Konjunkturprognose 2005 Deutschland schon wieder Schlusslicht in Europa

Während die Politik noch über Konjunkturprogramme nachdenkt, präsentieren Wirtschaftsforscher deprimierende Zahlen: Nach Berechnungen zweier Institute wird Deutschland 2005 beim Wachstum abermals schlechter abschneiden als alle anderen Länder im Euro-Raum. Da hilft auch nicht, dass die Exporte zuletzt noch einmal angezogen haben.


Kiel/München - Die Kieler Forscher vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwarten in ihrer heute veröffentlichten Prognose im Schnitt 1,4 Prozent Wachstum für die zwölf Staaten der Euro-Zone. Spitzenreiter der Euro-Länder wird 2005 demnach Irland mit 4,3 Prozent Plus beim Bruttoinlandsprodukt sein. In Deutschland hingegen werde die Wirtschaft nur um 0,6 bis 0,8 Prozent wachsen, prognostizieren die Kieler.

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Auch nach Einschätzung des Münchner ifo Instituts wird Deutschland in diesem Jahr bei der Konjunktur im Euroraum Schlusslicht sein. Über den Zeitraum der vergangenen zehn Jahre hätte Deutschland damit von allen Ländern West- und Mitteleuropas im Schnitt das schwächste Wachstum aufgewiesen, sagte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Donnerstag in München. Lediglich Länder wie Rumänien und Bulgarien hätten noch niedrigere Raten. "Auch Deutschland hat derzeit einen kleinen Aufschwung, er befriedigt uns nicht, weil er zu schwach ist."

IfW: Arbeitslosenzahl 2005 bei 4,64 Millionen

Anders als andere Forschungsinstitute, die in den vergangenen Tagen ihre Erwartungen für die deutsche Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr gesenkt hatten, hielt Sinn aber an der ifo-Konjunkturprognose fest. "Unsere letzte Prognose ist 1,2 Prozent und dabei bleibt es vorläufig."

Um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können, seien längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich ein sinnvolles Mittel, sagte er. "Ich würde meinen, wenn man von 38 Stunden tarifliche Arbeitszeit auf 42 geht, ist das machbar." Dadurch würden sich die Lohnkosten in Deutschland um zehn Prozent verringern.

Das IfW hatte bereits gestern mitgeteilt, die Lage auf dem Arbeitsmarkt werde sich 2005 nicht grundlegend ändern. In der Prognose wird die durchschnittliche Erwerbslosenzahl für 2005 auf 4,64 Millionen geschätzt - nach 4,38 Millionen im vergangenen Jahr. "Für die Unternehmen gibt es nur wenig Anlass, ihre Investitionen und ihre Nachfrage nach Arbeitskräften zu steigern, da die Abgabenlast im Vergleich zum Ausland beträchtlich ist und die Arbeitskosten nach wie vor hoch", schreiben die Forscher des Instituts.

Kräftiges Export-Plus im Januar

2006 rechnen sie beim Bruttoinlandsprodukt mit 1,3 Prozent Zuwachs. Eine große Dynamik sei jedoch auch 2006 nicht zu erwarten. Die "fundamentalen Wachstumsbedingungen" in Deutschland hätten sich trotz Reformen kaum verbessert. Die Reformen etwa auf dem Arbeitsmarkt hätten "lediglich verhindert, dass die Wachstumsrate weiter abnimmt".

Unterdessen wurde bekannt, dass die deutschen Ausfuhren zu Jahresbeginn kräftig gestiegen sind. Die Exporte erhöhten sich im Januar saisonbereinigt um 6,1 Prozent zum Vormonat, nach einem Rückgang von 4,2 Prozent im Dezember, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden nach vorläufigen Berechnungen mitteilte. Mit einem Wert von 60,7 Milliarden Euro wurde das Vorjahresniveau um 9,5 Prozent übertroffen. Die Einfuhren erhöhten sich um 6,6 Prozent zum Dezember und um 10,6 Prozent zum Vorjahr auf 47,5 Milliarden Euro.

"Die heutigen Zahlen zeigen, dass die deutsche Wirtschaft von der guten Weltkonjunktur weiterhin erhebliche positive Impulse erhält", sagte Volkswirt Ralph Solveen von der Commerzbank. Der Export bleibe die "wichtigste Konjunkturstütze".

Die HypoVereinsbank warnte dagegen davor, die Januar-Zahlen überzubewerten. "Erstens war eine Reaktion auf die schwachen Zahlen im Dezember zu erwarten gewesen", sagte Volkswirt Thomas Hueck. "Zweitens bleibt der bedeutendere Drei-Monats-Durchschnitt unter seinem im November erreichten Höhepunkt." Drittens verliere der Welthandel an Dynamik.



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