Konjunktur US-Industrieproduktion bricht weiter ein

Die US-Wirtschaft kämpft mit den Folgen der globalen Konjunkturkrise: Die Produktion der amerikanischen Industrie ist gegenüber dem Vormonat um 1,4 Prozent gefallen. Fed-Chef Ben Bernanke bleibt dennoch optimistisch - zum Jahresende werde der Abschwung ein Ende finden.


New York/Washington - Die Daten der US-Notenbank Fed gelten als zuverlässiger Indikator: Sie lassen schon zu Beginn eines jeden Monats sichere Prognosen zu, wie sich die Industrieproduktion entwickeln wird. Die Lektüre der Statistiken bereitet indes derzeit wenig Freude. Im gesamten verarbeitenden Gewerbe der USA sank der Ausstoß um 1,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie die US-Notenbank am Montag mitteilte.

Baustelle in den USA: Durch den globalen Charakter der Krise belastet
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Baustelle in den USA: Durch den globalen Charakter der Krise belastet

Der Rückgang viel deutlicher aus als die Experten erwartet hatten. So hatten Volkswirte lediglich mit einem Rückgang der Industrieproduktion um 1,0 Prozent gerechnet. Auch die Kapazitätsauslastung der Industrie - ein Indiz für brach liegendes Kapital - gibt Anlass zur Sorge: Sie lag bei 70,9 Prozent. Experten hatten hingegen mit 71,3 Prozent gerechnet.

Die Produktion habe im Januar 2008 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und sei seitdem um 11,4 Prozent gefallen, heißt es in einer ersten Analyse der Commerzbank. Der Ausblick für die Industrie bleibe negativ, vor allem wegen des noch sehr hohen Lagerbestands der Unternehmen und des schwachen Außenhandels.

Auch die UniCredit glaubt nicht an eine schnelle Erholung. In den kommenden Monaten werde die US-Industrieproduktion sinken, glauben die Analysten. Die Industrie werde durch den globalen Charakter der Krise belastet. So gerate auch die Exportnachfrage weiter unter Druck. Die Schwäche im Bausektor weite sich vom Häusermarkt auf andere Bereiche aus. Die Ausrüstungs- und Softwareinvestitionen seien mit atemberaubenden Raten gesunken.

Hilfsprogramm für den Mittelstand

Ausländische Investoren zogen derweil so viel Kapital aus den USA ab wie nie. Netto verbuchte die größte Volkswirtschaft der Welt im Januar einen Rekord-Abfluss von 148,9 Milliarden Dollar, wie das US-Finanzministerium mitteilte. Im Dezember hatte es noch einen Zufluss von 86,2 Milliarden Dollar gegeben.

Gleichwohl bleibt US-Notenbankchef Ben Bernanke optimistisch, dass bis 2010 das schlimmste überstanden sein wird. "Nächstes Jahr werden wir eine Erholung erleben", erklärte er in einem am Sonntagabend ausgestrahlten Interview des TV-Senders CBS. Die Gesundung der Wirtschaft hänge aber von einer Stabilisierung des Finanzsystems ab. Das größte Risiko sei mangelnder politischer Wille, die Probleme zu lösen.

Doch an der notwendigen Entschlossenheit mangelt es US-Präsident Barack Obama offensichtlich nicht. Im Kampf gegen die Wirtschaftskrise will er jetzt auch kleinen und mittleren Unternehmen mit einem Hilfsprogramm unter die Arme greifen. Dafür sind nach Informationen aus dem Weißen Haus 730 Millionen Dollar aus dem bereits verabschiedeten Konjunkturpaket geplant, in Form von Hilfen bei Zinsbelastungen und für staatliche Kreditbürgschaften. Einzelheiten des Programms will Obama gemeinsam mit Finanzminister Timothy Geithner noch am Montag vorstellen.

Geplant sind dem Vernehmen nach auch weitere Maßnahmen zur Stärkung der Liquidität in der Kreditwirtschaft, da mittelständische Unternehmen über Schwierigkeiten klagen, an Kredite für Investitionen zu gelangen. Obamas Wirtschaftsberater Lawrence Summers bestätigte, dass eine Ankündigung vorbereitet werde. Einzelheiten nannte er jedoch nicht.

"Grüne Sprösslinge" der Erholung

"Das ist ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Giovanni Coratolo, Leiter der Mittelstandsabteilung in der US-Handelskammer. Die geplanten Maßnahmen würden die Banken veranlassen, wieder mehr Kredite für den Mittelstand bereitzustellen. "Viele kleine Unternehmen werden davon profitieren." Etwa 70 Prozent der Arbeitnehmer in den USA sind Schätzungen zufolge bei Klein- und Mittelbetrieben beschäftigt.

Die Stabilisierung des Bankensystems hält auch Bernanke für den entscheidenden Faktor für eine Trendwende. "Eine Erholung wird sich nicht einstellen, solange sich Finanzmärkte und Banken nicht stabilisieren", sagte Bernanke in dem CBS-Interview. Dank der Maßnahmen der Federal Reserve gebe es aber in einigen Märkten bereits "grüne Sprösslinge" der Erholung. "Wir werden nicht zur Vollbeschäftigung zurückkehren", sagte er. "Aber wir werden, so hoffe ich, das Ende dieses Abschwungs erleben, der über die vergangenen Quartale so kräftig gewesen ist."

Die Märkte hatten weltweit auf Bernankes Äußerungen reagiert. Der deutsche Leitindex Dax Chart zeigen folgte am Montag den Vorgaben der Börsen aus Asien und beendete den Handel mit 2,3 Prozent im Plus bei 4045 Punkten. "Die Tatsache, dass die Wall Street am Ende doch noch einen Endspurt hingelegt hat, sowie die Äußerungen von Fed-Chef Ben Bernanke haben den Märkten auf die Sprünge geholfen", sagte ein Händler. Auch an der New Yorker Börse ging es zunächst aufwärts.

Bernanke warb um Geduld, bis sich die Wirkung der Regierungsmaßnahmen im Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise entfaltet. Das im Herbst vorigen Jahres verabschiedete 700 Milliarden Dollar (543 Milliarden Euro) schwere US-Paket zur Bankenrettung habe "eine mögliche globale Finanz-Kernschmelze" abgewendet. Damals habe sich die Welt in einer "sehr gefährlichen Situation" befunden, sagte Bernanke. Die Gefahr, dass es erneut zu einer Wirtschaftsdepression wie in den dreißiger Jahren komme, sehe er als abgewendet. "Das haben wir hinter uns", erklärte er.

mik/Reuters/dpa-AFX/dpa



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