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OSTHANDEL Kommt nicht in Frage

Beim ehrgeizigsten Osthandelsgeschäft der deutschen Wirtschaft, einem riesigen Stahlkombinat in der Sowjet-Union, gibt es neue Schwierigkeiten. Muß Bonn mit Krediten einspringen?
aus DER SPIEGEL 43/1976

Zwei Monate nachdem deutsche Industrielle in Moskau ihre Projektstudie für das milliardenschwere Stahlkombinat Kursk fristgerecht abgeliefert hatten, bat Walentin Michailowitsch Falin in Bonn zum Abendessen.

Moskaus Bonn-Botschafter berichtete dem deutschen Projekt-Sprecher Hans Birnbaum, Chef des bundeseigenen Salzgitter-Konzerns. und dem früheren Krupp-General und Kanzler-Berater Ernst Wolf Mommsen, bei dem ehrgeizigen Projekt seien unversehens ernste Komplikationen aufgetaucht. Als die beiden Gäste schließlich aufbrachen, war ihnen klar, daß entgegen ihren Plänen die auf fünf Millionen Jahrestonnen ausgelegte Mammuthütte kaum, wie vorgesehen, gebaut werden kann.

Schon bei den Vorgesprächen im Frühjahr 1974 hatten sich die Russen erst nach zähem Feilschen bereit erklärt, den damals auf 2,5 Milliarden Mark taxierten Preis für die erste Baustufe zu akzeptieren und bar zu bezahlen. In den nächsten Verhandlungsrunden stellten die Moskauer Stahl-Funktionäre »so hohe Anforderungen an Produktion und Qualität«, klagt der von Krupp abgestellte Projektleiter Hans-Jürgen Herbst, »daß sich alles immens verteuerte«.

Ein von den Russen nachgereichter Sonderwunsch erwies sich als besonders kostspielig: Der Bau eines Spezial-Walzwerks für hochempfindliche Stahlprofile wie Turbinenschaufeln und Motorenteile sprengte in der Kalkulation schon bald die vorgesehenen Projektpreise.

Selbst vorsichtige Kursk-Kalkulatoren wie' Ex-Kruppianer Mommsen veranschlagen die ursprünglich auf vier bis fünf Milliarden Mark bezifferten Baukosten auf »möglicherweise sogar 14 Milliarden«.

Das war den Sowjet-Planern bei weitem zuviel. Um sich finanziell nicht zu übernehmen, konzentrierten sie sich auf die beiden ersten Produktions-Abschnitte des vierstufigen Kombinats.

»Auf ausdrücklichen Wunsch der Russen« (Kursk-Koordinator Herbst) mußten deshalb die für die beiden ersten Abschnitte vorgemerkten Firmen Anfang August, drei Monate früher als verabredet, ihre Einzelangebote einrei -- chen: Konsortial-Sprecher Birnhaum für die von Salzgitter zu liefernde Erz-Aufbereitungsanlage und Willy Korf für sein Direktreduktions-Werk.

Krupp und Demag dagegen. die Lieferanten des Stahl- und des Walzwerkes. blieben vorerst untätig und müssen gar befürchten. von den Russen abgekoppelt zu werden. Die von den deutschen Preisprognosen geschockten Russen könnten zum Beispiel eine renommierte amerikanische Engineering-Firma engagieren. Mit Hilfe der fast 5000 Seiten dicken deutschen Projekt-Studie. für die Moskau 95 Millionen Mark zu zahlen hatte, wäre dann rasch ein internationaler Wettbewerb auszuschreiben, bei dem der billigste Bieter den Auftrag erhielte.

Zwar vereinbarten die westdeutschen Industriebosse mit den östlichen Wirtschaftsbürokraten für den hochkomplizierten Projektaufritt strikte Geheimhaltung. Doch selbst Kursk-Manager Herbst gibt nicht viel auf die zugesagte Diskretion: »So etwas schließt doch nicht aus, daß ich etwas verwende, wofür ich bezahlt habe.«

Damit die roten Auftraggeber nicht fremdgehen' bedrängt Krupp-Chef Petry die von den Russen vorgezogenen Konsorten Korf und Birnhaum, sieh nicht auf einen Alleingang einzulassen. Pragmatiker Birnbaum dagegen möchte auf die Wünsche der Sowjets eingehen. Seine Taktik: Er will versuchen. durch einen möglichst schnellen Baubeginn das Gesamtprojekt für die Deutschen zu retten. Birnbaum: »Deshalb mache ich so etwa lieber in mehreren Schritten als nur in zwei Stufen.«

Eine Forderung der Russen will Birnbaum allerdings unter keinen Umständen schlucken: »Es kommt gar nicht in Frage. daß wir als Generalunternehmer für alle auftreten.« die östlichen Unterhändler hatten gerade nach der Preisexplosion der letzten Monate darauf gedrängt, daß die Staatsfirma Salzgitter die technische und finanzielle Verantwortung für den Aufbau von Kursk allein übernimmt.

Schon im nächsten Monat will Konsortial-Sprecher Birnbaum in Moskau versuchen, das Großprojekt voranzutreiben. Doch die Entscheidung, ob der Milliarden-Auftrag wie geplant an das Konsortium geht, wird auch nach seiner Meinung voraussichtlich erst dann fallen, wenn Kreml-Chef Leonid Breschnew als Staatsgast an den Rhein reist.

Vorsorglich präparierte Salzgitters Birnbaum Kanzler Schmidt für das Gespräch mit dem KP-Führer. Bonn, so schrieb der Staatsmanager dem Regierungschef, müsse auf neue Forderungen der Russen gefaßt sein.

Einstweilen mag er den Verdacht. der Kreml wolle mit seiner Verzögerungstaktik in Sachen Kursk den Kanzler lediglich zahlungswillig stimmen, nicht offen aussprechen: »Noch haben sie nicht wegen Geld bei uns angeklopft.«

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