Konjunktur-Abschwung Industrieproduktion in Europa bricht drastisch ein

Mit einem so herben Einbruch hatten Experten nicht gerechnet: Die Geschäfte im Industriesektor der Euro-Zone laufen so schlecht wie seit elf Jahren nicht. In Deutschland drosselten die Firmen ihre Produktion besonders stark - viele befürchten nun gravierende Konsequenzen am Arbeitsmarkt.


Berlin - Die Industrie in der Euro-Zone hat im Oktober stark unter dem Konjunktureinbruch gelitten. Die Geschäfte laufen so schlecht wie seit mindestens elf Jahren nicht, die Aufträge brachen kräftig ein. Das geht aus dem am Montag veröffentlichten Markit-Einkaufsmanager-Index hervor. Die Studie findet unter Ökonomen viel Beachtung.

Stahlfertigung in Salzgitter: Konjunkturrückgang im Rekordtempo
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Stahlfertigung in Salzgitter: Konjunkturrückgang im Rekordtempo

In Deutschland drosselten die Firmen ihre Produktion so stark wie nie zuvor in der zwölfeinhalbjährigen Geschichte der Umfrage. Eine Erholung ist laut Experten nicht absehbar. Das Barometer für die Euro-Zone fiel um knapp vier auf 41,1 Punkte und markierte damit den tiefsten Stand seit Umfragebeginn im Juni 1997.

Der Markit/BME-Einkaufsmanagerindex für Deutschland lag mit 42,9 Zählern ebenfalls in einem beunruhigenden Bereich. Alles unter der Schwelle von 50 Zählern, ab der ein Wachstum angezeigt wird, gilt als negativ. "Die Industrieunternehmen bewerten die aktuelle Lage als grottenschlecht", sagte Postbank-Experte Heinrich Bayer. "Bei diesen Umfragewerten ist an eine konjunkturelle Erholung vorläufig nicht zu denken."

Droht Deutschland der Jobkahlschlag?

Experten befürchten nun einen deutlichen Rückgang der Industrieproduktion. Auf das Jahr hochgerechnet sei ein Minus von bis zu sechs Prozent denkbar, sagte der Chefvolkswirt der britischen Marktforscher von Markit, Chris Williamson. Ein solche Talfahrt habe es seit 1993 nicht mehr gegeben.

Konkret bedeutet das: Da die Fertigwarenlager wegen schwacher Umsätze in Rekordtempo steigen, dürfte es in den kommenden Monaten wahrscheinlich zu weiteren Rückgängen bei Produktion und Beschäftigung kommen.

Dieser Trend zeichnet sich bereits jetzt ab. Schon im Oktober baute die Industrie unterm Strich so kräftig Personal ab wie seit Anfang 2002 nicht mehr. Auch in Deutschland reduzierten Betriebe ihre Belegschaft erstmals seit gut drei Jahren. Entlassen wurden zunächst vor allem Zeitarbeiter.

Zu schaffen machte den Unternehmen der Nachfrageeinbruch. Industriekunden verhielten sich bei der Auftragsvergabe an deutsche Firmen zunehmend vorsichtig, da ihre Liquidität bereits unter der rigideren Kreditvergabe der Banken leide, schreiben die Forscher. Betroffen waren vor allem die Investitionsgüterhersteller. Hier seien bereits Bestellungen storniert worden. Leichte Entlastung spürten die Firmen dank des billigeren Öls immerhin auf der Kostenseite.

Angesicht des rapiden Konjunkturrückgangs will das Bundeskabinett am Mittwoch ein Programm zur Wirtschaftsförderung absegnen. Zuvor lädt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Spitzen von Wirtschaft und Gewerkschaften zum Krisengipfel ins Kanzleramt. Das Konjunkturprogramm umfasst insgesamt 16 Punkte (siehe Info-Box). Laut Wirtschaftsminister Glos soll das Paket bis zu einer Million Arbeitsplätze schaffen.

Experten halten das für ein Luftschloss. Die angedachten Maßnahmen seien für nicht ausreichend, um einer tiefen Rezession entgegenzuwirken, sagen Kritiker. Auch der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts IW, Michael Hüther, gibt sich skeptisch: "Ich weiß nicht, wie Glos das gerechnet haben will", sagte er.

Rezession in der gesamten Euro-Zone

Die Euro-Zone steht insgesamt vor einer Rezession. In allen großen Ländern dürfte die Wirtschaft im Sommer kaum gewachsen oder sogar geschrumpft sein. Die Herbstprognose der EU fällt ernüchternd aus: Demnach dürfte sich die Abkühlung 2009 noch deutlich verstärken. Um ganze 1,5 Prozent revidierte die EU ihre Prognose nach unten. Sie erwartet jetzt nur noch ein Wachstum von 0,1 Prozent, nachdem sie im Frühjahr noch 1,6 Prozent prognostiziert hatte.

Im Jahr 2010 erwartet die Kommission dann ein Wachstum von 0,9 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Eurozone noch um 2,7 Prozent gewachsen.

Für die deutsche Wirtschaft erwartet Brüssel im kommenden Jahr eine Stagnation. In ihrem Frühjahrs-Gutachten war die Kommission noch von einem Wachstum von 1,5 Prozent ausgegangen. Für das laufende Jahr erwartet sie ein Wachstum von 1,7 Prozent. Im Jahr 2010 sollte die deutsche Wirtschaft dann wieder um 1,0 Prozent wachsen. Hauptgrund sei ein erwarteter Einbruch bei den Exporten als Rückgrat der deutschen Wirtschaft, heißt es in dem am Montag veröffentlichten Herbst-Wirtschaftsbericht der Brüsseler Behörde.

ssu/dpa/Reuters



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