Windows XP in Verwaltungen Ein untoter Patient

Um Mitternacht endet der Support für Windows XP, doch längst nicht alle Kommunen haben sich schon von der Software gelöst. Viele wollten Kosten sparen - und könnten letztlich draufzahlen, wenn auf ihren Rechnern die Viren wimmeln.
Logo von Windows XP: Nicht mehr gewartet seit dem 8. April

Logo von Windows XP: Nicht mehr gewartet seit dem 8. April

Foto: Microsoft

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird die IT der Stadt Duisburg in den nächsten Tagen nicht kollabieren. Völlig unmöglich wäre das zwar nicht, aber das ist ja immer so: Am Tag des ersten Auftretens eines neuen IT-Sicherheitsproblems - dem sogenannten Zero Day - ist jede IT-Infrastruktur mehr oder minder wehrlos.

Das Problem ist nur, dass das Gros der kommunalen Rechner in Duisburg von jetzt an auch wehrlos bleibt. Microsoft hat den Service für Windows XP eingestellt. Es wird keine Sicherheits-Updates mehr geben. Das betrifft vorerst 3300 der 3500 PCs der Stadt. Zwei Jahre, sagt Gabi Priem, Sprecherin der Kommune, werde es dauern, die alle auf Windows 7 umzurüsten.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird das in der größten Stadt des Niederrheins in den nächsten zwei Jahren irgendwann zu Problemen führen. Man muss keine bedrohlichen Hackerbanden herbeiphantasieren, die gezielt die Friedhofsverwaltung attackieren. Die Viren, Trojaner und Sicherheitslücken, die das untote Windows XP ganz alltäglich bedrohen, reichen völlig aus.

Ein System ohne Update ist ein Sieb

Da sind zum Beispiel die Exploits, ausnutzbare Sicherheitslücken in Programmen. Sie sind die massivsten Sicherheitsrisiken, Microsoft stopft heute im Monatsschnitt sechs bis zehn davon. Und dann droht da ja noch Schadsoftware.

Seit Anfang 2014, behauptet das IT-Sicherheitsunternehmen G Data, seien mehr als eine halbe Million neue Schadsoftware-Varianten in Umlauf gesetzt worden, geschätzt 5600 Neu-Schädlinge pro Tag. Rechner, die man nicht mit Updates und Schutzmaßnahmen dicht hält, sind da chancenlos. Dazu, so Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund , wachse auf ungesicherten Systemen das Risiko von Dateneinbrüchen und Spionage.

Gegen den Vorwurf, sich darauf nicht vorbereitet zu haben, wehrt sich Gabi Priem. Seit Monaten werde mit Hochdruck daran gearbeitet, sagt sie. Und außerdem: Der Systemkollaps sei wegen ein paar Sicherheitslücken ja nun auch nicht zu erwarten. Bis zum erfolgreichen Systemwechsel schütze sich die Stadt eben mit einem Sieben-Punkte-Plan gegen Gefahren.

7 Punkte: Der IT-Sicherheitsplan der Stadt Duisburg

Ein schöner Plan. Peter Kühne, IT-Unternehmer in Leipzig und ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Bundes-Arbeitsgemeinschaft der Kommunalen IT-Dienstleister Vitako , urteilt dennoch hart: "Wer nach dem 8. April noch XP im Einsatz hat, hat keine gut organisierte IT, denn normalerweise geht man solche Risiken nicht ein."

Notnägel sind nutzlos

Kühne muss es wissen. Denn Vitako betreut und berät rund 10.000 Kommunen in 14 Bundesländern und hat frühzeitig damit begonnen, deren XP-Umstieg zu forcieren. Und längst nicht alle hätten es geschafft, ganz fertig zu werden: "Leipzig ist beispielsweise in der zweiten Jahreshälfte 2014 durch." Die Gemeinde Lemgo mit ihren rund 1250 Rechnern sei dagegen schon vollständig umgestellt.

Wie groß das Sicherheitsproblem der Gemeinden genau ist, weiß niemand. Belastbare Zahlen gibt es nicht, nur Schätzungen. Insgesamt seien rund 20 Prozent der Rechnersysteme noch nicht umgestellt, sagt Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes und Sachverständiger für IT-Sicherheit.

In so mancher Gemeinde scheitere die Umstellung am Geld. "Wenn es um die Frage Windows 7 oder Kita-Platz geht, ist die Antwort im Gemeinderat oft schnell gefunden", sagt Habbel. Prinzipiell gehe aber kein Weg am System-Update vorbei: "Alles andere verschiebt die Probleme nur."

So wie in Großbritannien und den Niederlanden. Dort haben die Regierungen kurzerhand einige Millionen in die Hand genommen und sich bei Microsoft Sonderwartungsverträge bis 2015 erkauft. Auch das Bundesland Niedersachsen soll tief in die Kasse gegriffen haben, um sich für 8000 landeseigene Rechner ein weiteres Jahr Schutz und Wartung zu kaufen.

IT-Profi Kühne hält diese Lösungsvertagung für Blödsinn, eine IT-Infrastruktur müsse nun einmal up to date gehalten werden, wenn sie funktionieren soll, sagt er. Immerhin aber sei die Tatsache, dass Microsoft sein Uralt-System gegen Zahlung durchaus noch sauber halten könne, ein Hoffnungsschimmer für alle Kommunen, die den Wechsel bisher verpasst haben: "Ich gehe mal davon aus, dass man im Notfall dann solche Patches käuflich erwerben kann."

Nur billig würde das wohl nicht.

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