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DEUTSCHLAND Konjunktur 1977: »Auf ohne Schwung«

Wirtschaftsforscher und Manager sind sich nicht einig, was Westdeutschlands Wirtschaft 1977 bevorsteht. Während die Wissenschaftler auf stolze Wachstumsraten tippen, bleiben die Praktiker skeptisch. In einem sind sich die Fachleute einig: Falls der Aufschwung nicht voll durchschlägt, wird es ernst für das Kabinett Schmidt.
aus DER SPIEGEL 1/1977

Im »Mosaiksaal« des Berliner Bierpalastes »Prälat Schöneberg« peilte eine Hundertschaft von Wirtschaftsforschern die Schicksalszahl der sozialliberalen Koalition an, und die Chef-Volkswirte fast aller großen Konzerne, Banken und Verbände rechteten miteinander, in welchem Tempo Westdeutschlands Wirtschaft im nächsten Jahr wachsen wird, ob die Spuren der Rezession von einem neuen. wenn auch Genau darauf nämlich ist Kanzler Schmidts Koalition angewiesen. Nur mit Hilfe eines ansehnlichen und ausdauernden Wachstums können seine regierenden Sozialdemokraten darauf hoffen, die zerrütteten Finanzen der Sozialversicherung zu sanieren, nur die Gangart der frühen Jahre gibt ihnen die Chance, das Millionenheer der Arbeitslosen wieder aufzulösen.

Selbst wenige Tage vor der Jahreswende allerdings mochte nur eine Minderheit des in Schöneberg versammelten Sachverstandes der Regierung den ökonomischen Segen einer anbrechenden Prosperität verheißen. Denn schon bald stellte sich heraus, daß die Runde uneins war: Die Experten aus den Forschungsinstituten setzen auf üppiges Wachstum und ansehnlichen Wohlstand; die Konjunkturspezialisten aus der Wirtschaft dagegen bleiben in ihrem Optimismus deutlich vorsichtiger.

Rolf Krengel etwa, Branchenspezialist des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. hatte der deutschen Industrie ein reales Produktionswachstum im neuen Jahr von sieben Prozent vorausgesagt. Diese stolze Rate jedoch erschien den mit den neuesten Auftragsdaten angereisten Praktikern der Wirtschaft allzu hoch gegriffen. Erst nach stundenlangem Fachpalaver einigten sich Professoren und Profis auf bescheidene 5,5 Prozent -immerhin zwei Prozent mehr, als die Experten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD unlängst geschätzt hatten.

Ausgerechnet bei der Investitionsgüterindustrie. deren Ordereingänge bislang stets den künftigen Konjunkturtrend frühzeitig angezeigt hatten, mußte das Krengel-Kränzchen die größten Abstriche vornehmen. Hatten die DIW-Experten sich auf neun Prozent Wachstum festgelegt, so zog die Mehrheit der Manager nur bis gut zur Hälfte mit.

Am Ende einigte sich die Runde auf sechs Prozent. Säuerlich vermerkte Krengel in seinem vertraulichen »Prälat«-Protokoll: »Die revidierten Schätzungen der Industrieproduktion decken sich jetzt nicht mehr mit den Ausgangsdaten des DIW im jüngsten Gemeinschaftsgutachten.«

Die fünf Konjunkturforschungs-Institute hatten noch Ende Oktober in ihrer Prognose 1977 unter der Rubrik »Ausrüstungen« eine Zuwachsrate von glatt acht Prozent ausgewiesen. Und das soll noch immer gelten. »Ich bin weiterhin optimistisch«, bekräftigt Professor Hans-Jürgen Schmahl vom Hamburger Weltwirtschafts-Archiv.

Mit seiner Zuversicht befindet sich Schmahl in prominenter Gesellschaft. Am gleichen Tag, als Kanzler Helmut Schmidt in seiner Regierungserklärung kurz vor Weihnachten den Aufschwung ausrief. diagnostizierte Bundesbankchef Karl Klasen einen »verhaltenen Fortgang der Belebung«. Und auch Konjunktur-Professor Olaf Sievert, Vorsitzender des Bonner Sachverständigen-Rates, sieht den »moderaten Aufschwung im Tempo der vergangenen zwölf Monate weitergehen«. Im krassen Gegensatz zur aufgeheiterten Konjunktur-Idylle von Politikern und Professoren malen namhafte Bosse und Banker nach wie vor grau in grau. So plagt sich Hanns Martin Schleyer, Doppel-Präsident von Industrie- und Arbeitgeber-Verbänden, noch immer mit »mehr Ungewißheit als sicheren Erwartungen«.

Stahlindustrieller Otto Wolff von Amerongen bekennt sich gar als »ganz tiefer Pessimist«. Und Ludwig Poullain, Chef der Westdeutschen Landesbank. sieht sich angesichts der gewerkschaftlichen Lohnforderungen um Jahre zurückgeworfen: »Ich will den Teufel nicht an die Wand malen, aber ich fühle mich bereits an die unselige Lohnrunde 1974 erinnert, die uns die Rezession beschert hat.«

Vor gut zwei Jahren hatte die deutsche Wirtschaft den tiefsten Einbruch seit der Währungsreform erlebt, hatten sich die Eckdaten des magischen Dreiecks der Konjunkturpolitik so weit wie nie zuvor von den Bonner Zielvorgaben entfernt.

* Die Inflationsrate stieg 1974 auf 7 Prozent.

* die Zahl der Arbeitslosen nahm rasch zu und überschritt Anfang 1975 die Millionengrenze,

* das Brutto-Sozialprodukt fiel im gleichen Jahr um 3,2 Prozent zurück.

Nervös riegelten die Bonner Konjunkturlenker die Republik gegen nachströmende Gastarbeiter ah und lobten ihren müden Unternehmern Investitionsprämien aus. Zwar zogen daraufhin vor allem kleinere Firmen ohnehin geplante Maschinenkäufe vor. Doch bei der Großindustrie schlugen die Bonner Konjunkturspritzen kaum an. Wilfried Guth. Vorstandssprecher der Deutschen Bank: »Die großen Schiffe fahren einen lange vorhergeplanten Kurs.«

Entsprechend träge mauserte sich die Flaute zu einem »Auf ohne Schwung« (Krupp-Vorstand Klaus Dyckerhoff). Für die Unlust der Unternehmer, wieder in großem Stil zu investieren und neue Arbeitsplätze einzurichten. hatten ihre Sprecher einen ganzen Strauß von Entschuldigungen anzubieten.

»ln manchen Branchen«. weiß Siemens-Chef Bernhard Plettner, »ist die Kapazitätsauslastung so schlecht, daß bei höherer Nachfrage die Produktion auch ohne neue Investitionen ausgeweitet werden kann.« Für Mannesmann-80ß Egon Overbeck hapert es, trotz der 1976 um knapp 15 Prozent gestiegenen Unternehmer-Profite, nach wie vor an den Gewinnen: »Sie sind noch immer nicht gut genug.«

Manfred Lennings, Chef des Oberhausener Maschinen- und Anlagen-Konzerns Gutehoffnungshütte, sieht den Aufschwung ("Wenn es ihn überhaupt gibt") erst richtig in Fahrt kommen, wenn die »Unternehmer die Zuversicht haben, daß die Gewinne wieder auf den hohen Stand von 1970 kommen«,

Die Lethargie der Investoren schlug sich vor allem in den Orderbüchern der Maschinen- und Anlagenbauer nieder. Sie mußten hinnehmen, daß ihre Inlandsaufträge mitten in der von Bonn ausgerufenen Konjunkturerholung um 15 Prozent (Januar bis Oktober 1976) abnahmen. Nur die um 23 Prozent gestiegenen Auslandsaufträge sicherten der Branche ein bescheidenes Wachstum ihrer Bestellungen von fünf Prozent. Kurt Werner, Präsident des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA): »Wir besorgen uns zur Zeit die Krücken aus dem Ausland. um weiterhumpeln zu können.«

Entlastung vom Heimatmarkt ist kaum in Sicht. Sieht Krupps Dyckerhoff bei Maschinen 1977 wenigstens noch einen »gewissen Zuwachs, der aufgrund von Preiserhöhungen aber eher nominal als real ist«, so fällt die Prognose des Ruhr-Managers für das Anlagengeschäft überaus skeptisch aus: »Das selbe Ergebnis wie 1976 wäre schon das Beste, was uns blühen könnte.« Branchensprecher Werner assistiert: »Es gibt auch bei uns Leute, die mit ihren Prognosen von der Astrologie nicht weit entfernt sind.«

Auch bei der Elektroindustrie, die mit ihrer Produktion zu 60 Prozent von Investitions-Aufträgen lebt, mag keine rechte Konjunkturstimmung aufkommen. In ihrem »Konjunkturspiegel« vermeldeten die Verbandsführer der Branche nach einer Rückfrage bei den Mitgliedsfirmen eine deutliche Verschlechterung des Geschäftsklimas. Im September waren 15 000 Elektroarbeiter zu Kurzarbeit gezwungen. Zwei Monate später waren es bereits doppelt so viele.

Mit »zeitweiliger Kurzarbeit« rechnet Siemens-Chef Plettner sogar für seine mit Aufträgen reichlich bestückte Kraftwerk-Tochter KWU. Wenn die Behörden »keine Genehmigungen zum Baubeginn« vor allem für Kernkraftwerke erteilen, sei der normale Betrieb nicht länger durchzuhalten.

Selbst die traditionelle Wachstumsbranche Chemie, die in früheren Konjunkturzyklen Schrittmacher für den Boom war, kommt nicht so recht in Fahrt. »Seit dem Sommer 1976 schwächt sich der Aufschwung ab«, registriert Bayers Chefvolkswirt Helmut Albert. Auch Konzernchef Herbert Grünewald vermag an »dem zur Zeit vorliegenden Auftragsbestand« keinesfalls ein »normales Geschäft« abzulesen.

Am brüchigsten unter dem runden Dutzend von Chemiesparten ist zur Zeit die Faserindustrie, deren Absatz »in der zweiten Jahreshälfte durch die schwierige Lage der Textilindustrie und durch Importdruck stark zurückgegangen ist«, so Chemieverbands-Präsident und Hoechst-Chef Rolf Sammet. In seinen beiden Trevira-Werken Bad Hersfeld und Berlin läßt Sammet derzeit jeden dritten Faserspinner kurzarbeiten.

Die Faserflaute spiegelt den Dauerzustand der Schrumpfbranche Textil und Bekleidung wider. So meldete der westfälische van-Delden-Konzern bereits vor Weihnachten vorsorglich für 500 Spinner und Weber Kurzarbeit an.

Als einzige der Schlüsselbranchen meldete die Autoindustrie bereits im alten Jahr Rekordzahlen im Stil der Wirtschaftswunderjahre. Bereits im ersten Halbjahr 1975 frühstartete die Branche aus dem Konjunkturtal. Hatte VW-Chef Toni Schmücker die Lage seines Konzern bei seinem Amtsantritt Anfang 1975 noch als »katastrophal« bezeichnet, so verkündete er 1976 vier Tage vor Heiligabend seinen Aktionären die frohe Botschaft: Die aufgelaufenen 700 Millionen Mark Verlust könne VW aus dem Jahresgewinn abdecken.

Nur mit weiteren Sonderschichten können die Wolfsburger die aufgelaufenen Bestellungen neuer Golfs und Passats, Audis und Sciroccos schaffen. »Jeder von uns fragt sich«. grübelt VW-Verkaufschef Werner P. Schmidt. »wie lange es noch so weitergeht.«

Opels Verkaufsleiter Georg Hehner ist ungebrochen. Er erwartet ein »gutes Jahr«. Und auch Daimler-Chef Joachim Zahn will »zur Verbesserung der Lieferfähigkeit alle Möglichkeiten der Produktions-Ausweitung einsetzen«.

Zahns Aufsichtsrats-Vorsitzender Wilfried Guth von der Deutschen Bank dagegen. von Berufs wegen zu vornehmer Zurückhaltung angehalten, warnt vorsorglich: »Auch in der Autoindustrie wachsen die Bäume nicht in den Himmel.« Tempoverluste hei den Autokonzernen träfen vor allem die Stahlindustrie. Denn allein die ungebrochene Feinblechnachfrage ihrer Großkunden hatte die Montan-Manager wenigstens vor dem ärgsten Konjunktur-Kollaps bewahrt. Nach einem Zwischenhoch im Frühling knickte ihre Kurve nach der saisonalen Sommerflaute jählings. Mußten im letzten Juli 8700 Beschäftigte kurzarbeiten, so schnellte die Zahl der Teil-Zeitler inzwischen wieder auf fast 60 000.

Da wichtige Großabnehmer wie Maschinenbau, Werften und Bauindustrie auch 1977 auf dem Konjunkturgrund krebsen, sind für die Stahlverkäufer bessere Zeiten nicht in Sicht. Otto Wolff: »Ich jedenfalls sehe das Kreuz des Südens noch nicht.« Den drei Großkunden stehen in der Tat harte Zeiten bevor. Norbert Henke, Vorstandsvorsitzender der Howaldtswerke/Deutsche Werft (HDW), zum Beispiel befürchtet, »daß es im Herbst zu vereinzelten Einbrüchen kommen« wird.

Am Bau gehört das Schrumpfen ohnehin längst zum Krisenalltag. In den letzten drei Jahren strich die Branche über 400 000 Namen aus ihren Lohnlisten. Der Rekord von 1200 Konkursen 1975 wurde im letzten Jahr fast wieder erreicht. Die verbliebenen Firmen sind teils nur noch zu 60 Prozent ausgelastet. »Die Lage bei uns«, jammert Günter Buchenroth, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrie-Verbandes, »ist schlicht beschissen.«

Für den schlimmsten Fall, daß nämlich -- wie Bau und Stahl -- auch die übrigen Branchen wieder einbrechen, hat sieh Bonn mit einem Ankurbelungsprogramm gewappnet. Im Frühjahr wollen die Konjunkturlenker prüfen, ob sie dem schwächlichen Aufschwung mit einer Dreimilliarden-Spritze nachhelfen müssen. Den Notfall halten die Bonner Globalsteurer für gekommen, wenn sich abzeichnet, daß

* ohne staatliches Nachfeuern das Bruttosozialprodukt 1977 nicht um die angepeilten 4,5 bis fünf Prozent wachsen wird oder

* die Arbeitslosen-Zahlen sich an der Millionengrenze festschreiben.

Selbst die auf Exportsog setzenden Propheten irritiert inzwischen, daß, so Siemens-Chef Plettner, »in den letzten Monaten auch die internationale Konjunktur an Kraft verloren« hat. Groß-Exporteur Plettner mag nicht länger ausschließen, daß wegen des Krisenkurses in den wichtigsten Abnehmerländern Westdeutschlands Frankreich, Italien und England -- sowie wegen der jüngsten Ölpreiserhöhung »der Rückenwind aus dem Export nachlassen wird«.

Sollte der Export-Motor tatsächlich ausfallen, so bleibt den sozialliberalen Ökonomen nur noch die Hoffnung auf eine einmalige Wunderdroge: 25 Milliarden Mark, die vor sieben Jahren im Rahmen der staatlich geförderten Vermögensbildung festgelegt wurden. Doch was dieser Batzen anrichten wird, ist unter Wissenschaftlern überaus kontrovers. Professor Olaf Sievert vom Sachverständigenrat vermutet, daß »ein großer Teil davon« in den Konsum gehen und so die Wirtschaft stimulieren werde. Deutschbankier Guth dagegen meint: »Wir wissen aus Erfahrung, daß mit Konsumstößen die Wirtschaft nicht dauerhaft in Gang zu bringen ist und damit keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden.«

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