Konjunktur Stimmung im Keller - doch nicht alle jammern

Die Stimmung in Euroland ist so schlecht wie seit dem 11. September 2001 nicht mehr. Das Vertrauen der US-Verbraucher dümpelt auf Zehn-Jahres-Tief. Doch US-Analysten sehen in dem Vertrauensschwund auch Vorteile.


Brüssel - Der von der Europäischen Kommission erhobene Indikator für die Wirtschaftsstimmung ist im März um 0,6 auf 97,8 Punkte gefallen. Unter den 15 Staaten der Europäischen Union sei besonders in Belgien, Dänemark, Deutschland und Österreich die Stimmung weiter abgekühlt, teilte die Kommission am Montag mit.

Trübsal auch auf dem Bau. Doch US-Analysten sehen bereits die Morgenröte, zumindest an der Börse.
DDP

Trübsal auch auf dem Bau. Doch US-Analysten sehen bereits die Morgenröte, zumindest an der Börse.

Der Gesamtindikator für das wirtschaftliche Klima setzt sich aus verschiedenen Sektoren zusammen. Wichtigster Faktor, der mit 40 Prozent berücksichtigt wird, ist die Stimmung der europäischen Industrie. Zu jeweils 20 Prozent fließen das Verbrauchervertrauen, der Stimmungsindex des Einzelhandels und der Indikator für die Baubranche ein. Besonders die Konsumenten und der Einzelhandel blicken in Euroland derzeit sehr skeptisch in die Zukunft und trüben das Gesamtbild.

OECD: Es kommt noch schlimmer

Dies dürfte jedoch noch nicht der Tiefpunkt sein. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet damit, dass vor allem das Verbrauchervertrauen in Europa und in den USA in den kommenden Monaten weiter nachgeben wird. "Ein geringeres Vertrauen und eine wachsende Zahl von Arbeitslosen führen in den USA zu einem Rückgang der Konsumausgaben", heißt es in dem am Montag veröffentlichten Halbjahresbericht der OECD.

Auch für Europa erwarten die Experten geringere Ausgaben der Konsumenten. Die Europäer würden derzeit besonders kräftig sparen, da viele um ihren Arbeitsplatz fürchten. Allerdings könnte Europa eine Rezession erspart bleiben. In Europas größter Volkswirtschaft Deutschland war der wichtige ifo-Geschäftsklimaindex im Januar und Februar wieder leicht gestiegen, hatte sich im März jedoch wieder eingetrübt.

Gute Zeit, Aktien zu kaufen?

Selbst die sonst so konsumfreudigen Amerikaner treten kräftig auf die Bremse. In den USA ist das Vertrauen der Konsumenten auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Der Index für den Monat März sei von 64,8 auf 62,5 Punkte gefallen, hatte das Conference Board in der vergangenen Woche berichtet. Dies war der vierte Rückgang in Folge.

Doch US-Analysten gewinnen den eher deprimierenden Daten auch positive Seiten ab. Jedesmal, nachdem der Vertrauensindex so tief gefallen sei, hätten sich die US-Indizes im Folgejahr deutlich erholt: Daher sei jetzt eine gute Gelegenheit, Aktien zu kaufen.

Rückgriff auf die Geschichte

Zumindest der Blick auf die jüngere Vergangenheit scheint diese These zu stützen. Im Oktober 1974 war das Vertrauen der Konsumenten ebenfalls am Boden, doch im Folgejahr legte der Dow Jones rund 25 Prozent zu. Im April 1980 notierte der Vertrauensindex wie heute nur knapp über 60 Punkten. Im Jahr 1981 verzeichnete der Dow dann einen Anstieg von 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Februar 1982 war das Verbrauchervertrauen erneut unter den Wert von 63 Punkten gefallen: Im August desselben Jahres begann ein langjähriger Bullenmarkt.

Auch der erste Golfkrieg hatte für einen Einbruch beim US-Verbrauchervertrauen gesorgt. Nachdem irakische Truppen in Kuwait einmarschiert waren, fiel der Vertrauensindex im November 1990 auf 62 Punkte. Nach Beginn der "Operation Desert Storm" im Januar 1991 blieb das Vertrauen der US-Konsumenten zwar auf niedrigem Niveau, der Dow Jones legte bis Jahresende jedoch rund 13 Prozent zu.

Ob die Optimisten auch diesmal Recht behalten, bleibt fraglich. Einige wichtige Kennzahlen sprechen gegen eine rasche Erholung an den Märkten. Das weltweit schwache Wachstum und die hohe Verschuldung der USA könnten eine deutliche Erholung an den Börsen selbst dann verhindern, wenn Unternehmen und Verbraucher wieder mehr Mut schöpfen.



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