Konjunktur-Risiko Euro knackt 1,55-Dollar-Marke - Exportbranche bangt

Der Euro ist nicht zu bremsen: Erstmals hat er die Marke von 1,55 Dollar übersprungen. Die Rekordfahrt der Währung verunsichert inzwischen auch die erfolgsverwöhnten deutschen Exporteure.


Frankfurt am Main - Die 200-Milliarden-Dollar-Spritze durch die US-Notenbank hat der amerikanischen Währung nicht lange geholfen. Schon seit dem Morgen stieg der Euro zum Dollar immer weiter - und notierte am Nachmittag bei 1,5503 Dollar, eine neue Rekordmarke.

Export im Hamburger Hafen: "Gewinne deutscher Firmen im Ausland unter Druck"
DPA

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Händler nannten als Grund für den neuerlichen Sprung robuste Konjunkturdaten. Die Industrieproduktion in der Euro-Zone hatte im Januar überraschend stark angezogen. "Die Daten passen in das Bild, das die Europäische Zentralbank derzeit verkauft - dass die Konjunktur gar nicht so schlecht läuft", sagte Analyst Rainer Sartoris von HSBC Trinkaus.

Der Euro steigt seit Wochen scheinbar unaufhaltsam - und der Trend dürfte sich fortsetzen, denn die Finanzmärkte erwarten eine weitere Zinssenkung in den USA. Die Marke von 1,60 Dollar erscheint in greifbarer Nähe.

Analysten verwiesen auch auf Spekulationen, wonach die Ölexporteure aus dem Nahen Osten ihre Bindung an den Dollar aufgeben könnten. Jordanien kündigte an, die Dollar-Reserven zu reduzieren. Chinas Handelsminister sprach sich dafür aus, die Reserven in verschiedenen Währungen zu halten.

Exporteure: "Gegenwind wird stärker"

Die deutschen Exporteure befürchten vor dem Hintergrund steigender Euro-Kurse einen langsamen, relativen Verfall ihrer Weltgeltung. Der Bundesverband des Groß- und Außenhandels (BGA) sagt zwar voraus, dass der Gesamtwert ausgeführter Güter 2008 erstmals die Marke von einer Billion Euro übersteigen wird. Auch wird der Export trotz des Euro-Hochs wohl weiter wachsen – um prognostizierte fünf Prozent auf 1017,5 Milliarden Euro. Damit würde sich das Wachstum der Ausfuhren aber spürbar verlangsamen – denn 2007 legten die Exporte noch um 8,5 Prozent zu.

Zudem hat der BGA seine eigene Prognose nach unten korrigiert - bislang rechnete er 2008 mit einem Export-Plus von bis zu sechs Prozent. Deutschland fällt damit relativ zu anderen zurück – der Welthandel wird insgesamt der Prognose zufolge um knapp sieben Prozent zulegen. "Der Gegenwind für den Außenhandel wird stärker", sagte BGA-Präsident Anton Börner dazu. "2008 wird ein allenfalls durchschnittliches Jahr." Dabei zeichne sich ein "Kopf-an-Kopf-Rennen" mit China um den Titel des Exportweltmeisters ab.

Der BGA schließt nicht aus, dass der Euro in den kommenden sechs Monaten bis auf 1,60 Dollar steigt. Erst am Jahresende werde sich der Eurokurs wieder unter 1,50 Dollar einpendeln, aber über der Marke von 1,40 Dollar verharren. Der starke Euro macht deutsche Produkte in anderen Währungsräumen teurer, worunter in erster Linie die Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie leide, sagte Börner.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet wegen der Rekordstände beim Euro mit negativen Folgen auf die deutsche Wirtschaft. "Bisher hat die deutsche Exportwirtschaft den hohen Euro wegen des boomenden Welthandels nicht stark zu spüren bekommen. Doch dieser Effekt lässt nun nach", sagte IW-Konjunkturchef Michael Grömling der "Berliner Zeitung".

Der Volkswirt fügte an: "Wertet der Euro weiter auf, wird das die Gewinne deutscher Firmen im Ausland unter Druck bringen und die Exportperformance verschlechtern."

itz/Reuters/dpa-AFX/AP/AFP



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