Konjunkturindikator Finanzmärkte erwarten Abschwung

Der ZEW-Index für Konjunkturerwartungen ist erneut gesunken. Nach Einschätzung der befragten Finanzmarktexperten steht der deutschen Wirtschaft eine merkliche Konjunkturabkühlung bevor. Gründe seien unter anderem der starke Euro und der hohe Ölpreis.


Mannheim - Die ZEW-Index für Konjunkturerwartungen sank im Juni um 12,2 Punkte auf 37,8 Punkte und damit den fünften Monat in Folge, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim mitteilte. Damit blieb der Index nur knapp über seinem historischen Mittelwert von 35,3 Punkten. Volkswirte hatten im Durchschnitt mit 45,0 Zählern gerechnet. Die aktuelle Konjunktursituation beurteilten die befragten Finanzexperten wegen der günstigen Entwicklung der Exporte und der Industrieproduktion dagegen positiver: Dieser Index stieg von 8,7 Zählern auf 11,9 Punkte.

Vor allem der anhaltend hohe Ölpreis und der starke Euro dürften dem ZEW zufolge den Aufschwung beeinträchtigen. Der Ölpreis hält sich mit 70 Dollar pro Barrel seit Wochen nahe seinem Rekordhoch, während der Euro zeitweise auf knapp 1,30 Dollar und damit den höchsten Stand seit einem Jahr stieg. Der hohe Ölpreis entzieht den privaten Haushalten Kaufkraft und schmälert die Unternehmensgewinne. Der starke Euro verschlechtert die Exportaussichten.

Auch die Mehrwertsteuererhöhung 2007 wird dem ZEW zufolge zum Belastungsfaktor. Bislang einkalkulierte Vorzieheffekte beim privaten Konsum näherten sich ihrem Ende, hieß es. ZEW-Präsident Wolfgang Franz machte zudem die Politik der Großen Koalition für die eingetrübten Perspektiven mitverantwortlich. "Angesichts einer Reihe von Irritationen und Fehlentwicklungen in der Wirtschaftspolitik - wie etwa Antidiskriminierungsgesetz, Mehrwertsteuererhöhung, Reichensteuer - setzt sich die Ernüchterung bei den Finanzanalysten fort", sagte er. Ohne Korrektur drohe die Stimmung gänzlich umzuschlagen.

"Klassischer Abschwung"

HVB-Volkswirt Andreas Rees sieht in den gesunkenen Konjunkturerwartungen bei gleichzeitig positiver Lagebeurteilung einen klassischen Abschwung bevorstehen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte sich 2006 lediglich um rund 1,5 Prozent erhöhen und nicht wie von Optimisten erwartet um zwei Prozent oder mehr. Von der Politik kommt der DekaBank zufolge kein Rückenwind. "Wir kommen mit wichtigen Reformen nicht voran", sagte Volkswirt Andreas Scheuerle. Deutschland erreiche den Zenit seiner Konjunkturerholung deshalb schon im laufenden zweiten Quartal.

Das ZEW befragt Anleger und Analysten nach ihren mittelfristigen Erwartungen zur Konjunktur- und Kapitalmarktentwicklung. Der Index gibt die Differenz der positiven und negativen Einschätzungen für die künftige Wirtschaftsentwicklung in Deutschland auf Sicht von sechs Monaten wieder. An der monatlichen Umfrage beteiligten sich im Juni 303 Analysten und institutionelle Anleger.

itz/dpa-AFX



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