Konjunkturprognose IWF sieht ein Drittel der Weltwirtschaft bis 2023 in eine Rezession rutschen

Die globale Konjunktur wird sich laut IWF 2023 weiter abkühlen. Große Teile der Welt dürften demnach im nächsten Jahr in einer schweren Krise stecken, heißt es in der aktuellen Prognose. Und: »Das Schlimmste kommt noch«.
Hafen von Liverpool: »Für viele Menschen wird sich 2023 wie eine Rezession anfühlen«

Hafen von Liverpool: »Für viele Menschen wird sich 2023 wie eine Rezession anfühlen«

Foto: Peter Byrne / PA Wire / dpa

Unter Inflation, Krieg und den Coronafolgen leidet die Weltwirtschaft weiter. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in dieser Lage nun seine globale Wachstumsvorhersage für das kommende Jahr gesenkt – auf 2,7 Prozent.

Damit ist das prognostizierte Wachstum um 0,2 Prozentpunkte geringer als noch im Sommer angenommen, wie aus der jüngsten IWF-Prognose  hervorgeht. Im Euroraum soll das Bruttoinlandsprodukt (BIP) demnach im kommenden Jahr nur noch um 0,5 Prozent wachsen – eine deutliche Herabstufung im Vergleich zur vorigen Prognose.

Trübe Aussichten für Deutschland

Damit erwartet der IWF eine deutlich schlechtere Entwicklung als noch im Juli, wobei der Fonds schon damals seine Prognose gesenkt hatte. Im Sommer rechnete der IWF noch mit einem Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr um 3,2 Prozent und im kommendem Jahr um 2,9 Prozent.

Schlecht sieht es insbesondere auch für die deutsche Volkswirtschaft aus. Die dürfte laut IWF im laufenden Jahr zwar noch um 1,5 Prozent wachsen, 2023 dann aber um 0,3 Prozent schrumpfen. Der IWF korrigierte damit seine Prognose im Vergleich zu der vom April für das kommende Jahr um ganze drei Prozentpunkte nach unten.

Der IWF betont, dass die Prognosen außerordentlich unsicher seien. Die zukünftige Entwicklung der Weltwirtschaft hänge entscheidend von der Geldpolitik, dem Verlauf des Krieges in der Ukraine und möglichen weiteren pandemiebedingten Störungen – zum Beispiel in China – ab.

Bereits in der vergangenen Woche hatte IWF-Chefin Kristalina Georgieva in einer Rede an der Georgetown-Universität  in Washington über die düsteren Aussichten gesprochen. Selbst in Ländern, in denen die Wirtschaft noch wachse, werde es sich wie eine Rezession anfühlen, so Georgieva – weil die Realeinkommen aufgrund der hohen Inflation schrumpfen würden.

Mehr als ein Drittel der Weltwirtschaft werde 2023 schrumpfen, warnte der IWF. In den drei größten Volkswirtschaften – den USA, der Europäischen Union und China – werde das Wachstum stagnieren. Zugleich mahnte der IWF die Regierenden: »Während sich Gewitterwolken zusammenbrauen, müssen die politischen Entscheidungsträger eine ruhige Hand bewahren«, heißt es in dem Bericht.

Russische Wirtschaft soll weniger stark schrumpfen

Bergab geht es laut der Prognose auch für die russische Wirtschaft – aber deutlich weniger kräftig als noch zuletzt angenommen. Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt Russlands 2022 um 3,4 Prozent zurückgehen und 2023 noch einmal um 2,3 Prozent. Im Vergleich zu den Schätzungen aus dem Juli hob der IWF damit seine Prognose deutlich an – um 2,6 beziehungsweise 1,2 Prozentpunkte.

Hintergrund ist, dass die Ölexporte nicht so schlecht gewesen seien und auch die Nachfrage im Inland sich relativ stabil zeige. Die Auswirkungen der Sanktionen des Westens wirkten sich nur bedingt auf den Finanzsektor in Russland aus. Auch der Arbeitsmarkt sei widerstandsfähig, so der IWF. 2021, also vor dem Angriff auf die Ukraine, war die russische Wirtschaft noch um 4,7 Prozent gewachsen.

Inflation könnte sich abschwächen

Weltwirtschaftlich erwartet der Währungsfonds bei der Inflation indes eine Abkühlung. In diesem Jahr rechnet der IWF in den Industriestaaten mit einer Teuerungsrate von 7,2 Prozent – also 0,6 Prozentpunkte mehr als noch im Sommer angenommen. Für das kommende Jahr prognostiziert der IWF dann eine Inflationsrate von im Schnitt »nur« 4,4 Prozent. Das ist aber ebenfalls immer noch deutlich höher als bisher vorhergesagt – und von vielen Zentralbanken angestrebt.

In Schwellen- und Entwicklungsländern soll die Inflationsrate in diesem Jahr im Durchschnitt 9,9 Prozent betragen, ein Plus von 0,4 Prozentpunkten. Auch im kommenden Jahr wird dort eine hohe Teuerungsrate von 8,1 Prozent erwartet.

Der IWF warnt, dass mehrere Faktoren eine Abschwächung der Inflation verlangsamen könnten. Sollte es noch weitere Schocks bei den Energie- und Lebensmittelpreisen geben, könnten die Verbraucherpreise längerfristig hoch bleiben. »Die Energiepreise sind und bleiben besonders anfällig mit Blick auf den Verlauf des Krieges in der Ukraine und das mögliche Aufflammen anderer geopolitischer Konflikte«, schreiben die Autorinnen und Autoren. Wichtig sei auch die Rolle der Zentralbanken. Diese müssten sich auf die Eindämmung der Inflation konzentrieren.

Die US-Notenbank Fed hatte sich zuletzt mit mehreren kräftigen Zinserhöhungen gegen die extrem hohe Teuerungsrate gestemmt. Fed-Chef Jerome Powell hatte deutlich gemacht, dass weitere Erhöhungen des Leitzinses zu erwarten sind. Die EZB hatte nach langem Zögern im Juli die Wende hin zu höheren Zinsen eingeleitet.

Eine weitere Straffung der Geldpolitik in den Industriestaaten erhöhe allerdings den Druck auf Kreditkosten in einkommensschwächeren Staaten, so der IWF. Das wäre für die von der Pandemie ohnehin schon schwer getroffenen Länder fatal – und hätte auch weltweite Folgen. »Eine sich ausweitende Schuldenkrise in diesen Volkswirtschaften würde das globale Wachstum stark belasten und könnte eine weltweite Rezession auslösen.«

Folge: Die kräftigen Zinserhöhungen der Notenbanken in vielen Ländern verschärfen laut IWF die Risiken für die globale Finanzstabilität. Die Finanzmärkte seien zuletzt sehr schwankungsanfällig gewesen, hieß es in der Analyse des Währungsfonds. Beispiel Immobilienmärkte: In vielen Ländern gebe es noch Überhitzungstendenzen und damit die Gefahr eines deutlichen Preisverfalls, weil Finanzierungen teurer werden und schwerer zu bekommen sind.

Der Weltwirtschaftsausblick wurde anlässlich der Jahrestagungen von IWF und Weltbank in Washington veröffentlicht. Zu dem Treffen werden Vertreter aus mehr als 180 Staaten erwartet, Deutschland wird von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) vertreten. Unter anderem stehen ein Treffen der G7-Finanzminister sowie Treffen der Finanzminister und Zentralbankchefs der G20-Staaten an.

fdi/apr/Reuters/dpa/AFP
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