Kommentar zur Finanzkrise Warum wir wieder mehr Ludwig Erhard brauchen

Der "Rheinische Kapitalismus" galt als Wirtschaftsmodell von gestern. Doch die Finanzkrise des Jahres 2008 hat gezeigt, wie wichtig eine Ökonomie ist, die sich nicht nur am Profit, sondern an den Menschen orientiert. Zeit für eine Renaissance, schreibt SPIEGEL-ONLINE-Autor Siegfried Kogelfranz.

Eine junge Russin kann 1982, gegen Ende der bleiernen Breschnew-Ära, durch Heirat nach Deutschland übersiedeln. Die Absolventin der Moskauer Diplomaten-Akademie beherrscht mehrere Sprachen, sie hat ihren Marxismus gepaukt und seine Perversion in der realsozialistischen Sowjetwirklichkeit am eigenen Leib erlebt.

Kanzler Erhard (1964): Die Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?

Kanzler Erhard (1964): Die Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?

Foto: DPA

Nach kurzer Eingewöhnungszeit kommt sie zu einer überraschenden, für sie aber überzeugenden Einsicht: "Was ihr Deutschen hier habt, das ist das Ideal des Sozialismus, wie es uns von den Kommunisten stets als Endziel marxistischer Entwicklung der Gesellschaft prophezeit wurde."

Wie das? Die kapitalistische Bundesrepublik als marxistische Endzeit-Vision?

Aber ja: "Hier geht es jedem gut. Die Arbeit wird anständig bezahlt. Bei Krankheit sind alle versorgt. Von ihrer Rente können die Bürger leben. Sie haben Wohnungen oder gar ein Haus, nicht nur die neun Quadratmeter pro Kopf, die den Sowjetmenschen gerade wieder einmal für die Zukunft versprochen werden.

"Es gibt alles zu kaufen. Auch die Werktätigen können sich ein Auto leisten, in den Urlaub fahren, wohin sie wollen. Noch dazu können sie frei wählen, öffentlich protestieren, es gibt keine Zensur, keine politischen Zwänge. Und wem das alles noch nicht passt, der kann auswandern. Das ergibt alles noch mehr als jenes Paradies, welches uns die kommunistische Theorie als leuchtende Zukunft seit Generationen vorhersagt."

Das war, daran muss hier wohl erinnert werden, vor fast drei Jahrzehnten.

Der Kommunismus beherrschte damals ein Drittel der Welt. Noch galten in der Bundesrepublik die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft nach Ludwig Erhards Devise vom "Wohlstand für alle". Der sogenannte "Rheinische Kapitalismus" mit seiner sozialen Komponente wurde neben dem skandinavischen Weg eines "Volksheimes" für alle Bürger als bis dahin erfolgreichstes Beispiel des Kapitalismus angesehen. Vom "Modell Deutschland" sprach nicht nur Kanzler Helmut Schmidt.

Goldenes Zeitalter für die Wirtschaftswunder-Kinder

Spitzenmanager verdienten etwa zehnmal so viel wie der Durchschnitt ihrer Mitarbeiter, die auch um ihre soziale Sicherheit weltweit beneidet wurden. Es war ein goldenes Zeitalter für die Wirtschaftswunder-Kinder. Fast ununterbrochen ging es aufwärts.

Am Ende des gleichen Jahrzehnts bricht die Welt des Kommunismus zusammen, ohne dass sie je auch nur in einem Land ihrem roten Paradies näher gekommen wäre. Theoretisch könnten nun alle ihre Bürger in den Genuss der Wohltaten des Kapitalismus kommen, so leben wie im "goldenen Westen".

Doch sie werden bitter enttäuscht. Es klappt überhaupt nicht - und nicht nur marxistische Theoretiker meinen den Grund zu kennen: "Nun ist niemand mehr da, um den Kapitalismus zu korrigieren", belehrte der bulgarische Professor und Abgeordnete Welko Walkanow, der in seinem Land die Wende mit herbeigeführt hatte, Anfang der neunziger Jahre den Autor. "Niemand zwingt ihn zu Kompromissen. Was gut ist am Kapitalismus, das verdankt der doch nur seiner Konfrontation mit dem Marxismus."

Einer seiner Kollegen in Amerika, Professor Lester C. Thurow von der berühmten Denkfabrik MIT, sah es damals fast genau so. Er ging noch weiter, wähnte sogar die Demokratie in Gefahr: "Ohne konkurrierende Idee muss sich das kapitalistische System nicht mehr rechtfertigen oder an anderen Maßstäben messen lassen. Der Kapitalismus glaubt, dass es Aufgabe der wirtschaftlich Fähigen ist, den Unfähigen aus dem Geschäft zu drängen. Das ist politischer Kannibalismus, und der hat mit demokratischen Idealen wenig zu tun."

Zwei warnende Stimmen aus der Zeit der großen, anfangs so hoffnungsfrohen Weltenwende. Sie haben, unterschiedlicher Herkunft und ohne einander zu kennen, auf eine derart fatale Weise recht behalten, wie sie es sich wohl selbst nicht vorzustellen vermochten.

Die Welt als Opfer wahnwitziger Spekulationshysterie

Die knapp zwei Jahrzehnte später jäh ausgebrochene globale Krise des Kapitalismus, verursacht von gewissenlos gierigen Finanzhaien, bringt jetzt über weit mehr Menschen Unheil als dies der Kommunismus jemals in seiner Geschichte schaffte: Er führt die ganze Welt als Opfer wahnwitziger Spekulationshysterie in einen fast ausweglos anmutenden Abgrund.

"Das Problem mit dem Kapitalismus sind die Kapitalisten", hatte schon US-Präsident Herbert Hoover erkannt, der während der Weltwirtschaftskrise von 1929 amtierte: "Sie sind so verdammt gierig."

Denn das Credo eines enthemmten Raubtierkapitalismus, der im Schatten von Begriffen wie Neoliberalismus, Monetarismus und Globalisierung agiert, ist pure Profitmaximierung. Die Finanzwirtschaft koppelt sich weltweit von der sogenannten "Realwirtschaft" ab, in der Arbeitskräfte noch Werte und Güter produzieren. Die neue Finanzmeute handelt nur noch mit Geld und immer mehr auch mit solchem, das es gar nicht gibt.

Der Markt agiert nach dem Motto: "Rules are for fools"

Die Summen, mit denen spekuliert wird, steigen bald auf das Zehnfache des Weltsozialprodukts. Statt um Millionen und Milliarden geht es nun um Billionen. Die Wall Street warf unter dem Motto "Rules are for fools" in immer rascherer Folge neue verschachtelte Finanzprodukte auf den Markt, die sich nach Art der Matrioschkas, jener russischen Puppen in der Puppe, vervielfältigen.

So wandeln sich faule Immobilienkredite aus amerikanischer Provinz dank dafür bezahlter Rating-Agenturen wie durch Zauberhand zu Top-Anlagen, die als Zertifikate, Derivate und andere vorgebliche Wertpapiere unter ständig neuen Namen verramscht werden. Und weltweit gieren Banken nach den als ertragreich angepriesenen Phantasieprodukten, bis auch das letzte Provinzinstitut am großen Rad mit den vergifteten Finanzpapieren mitdreht.

Millionen Anleger, die keine Ahnung haben, worum es da geht, riskieren, von bonusgefütterten Beraterhorden beschwatzt, ihre Ersparnisse. Ganze Staaten wie das kleine, nur 300.000 Einwohner zählende Island, fallen dem Run nach dem großen Geld zum Opfer.

Regierungen als "Agenten des Kapitals"

In den USA steigen Vorstands-Vergütungen zwischen 2001 und 2008 vom vierzig- auf das vierhundertfache des Durchschnittslohnes an. Der tägliche Börsenumsatz explodiert weltweit auf unvorstellbare zwei Billionen Dollar. Boni für Investmentbanker erreichen schwindelnde Summen. Bei Lehman Brothers, deren Pleite die Blase dann endgültig zum Platzen bringt, sind es 500 Millionen für den Boss.

Regierungen verkommen derweil, fast wie Marx es prophezeit hatte, zu "Agenten des Kapitals", die Wall Street beherrscht Washington. Ein Wildwuchs von sogenannten Hedgefonds kontrolliert geborgte Billionen und schlachtet für ein paar Prozente mehr weltweit Unternehmen aus. Vergeblich prangern selbst in die Jahre geratene Granden des Kapitalismus den globalen Wahnsinn an. Milliardär George Soros, einst selbst erfolgreicher Zocker, verdammt den "Casino-Kapitalismus". Warren Buffet, einer der reichsten Männern der Welt, nennt Derivate "todbringende finanzielle Massenvernichtungswaffen". Doch das verhallt ebenso ungehört wie die Forderung nach internationaler Kontrolle der außer Rand und Band geratenen Spekulantenclique, wie sie von Berlin immer wieder erhoben wird.

Bis das "Kapitalverbrechen", so der SPIEGEL auf einem Titel, auffliegt und die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise ihrer Geschichte stürzt. Nun dürfen, sollen, müssen gar plötzlich die Regierungen helfen - mit Billionen, die sie letztlich auch nicht haben. Und die zahllosen Opfer der kriminellen Machenschaften des Kapitals werden dem Staat vor die Tür gekehrt, der sich nach dem Credo der Neoliberalen ansonsten aus dem Markt herauszuhalten hat. Generationen werden um ihr Geld gebracht. Zwei Dutzend Staaten stehen vor dem Ruin, und es können noch weit mehr werden.

Was kommt jetzt?

Den Tätern aber passiert erst mal nichts. Sie werden schlimmstenfalls entlassen, zuweilen immer noch mit hohen Abfindungen. Keiner wurde bisher verhaftet oder angeklagt. Dabei haben sie ein Tausendfaches der Schäden und Verluste angerichtet, die alle Kriminellen in der Vergangenheit verursacht haben. Da mag sich mancher fragen: Was sind die Mafia, Drogenbarone, Waffen- oder Menschenhändler gegen diese entfesselten Billionen-Akrobaten?

Sollte all den Schuldigen an dem beispiellosen Desaster bei all ihren krummen Machenschaften juristisch denn keinerlei Betrugsabsicht nachweisbar sein, fragen sich nicht nur geprellte Anleger. Die möchten auch gern wissen, wo all das verspielte Geld geblieben ist, selbst wenn es nur auf dem Papier stand. Denn der Schaden muss ja mit realen Werten aus der Welt geschafft werden.

Wohlstand für alle sollte der Kapitalismus laut Ludwig Erhard bringen - und das hat er auch, solange er gezügelt werden konnte. Wohlstandsverlust für alle hat nun der wildgewordene Kapitalismus über die ganze Menschheit gebracht. Der hat sich mit dieser geldgierigen Fratze wohl selbst zerstört, wie vor ihm der von Machtgier missbrauchte Sozialismus. Was aber kommt jetzt?

Kann es angesichts einer unumkehrbar globalisierten Wirtschaft und Politik noch einmal das so schnöde verdrängte europäische Erfolgsmodell einer sozialen Marktwirtschaft sein, in der wieder der Mensch und nicht der Mammon im Mittelpunkt steht?

Oder ist ein menschenwürdiger Kapitalismus so aussichtslos wie ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz im Prager Frühling anno 1968? Können angesichts der Weltkrise weltweit beschlossene, auch für Steueroasen verpflichtende Spekulationssteuern dem zerstörerischen Treiben einer entarteten Finanzwirtschaft Einhalt gebieten? Eine solche nach ihm benannte "Tobin-Steuer" hatte ein amerikanischer Ökonom schon 1972 vorgeschlagen. Noch nie wäre ihre Verwirklichung dringender gewesen als jetzt.

Oder kann aus all dem nichts werden? Dann wird das Paradies, das die aus dem Sowjetkommunismus gekommene junge Russin 1982 im damaligen deutschen Kapitalismus zu finden meinte, nur noch eine weitere Utopie bleiben.