Zur Ausgabe
Artikel 30 / 88

UNTERNEHMEN »Kompletter Bruch«

Telekom-Chef René Obermann, 46, über den Umbau des Konzerns und den Streit mit seinem Ex-Förderer Klaus Zumwinkel
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 53/2009

SPIEGEL: Herr Obermann, die Deutsche Telekom startet 2010 mit einer neuen Struktur, Mobilfunk und Festnetz werden zu einer Sparte verschmolzen. Beginnt damit eine neue Ära? Oder welchen Stellenwert hat die Neuformierung, für die Sie sogar eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen haben?

Obermann: Es ist in der Tat ein Meilenstein und ein kompletter Bruch mit der Vergangenheit. Bisher basierte die Organisation auf Produktlinien wie Mobilfunk oder Festnetztelefonie. Jetzt stellen wir die Kunden ins Zentrum. Sie sollen den besten Service erhalten, egal, wo sie gerade im Unternehmen anklopfen.

SPIEGEL: Eine späte Einsicht. Sie und alle Ihre Vorgänger haben sich in der Vergangenheit alle Mühe gegeben, die Konzernteile fein zu trennen. Von vier Säulen war da die Rede, zeitweise wurden Sparten wie T-Online sogar in eigenständige Aktiengesellschaften ausgegliedert.

Obermann: Das war zu früheren Zeiten auch richtig, weil die Technik und Geschäftsmodelle damals andere Strukturen verlangten. Heute verschmelzen Netze und Produkte immer mehr miteinander, und die Kunden stellen andere Anforderungen. Deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt.

SPIEGEL: Nach zahlreichen Umorganisationen stellen Sie nun einen Zustand wieder her, den es vor mehr als zehn Jahren schon gab. Das kommt uns vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Jungmanager.

Obermann: Es ist müßig, so weit nach hinten zu schauen. Es gibt nun mal keine Struktur für die Ewigkeit, schon gar nicht in einem so schnellen Markt wie dem unseren. Wir müssen uns flexibel anpassen - immer wieder. Nur so sichern wir Arbeitsplätze und Innovationskraft, und nur so können wir unseren Kunden in Zukunft einen noch besseren Service bieten.

SPIEGEL: Auch das haben schon alle Ihre Vorgänger versprochen.

Obermann: Mag sein, wir kommen aber messbar voran. Wir sind noch nicht perfekt, aber deutlich besser als früher. Und wir bieten den Kunden attraktive Preise und innovative Produkte, die man per Handy, PC oder Fernsehen nutzen kann.

SPIEGEL: Welche konkret?

Obermann: Heute schon können Sie zum Beispiel per Handy auf unsere Internetfernsehbox zu Hause zugreifen und bestimmte Sendungen programmieren. Demnächst können Sie Videoclips mit dem Mobiltelefon aufnehmen und direkt auf den Fernseher Ihrer Freunde schicken.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Sie abgewanderte Kunden damit überzeugen können, zur Telekom zurückzukehren?

Obermann: Natürlich nicht allein damit. Aber Serviceangebote spielen eine immer größere Rolle als der reine Netzzugang, der heute noch im Vordergrund steht. Und weil die Grenzen zwischen Internet, Mobilfunk und Fernsehen zunehmend verschwinden, sind wir zurzeit in mehreren Arbeitsgruppen dabei, für diese Zeit ein neues Konzept zu entwickeln. Die Ergebnisse dieser sogenannten Strategie 2.0 werden wir im Frühjahr vorstellen.

SPIEGEL: Was wird sich ändern?

Obermann: Die neue Strategie 2.0 wird unsere Wachstumschancen gerade mit Blick auf Internetdienste stärker betonen. Ein Beispiel ist der jüngst übernommene Internetdienstleister Strato. Künftig werden wir die eigene Produktentwicklung ausbauen sowie weitere Beteiligungen und Kooperationen eingehen.

SPIEGEL: Gleichzeitig wird der Wettbewerb deutlich härter. Einerseits weiten klassische Mobilfunkanbieter wie Vodafone ihr Geschäft immer mehr aus. Auf der anderen Seite begnügen sich die Kabelfirmen nicht mehr mit der gängigen TV-Versorgung, sondern drängen mit Macht auf den Markt für Telekommunikation. Was bleibt da noch für die Telekom?

Obermann: Wir fürchten uns nicht davor. Allerdings müssen wir unter erschwerten Bedingungen kämpfen.

SPIEGEL: Warum?

Obermann: Der zunehmende Wettbewerb, den Sie angesprochen haben, wird von der Regulierung weitgehend ignoriert. Deshalb muss sich die Telekom weiter an viele Bestimmungen aus der Vergangenheit halten, als ob sie noch ein Monopolist wäre.

SPIEGEL: Mit rund 45 Prozent Marktanteil im Breitbandgeschäft liegen Sie auch noch weit vor allen Konkurrenten.

Obermann: Gott sei Dank wieder! Dennoch hat sich die Lage durch die neuen Konkurrenten erheblich geändert. Diesen Wandel müsste die Regulierungsbehörde berücksichtigen. Gleichzeitig müsste sie Anreize setzen, damit sich zum Beispiel die Milliardeninvestitionen, die wir und einige andere Firmen in den Ausbau der Glasfasernetze stecken sollen, überhaupt rentieren.

SPIEGEL: Warum sollte sich der Regulierer um die Telekom-Rendite kümmern?

Obermann: Wenn sich Investitionen nicht mehr lohnen, weil wir unsere Netze zu vorgeschriebenen Preisen jedem Konkurrenten zur Verfügung stellen müssen, wird es zum Beispiel sehr schwer, die weißen Flecken, die es immer noch in der Breitbandversorgung in Deutschland gibt, zu schließen. Und das geht uns alle an.

SPIEGEL: Mit Löchern im Netz hat auch Ihre US-Tochter zu kämpfen. Bis vor kurzem war sie der Wachstumstreiber der Telekom, inzwischen verliert T-Mobile USA sogar Kunden und Umsatz. Ist die Erfolgsgeschichte vorbei?

Obermann: In den USA nimmt die Nachfrage nach mobilen Internetdiensten seit Monaten dramatisch zu. Die beiden Platzhirsche AT&T und Verizon profitieren derzeit mehr davon, weil sie einen Vorsprung von mehreren Jahren beim Netzausbau haben. Das macht uns zu schaffen - und das müssen wir aufholen.

SPIEGEL: Aufholen heißt, dass Sie weitere Milliarden in den US-Netzaufbau pumpen?

Obermann: Die USA sind für die Telekom kein Abenteuerspielplatz. Wir haben dort im vergangenen Jahr mehr als drei Milliarden Dollar investiert. Dieses Niveau ist auch in der Zukunft nicht unrealistisch, denn unser US-Geschäft ist solide und lässt solche Investitionen zu.

SPIEGEL: Warum verkaufen Sie die US-Handy-Sparte nicht oder suchen sich einen Partner? Solche Lösungen werden doch seit Jahren in Ihrer Zentrale diskutiert.

Obermann: Richtig ist, dass wir uns in jedem Land immer wieder fragen müssen, ob der eingeschlagene Weg auch in Zukunft noch der richtige ist.

SPIEGEL: Kann die Telekom die Herausforderung auf dem US-Markt auf Dauer überhaupt allein stemmen?

Obermann: Natürlich ist der Kapitaleinsatz gewaltig. Ich sehe in den USA speziell im mobilen Internet aber immer noch gute Wachstumschancen. Die wollen wir nutzen.

SPIEGEL: Für Ihre britische Mobilfunktochter lief es ebenfalls über viele Monate schlecht. Dort haben Sie mit France Télécom einen Partner mit ins Boot genommen. Könnte das ein Vorbild für den US-Markt sein?

Obermann: England ist ein anderer Markt mit anderen Rahmenbedingungen. Wegen des intensiven Wettbewerbs hat dort kein Anbieter auskömmliche Renditen, und auch die Wachstumsaussichten sind eher bescheiden. Insofern haben wir uns in England für eine Partnerschaft entschieden. Wir wollen die Größenvorteile nutzen.

SPIEGEL: Insgesamt ist Ihr Konzern bislang relativ gut durch die Krise gekommen. Was waren die Hauptgründe?

Obermann: Zunächst einmal ist unser Privatkundengeschäft spätzyklisch. Das heißt, wir merken die Auswirkungen einer Krise, wenn sie tatsächlich auch beim Verbraucher angekommen ist. Und durch Kurzarbeit und andere Konjunkturstützen konnte in Deutschland vieles abgefangen werden. Außerdem haben wir intern in den Vorjahren massiv die Kosten gesenkt.

SPIEGEL: Sie rechnen damit, dass der große Einbruch 2010 kommt?

Obermann: Nein, aber für 2010 sind wir mit dem Ausblick derzeit vorsichtig. Wir hatten ja 2009 in einigen Ländern wie Polen und Großbritannien durchaus Probleme. Andererseits sind wir in Deutschland trotz Konjunkturabschwung sogar teilweise gewachsen und haben Marktanteile im Festnetz zurückerobert.

SPIEGEL: Unterm Strich verlieren Sie aber immer noch mehr Kunden, als Sie neue gewinnen?

Obermann: Bei Breitband und Mobilfunk eben nicht. Wir haben Rückgänge bei den klassischen Telefonanschlüssen. Dieser Verlust ist übrigens längst nicht mehr so groß wie früher. Und es gibt Rückkehrer: Es sind schon fast eine Million.

SPIEGEL: Welche persönlichen Lehren haben Sie aus der Weltfinanzkrise gezogen?

Obermann: Ich habe gemerkt, wie wichtig es in einer solchen Situation ist, den Menschen im Unternehmen, so gut es geht, Sicherheit zu bieten und Ängste zu nehmen. Generell gilt: Wir dürfen uns als Wirtschaftsführer nicht von den Menschen an der Basis entkoppeln.

SPIEGEL: Was meinen Sie mit entkoppeln?

Obermann: Ich glaube, wir müssen unsere soziale Verantwortung deutlicher zum Ausdruck bringen. Die im Übrigen von vielen Managern gelebt wird. Wir müssen die Schere zwischen den Gehältern im Blick behalten und mehr auf langfristige Vergütung setzen.

SPIEGEL: Sie plädieren für eine Begrenzung der Managergehälter?

Obermann: Ich plädiere für eine Begrenzung kurzfristiger Anreizsysteme.

SPIEGEL: Sie meinen die umstrittenen Boni?

Obermann: Ja, aber ganz konkrete. Auch wenn diese Forderung oft als populistisches Argument missbraucht wird, sollten wir uns dennoch klarmachen, dass im Finanzbereich die sogenannten Talente, die zig Millionen als kurzfristige Boni bekommen, nur zu häufig keinen volkswirtschaftlichen Mehrwert bieten, im Gegenteil.

SPIEGEL: Vielen Ihrer Kollegen scheint das nicht klar zu sein. Man hat eher den Eindruck, das globale Spielcasino sei wieder eröffnet.

Obermann: Das gilt nicht für die Wirtschaft allgemein. Skeptisch bin ich allerdings, was die Reformfähigkeit des Finanzgewerbes aus eigener Kraft angeht. Da mache ich mir wie viele meiner Kollegen Sorgen.

SPIEGEL: Was müsste geschehen?

Obermann: Das Thema kann nur international koordiniert gelöst werden. Aber als Grundsatz müsste jedem Manager klar sein, dass Verlustrisiken nicht sozialisierbar sind. Zum Erfolg gehört auch die Perspektive des Misserfolgs. Denn wenn wir noch mal eine so schwere Finanzkrise zulassen, dann kommt es wirklich zu einer Krise des ganzen kapitalistischen Systems.

SPIEGEL: In der Telekom-Bespitzelungsaffäre hat Ex-Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel Sie vor wenigen Tagen hart angegriffen und Ihnen vorgeworfen, Sie würden ihn als Sündenbock aufbauen.

Obermann: Wir haben im Mai 2008 Anzeige gegen unbekannt und nicht gegen Personen gestellt. Wir wollen eine objektive Aufarbeitung.

SPIEGEL: Und wie fällt Ihr Fazit nach mehr als eineinhalb Jahren Untersuchung aus?

Obermann: Dazu kann ich immer noch nichts sagen. Wir warten auf die Ergebnisse des staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahrens. INTERVIEW: FRANK DOHMEN,

KLAUS-PETER KERBUSK

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 88
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren