Konjunktur Nach dem Umsatzrausch folgt der Kater

Die letzten Tage vor der Erhöhung der Mehrwertsteuer haben die Verbraucher genutzt, um so viel einzukaufen wie nie. Jetzt kühlt sich das Konsumklima ab. Die Händler werden sich auf spürbare Kaufzurückhaltung einstellen müssen, jedenfalls für eine Weile.


Nürnberg - Die Konsumdelle wird kommen, sagt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) voraus. Der entsprechende Indikator für den Januar sei auf 8,7 Punkte zurückgegangen, teilte das Marktforschungsinstitut heute in Nürnberg mit. Im Dezember hatte der Wert noch 9,2 Prozent betragen.

Einkaufszentrum am Potsdamer Platz in Berlin: Konsumklima nicht so schlecht wie befürchtet
AP

Einkaufszentrum am Potsdamer Platz in Berlin: Konsumklima nicht so schlecht wie befürchtet

Grund für die Abkühlung des Konsumklimas seien die tendenziell rückläufige Anschaffungsneigung sowie ein Rückgang der Einkommenserwartungen. Diese stehe "im Würgegriff der Mehrwertsteuer". In dieser sehen die Verbraucher offenbar eine drastische Belastung ihrer Kaufkraft. Die Einkommenserwartungen sanken um 10,2 Punkte auf minus 16,6 Punkte. Der Indikator bleibt damit deutlich unter seinem langjährigen Durchschnitt von null Punkten. Der aufgekommene Konjunkturoptimismus habe seine stimulierende Wirkung noch nicht auf die Einkommenserwartungen entfaltet.

Als pessimistischer Ausblick sind die Zahlen dennoch nicht zu werten. Im Gegenteil: Alles spreche dafür, dass es sich nur um eine kurze Konsumdelle zu Beginn des kommenden Jahres handle, sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. "Der Einbruch wird nicht so ausgeprägt ausfallen wie bisher befürchtet." Bürkl begründete seinen Optimismus mit der robusten Konjunkturentwicklung und der Belebung am Arbeitsmarkt.

Anstieg der Beschäftigung erwartet

"Die drastischen Belastungen fallen in eine wirtschaftliche Aufschwungphase und scheinen damit gesamtwirtschaftlich eher verkraftbar", betonte Bürkl. Trotz der Wachstumsabschwächung in den USA sei das weltwirtschaftliche Umfeld weiterhin günstig. Insbesondere Asien verzeichne nach wie vor hohe Wachstumsraten.

Bürkls Einschätzung teilt auch der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz. Die Konjunktur sei robust, es werde beim Wachstum lediglich eine Delle im ersten Halbjahr geben, sagte Franz im ARD-"Morgenmagazin". Nach einer Zunahme des Bruttoinlandsproduktes von rund 2,4 Prozent in 2006 werde die Wirtschaft im kommenden Jahr rund 1,8 Prozent zulegen.

Franz erwartet, dass die Zahl der Beschäftigten im kommenden Jahr um nochmals 250.000 bis 300.000 steigen wird. "Das schafft Einkommen, das schafft Konsum", sagte Franz. Dies überlagere den negativen Effekt, der von der Mehrwertsteuererhöhung ausgeht. Der private Konsum werde wegen der Steuererhöhung aber nur 0,3 Prozent im nächsten Jahr zunehmen.

Der GfK-Indikator für die Konjunkturerwartungen kletterte im Berichtszeitraum um 25,4 Punkte auf 35,7 Punkte. Das ist der höchste Stand seit fast sechs Jahren. "Die deutschen Unternehmen ernten jetzt auch die Früchte für die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre", sagte Bürkl. Die Wirtschaft habe ihre Wettbewerbsfähigkeit gesteigert. Dies führe mittels höherer Investitionen auch zu einer steigenden Beschäftigung. Der Abbau der Arbeitslosigkeit stärke die Kaufkraft und vermindere die Konsum hemmende Angst.

Anschaffungsneigung auf hohem Niveau

Darüber hinaus sei auch der Spielraum bei den Tarifverhandlungen etwas größer geworden. "Die für das kommende Jahr zu erwartenden Lohnerhöhungen könnten die zusätzlichen Belastungen durch höhere Steuern zum Teil aber etwas kompensieren".

Der verbreitete Optimismus stecke offenbar auch die Bürger an. So bleibe die Anschaffungsneigung auf sehr hohem Niveau. Der Indikator verlor vier auf 59,9 Punkte. Der Index bleibt damit weiter in der Nähe des Rekordstandes von 64 Punkten. Die Verbraucher setzten in den letzten Wochen des Jahres offenbar zum Endspurt an.

"Massive Preiserhöhungen" erwartet Bürkl zu Beginn des kommenden Jahres im Zuge der Mehrwertsteuererhöhung unterdessen nicht. So seien die Preise vor der Steuererhöhung zum Teil bereits angehoben worden. Darüber hinaus sei der Spielraum für kräftige Preiserhöhungen angesichts des starken Wettbewerbsdrucks im Handel gering.

Entscheidend bleibe, dass sich bei den Verbrauchern nicht wie bei der Euro-Bargeldeinführung der Eindruck festsetzt, alles sei teurer geworden. Dies hatte 2002 eine massive Kaufzurückhaltung zur Folge.

mik/dpa-AFX/ddp



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