Konjunkturdelle Experten geben Entwarnung für den Arbeitsmarkt

Die deutsche Wirtschaft kann die Schwäche der Konjunktur gut abfedern. Nach Überzeugung von Experten bleibt der Arbeitsmarkt davon vorläufig noch unberührt. Im Gegenteil: Fachkräfte werden nach wie vor händeringend gesucht.


Düsseldorf - Schwierig wird es allenfalls in einigen Monaten. Denn der Arbeitsmarkt wird erst mit einer Verzögerung von rund sechs Monaten auf den konjunkturellen Einbruch reagieren, erklärte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, gegenüber der "Wirtschaftswoche".

Bauarbeiten am Frankfurter Bahnhof: Fachkräfte nach wie vor gesucht
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Bauarbeiten am Frankfurter Bahnhof: Fachkräfte nach wie vor gesucht

Unternehmen könnten es sich heutzutage wegen des Fachkräftemangels nicht mehr leisten, viel Personal zu entlassen. Als Reaktion auf den konjunkturellen Abschwung erwarte er, dass die Betriebe zunächst ihre Überstunden zurückfahren und Arbeitszeitkonten ausgleichen würden. Zu den Verlierern der Konjunkturschwäche zählte Hüther allerdings die Zeitarbeiter.

DIW-Präsident Zimmermann, sagte der "Bild"-Zeitung, inzwischen entstünden neue Jobs bereits ab 1,1 Prozent Wachstum. "Noch vor wenigen Jahren war knapp zwei Prozent Wachstum nötig, damit die Arbeitslosigkeit spürbar sinkt."

Nach Einschätzung des Wirtschaftsweisen Bert Rürup zeichnet sich hierzulande "ein breiter und tiefer konjunktureller Einbruch" bislang nicht ab. "Ich sehe eine spürbare Abschwächung, aber noch keinen Absturz der deutschen Wirtschaft, der die Bezeichnung Rezession rechtfertigen würde", sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in einem Gespräch mit der wöchentlichen Finanzpublikation "Capital Investor".

Für die Entwicklung am Arbeitsmarkt gebe es "zunächst einmal einen mittelbaren Effekt. Eine gebremste Güternachfrage aus dem In- und Ausland bremst den Beschäftigungsaufbau", erläuterte er.

Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Hubertus Schmoldt, beklagte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung", die konjunkturelle Lage in Deutschland werde "schlechtgeredet". Es gebe keine Rezession, sondern "allenfalls eine Konjunkturdelle, und das nach einer langen Phase Wachstums auf sehr hohem Niveau". Er könne nur vor Schwarzmalerei warnen.

Konjunkturprogramme nannte Schmoldt überflüssig. "Das kostet viel Geld, würde aber nur Strohfeuer bewirken." Auch Steuerschecks hätten in Japan und den USA wenig bewirkt. Der richtige Ansatz sei, das nicht gerechte System der kalten Steuerprogression zu reformieren. Davon würden vor allem die Arbeitnehmer profitieren.

Auch der stellvertretende CDU-Vorsitzende Roland Koch sprach sich gegen ein Konjunkturprogramm mit Steuer- und Abgabensenkungen aus. "Damit können wir unser Wohlstandsniveau nicht mehr signifikant steigern", sagte der geschäftsführende hessische Ministerpräsident der "Wirtschaftswoche". Statt eines Konjunkturprogramms setzt Koch auf eine Erhöhung und Verlängerung der Arbeitszeit.

mik/ddp



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Laotse, 24.07.2008
1. Zeitarbeit hat viele Gesichter
Zitat von sysopNicht nur in der freien Wirtschaft, auch bei Bund und Ländern werden immer mehr Zeitarbeitskräfte beschäftigt. Was meinen Sie, sind Zeitarbeitsmodelle ein geeignetes Instrument, um Arbeitslosigkeit zu verrringern?
"Arbeitslosigkeit" an sich ist schon lange nicht mehr das Problem und die Bundesregierung weiß das. Nicht 3,xx Millionen Menschen sind "arbeitslos", sondern 8,xx Millionen Menschen in Deutschland sind auf Fördermittel der Bundesanstalt für Arbeit angewiesen. Die zweite Zahl ist relevant. An der ersten hat Politik und Statistik schon viel zu lange herumgedoktert, als daß sie noch Aussagekraft über politische Schönwetterreden hinaus hätte. Zeitarbeit "schafft" nur dort neue Arbeitsplätze, wo zuvor zu wenig Lohn bereitstand um Arbeitnehmer zu bekommen. Bei der Umwidmung bereits vorhandener Arbeitsplätze in Billigarbeitsplätze ist sie jedoch weit wichtiger. Damit hat sie natürlich ein Imageproblem in der deutschen Gesellschaft. Von ihrem ursprünglichen Zweck, Auftragsspitzen abzudecken, hat sie sich leider längst unter kräftiger politischer Schützenhilfe "emanzipiert".Ihr Umsatz und ihre Bedeutung ist dabei aber so weit gestiegen, daß sie von politischer Seite kaum noch Querschüsse befürchten muß.
Rainer Daeschler, 24.07.2008
2.
*Ministerien beschäftigen immer mehr Billigkräfte* "Eingesetzt werden die Billiglöhner in sämtlichen Bereichen der Verwaltung: In Sekretariaten, Telefonzentralen, der Liegenschaftsverwaltung sowie für Pförtner- oder Botendienste." http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,567678,00.html ------------ Geheimhaltung ist bei der Bundesregierung jetzt wohl völlig "out"?
gregor sander 24.07.2008
3.
Zitat von sysopNicht nur in der freien Wirtschaft, auch bei Bund und Ländern werden immer mehr Zeitarbeitskräfte beschäftigt. Was meinen Sie, sind Zeitarbeitsmodelle ein geeignetes Instrument, um Arbeitslosigkeit zu verrringern?
Die niedrigen Löhne, die ZAFs zahlen, sind ein Hindernis dafür, diese als Instrument zu entwickeln, um den Einstieg in normale Arbeitsverhältnisse zu finden. ZAFs werden heute nicht nur aufgrund der Flexibilität (Auftragsspitzen personell abdecken) eingesetzt, sondern auch aufgrund der geringen Personalkosten.
Triakel 24.07.2008
4.
Zitat von sysopNicht nur in der freien Wirtschaft, auch bei Bund und Ländern werden immer mehr Zeitarbeitskräfte beschäftigt. Was meinen Sie, sind Zeitarbeitsmodelle ein geeignetes Instrument, um Arbeitslosigkeit zu verrringern?
Zeitarbeit ist in einer Minderheit der Fälle einstiegsfördernd, in der Mehrheit der Fälle ausbeuterisches Lohndumping.
kathrin_erlenbacher, 24.07.2008
5. Wahnsinn, doch so viele
Da beschäftigen die Bundesministerien und der Bundestag zusammen 225,7 Zeitarbeitskräfte..Wahnsinn. Wenn die Bundesregierung und deren Mitarbeiter in Gänze so mit den anvertrauten Steuermitteln umgehen würde, wäre alles bestens.
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