reichelt nutzte sie im Sinne seines Förderers: Politisch hockte man im selben Schützengraben, der Rest war herzlich egal.

Wer in der Welt nur Freund und Feind sieht, muss jeden Angriff als Verschwörung deuten.

Angesprochen auf die vielen Kollateralschäden, die diese Strategie verursachte, reagierte Döpfner, wie es im Springer-Kosmos üblich ist: Mit Ablenkungen, Solidaritätserklärungen, Schuldumkehrungen. Dass der Verleger in einer nun bekannt gewordenen WhatsApp-Nachricht die Coronapolitik der Bundesregierung mit dem »DDR Obrigkeits Staat« verglich und gegen »Propaganda Assistenten« im Journalismus wetterte, mag politisch brisant sein. Für Döpfner und sein Haus bezeichnend ist aber, was er danach schreibt: die Gründe für sein bewusstes, langjähriges Wegsehen. »Da macht sich einer jeden Tag viele mächtige Feinde«, schreibt der Springer-Chef über Julian Reichelt. »Und wir müssen immer sehr genau unterscheiden, woher die Gegnerschaft kommt«.

Der raunende Ton, mit dem Döpfner die Aussagen der betroffenen Frauen schon präventiv zu entkräften versuchte, passt zur mentalen Wagenburg, in der sich »Bild« und Springer eingerichtet haben. Wer in der Welt nur Freund und Feind sieht, muss jeden Angriff als Verschwörung deuten. Er muss die Reihen schließen um jeden Preis.

Kein Wort der Entschuldigung

Nicht nur in einschlägigen Telegram-Gruppen werden rund um Reichelts Abgang nun Dolchstoßlegenden erzählt, man findet sie im Ansatz auch in der offiziellen Mitteilung des Verlags. Über den geschassten Chefredakteur findet Springer kaum ein kritisches Wort, stattdessen werden »rechtliche Schritte gegen Dritte« angekündigt, die das Ziel gehabt hätten, die Zeitung und den Verlag »zu schädigen«. Springer sieht sich als Opfer, bis zum bitteren Ende, für die betroffenen Frauen finden weder Springer noch Döpfner ein einziges Wort der Entschuldigung.

Es ist richtig, dass dem System Reichelt nun ein Ende gesetzt wurde. Dass er selbst nach dem für ihn unangenehmen Compliance-Verfahren im Frühjahr noch mindestens eine Affäre mit einer Untergebenen führte und den Vorstand darüber belog, zeigt jedoch, wie sicher und unangreifbar er sich unter seinem mächtigen Verleger fühlte. Zu Recht: Am Ende war es nicht Döpfner, der Reichelts Schicksal besiegelte, sondern der Sturm, den ein Artikel der »New York Times« auslöste.

Ob Springer auch in Amerika, bei seinem neuen Prestige-Projekt »Politico«, eine solche Arbeitskultur einführen werde, wollte das Blatt von dem Verleger wissen. Döpfner verneinte, man werde »kein Verhalten tolerieren, das den klaren Compliance-Richtlinien widerspreche.« Man werde in den USA nicht die »Bild«-Arbeitskultur einführen. Für Deutschland war sie offenbar viele Jahre gut genug.

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