Konjunktur Wie der Ukrainekrieg die deutsche Wirtschaft bremst

260 Milliarden Euro weniger Wertschöpfung und bis zu 150.000 weniger Jobs: Russlands Angriff auf die Ukraine kommt die deutsche Wirtschaft teuer zu stehen, zeigt eine neue Studie.
Ein Passant in Berlin: Wegen der gestiegenen Preise halten sich viele Konsumenten zurück

Ein Passant in Berlin: Wegen der gestiegenen Preise halten sich viele Konsumenten zurück

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Der Ukrainekrieg und die gestiegenen Energiepreise dürften der Wirtschaft in Deutschland über Jahre hinweg zusetzen: Die Bundesrepublik könnte bis 2030 mehr als 260 Milliarden Euro an Wertschöpfung verlieren – und auch auf dem Arbeitsmarkt wird es zu negativen Auswirkungen kommen. Das zeigt eine neue Studie, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung und der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung erstellt hat.

Immerhin dürften sich die Folgen für den Arbeitsmarkt wegen staatlicher Maßnahmen noch in Grenzen halten. Zwischen 2022 und 2028 dürften der Untersuchung zufolge durchschnittlich 150.000 Personen weniger beschäftigt sein.

Einer der großen Verlierer der jetzigen Situation wird laut der Studie erneut das Gastgewerbe sein, das bereits in der Coronavirus-Pandemie arg gebeutelt wurde und nun den Kaufkraftverlust der Bürger zu spüren bekommen dürfte. »Denn die geringeren Konsumausgaben der privaten Haushalte führen hier zu einem deutlich niedrigeren Bedarf an Erwerbstätigen«, heißt es in der Untersuchung.

Die Gastronomiebranche hatte eigentlich auf einen Boom nach der Pandemie gehofft, der nun ins Stocken gerät. So setzt der Gastronomie im Sommer oftmals noch ein Mangel an Personal zu. Dieser dürfte sich aber angesichts der tendenziell schwächeren Nachfrage langsam entspannen. Weitere Verlierer sind energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie und die Metallerzeugung.

Gesamtwirtschaftlich wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2023 der Untersuchung zufolge um rund 1,7 Prozent niedriger liegen, als hätte es den russischen Angriff auf die Ukraine nicht gegeben. »Das Wirtschaftswachstum wird insbesondere durch die gestiegenen Preise für fossile Rohstoffe abgeschwächt. Sie belasten sowohl die Exportwirtschaft als auch die Konsummöglichkeiten der privaten Haushalte.« Die Preisaufschläge für Importgüter wie fossile Brennstoffe, Metalle und Nahrungsmittel dürften sich erst mittelfristig abschwächen. Auch bei den Bauinvestitionen sei mit negativen Auswirkungen zu rechnen.

»Der Krieg lässt den Nach-Corona-Aufschwung in Deutschland ausfallen.«

IAB-Forscher Enzo Weber

»Der Krieg lässt den Nach-Corona-Aufschwung in Deutschland ausfallen«, sagte IAB-Forscher Enzo Weber, einer der Studienautoren. »Bei einer gravierenden Verschärfung der Energiekrise würde die Wirtschaft in die Rezession rutschen. Dann sollte es zusätzliche Hilfen geben, um die Produktion aufrechtzuerhalten und die Einkommen der Haushalte zu stützen. Falls es kurzfristig einen kompletten Energielieferstopp gibt, käme es zudem auf ein massentaugliches Kurzarbeitsinstrument an.«

Die Forscher verweisen allerdings darauf, dass die Berechnungen mit hohen Unsicherheiten verbunden sind – vor allem zum weiteren Kriegsverlauf und der Entwicklung der Energiepreise. Sollten die Energiepreise, die bislang um 160 Prozent nach oben geschossen sind, noch einmal doppelt so hoch liegen, wären die Auswirkungen wesentlich deutlicher: Dann würde die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr um fast vier Prozent niedriger ausfallen als ohne Krieg. Sogar im Jahr 2030 würde das Bruttoinlandsprodukt noch um ein halbes Prozent niedriger ausfallen. Auf dem Arbeitsmarkt würden unter diesen Annahmen nach drei Jahren 660.000 Personen – das sind 1,5 Prozent – weniger beschäftigt sein, 2030 wären es noch 60.000 Personen.

mic/Reuters
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