Konjunktur Der Indikator-Alarm

Deutliche Einbußen bei den Neuaufträgen haben den Abwärtstrend in der deutschen Industrie im Mai erneut beschleunigt. Damit erweisen die die Hoffnungen auf einen baldigen Wirtschaftsaufschwung einmal mehr als Illusion.


Einkaufmanager-Index überraschend stark gesunken: Export von Porsche-Fahrzeugen
DDP

Einkaufmanager-Index überraschend stark gesunken: Export von Porsche-Fahrzeugen



Berlin - Der Reuters-Einkaufsmanagerindex (EMI) sank auf 44,7 und signalisiert mit einem Wert von unter 50 Zählern den zehnten Monat in Folge einen Rückgang der Geschäftstätigkeit, wie die Forschungsgruppe NTC am Montag mitteilte. Bei der Umfrage zum EMI in Deutschland hatten die rund 400 befragten Unternehmen die stärksten Einbußen beim Neugeschäft seit Oktober 2001 gemeldet.

Neben der Konjunkturflaute nannten die befragten Einkaufsleiter auch die Wirtschaftspolitik und den starken Euro als Belastungsfaktor. "Nach Meinung der Befragten verschärfte die derzeitige Wirtschaftspolitik in Deutschland die ohnehin schon schwierige Geschäftslage in der Industrie, der bereits die weltweite Konjunkturschwäche zu schaffen macht", teilte NTC mit. Der starke Euro sowie die Folgen des Irak-Krieges und der Lungenkrankheit Sars hätten die Bestellungen aus dem Ausland zusätzlich reduziert.

Als Folge der schwachen Nachfrage drosselten die Unternehmen ihre Produktion und schraubten ihre Einkäufe deutlich zurück. Auch der Abbau der Beschäftigung beschleunigte sich weiter. Gesunkene Ölpreise und der starke Euro halfen auf der anderen Seite aber auch, die Kostenbilanz der Unternehmen zu verbessern: Erstmals seit 14 Monaten gingen die Ausgaben für Materialeinkäufe spürbar zurück.

Von Reuters befragte Analysten zeigten sich von den Zahlen überrascht. "Wir hatten mit einem Anstieg nach dem Vorbild des Ifo-Index gerechnet", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. "Deutschland steckt in diesem Quartal in einer Rezession", bekräftigt Carsten Demski von der Bankgesellschaft Berlin. "Der erwartete Aufschwung wird wohl weiter in die zweite Jahreshälfte verschoben."

Der Geschäftsklimaindex des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) war im Mai dank zuversichtlicherer Zukunftseinschätzungen der Firmen unerwartet stark gestiegen und hatte damit Aufschwungshoffnungen geweckt.

Die Preisdaten der EMI-Umfrage gaben auch den Befürchtungen um einen verstärkten Preisverfall in Deutschland neue Nahrung. "Wir denken, Deutschland läuft auf eine Deflation zu", sagte Gwyn Hacche von HSBC in London. Zuletzt hatten eine Reihe von Volkswirten - so auch der Wirtschaftsweise Bert Rürup - vor einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, zurückgehender Nachfrage und schrumpfender Wirtschaftsleistung gewarnt.

Auch in der gesamten Euro-Zone verschärfte sich NTC zufolge in der Industrie der Rückgang bei Produktion, Aufträgen und Beschäftigung. Der Einkaufsmanagerindex signalisiere mit einem Wert von 46,8 nach 47,8 Zählern im April - ähnlich wie in Deutschland - den stärksten Rückgang der Geschäftstätigkeit seit Januar 2002. Wie in Jahr zuvor gab waren die regionalen Unterschiede dabei enorm. Während in Frankreich und Irland die Produktion zurück ging, stagnierte sie in Italien und den Niederlanden. Spanien, Österreich und Griechenland dagegen verzeichneten ein Wachstum ihrer Industrien.

Da sich auch in der Euro-Zone das Geschäft abschwächte, wächst Analysten zufolge der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen bei ihrem Ratstreffen am Donnerstag zu senken. "Wir rechnen mit 25 Basispunkten, halten aber 50 für angebracht", sagte Carsten Demski von der Bankgesellschaft Berlin. In der jüngsten Reuters-Umfrage gingen 35 der befragten 57 Analysten davon aus, dass die Zentralbank den Schlüsselzins von 2,5 Prozent auf zwei Prozent senken wird, 18 erwarten einen Schritt um 25 Basispunkte.



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