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22. Dezember 2008, 15:08 Uhr

Konjunktursorgen

Fast jeder dritte Mittelständler will Stellen abbauen

Die schlechte Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat den Mittelstand erfasst: Jedes dritte Unternehmen rechnet im kommenden Jahr mit Stellenabbau. Gleichzeitig erwartet das Forschungsinstitut IfW den größten Wirtschaftseinbruch seit dem Bestehen der Bundesrepublik.

Hamburg - Nach den Großen erwischt es jetzt auch die Kleineren: Wegen der schlechten Wirtschaftslage will fast jeder dritte Mittelständler Jobs abbauen. Rund 31 Prozent der Firmen planen einen Stellenabbau - das sind doppelt so viele wie ein Jahr zuvor, berichtete die Union Mittelständischer Unternehmen (UMU) am Montag in München. Fast 60 Prozent wollen die Beschäftigtenzahl aber stabil halten.

Baustelle in Hamburg: Die Baubranche trifft es besonders hart
DPA

Baustelle in Hamburg: Die Baubranche trifft es besonders hart

Damit ist der Pessimismus auch im Mittelstand angekommen: 59,2 Prozent der befragten Unternehmen erwarten eine Verschlechterung der allgemeinen Wirtschaftslage in den nächsten neun Monaten, nur 6,3 Prozent eine Verbesserung. Die gegenwärtige Lage bezeichnen zwar noch 19,9 Prozent als gut - vor einem Jahr waren dies allerdings noch 56,8 Prozent. 56,4 Prozent schätzen die Lage als mäßig ein, 23,7 Prozent als schlecht.

"Schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges"

UMU-Präsident Herrmann Sturm zeigte sich dennoch positiv überrascht von den Ergebnissen der Umfrage. Er hätte Schlimmeres erwartet, sagte er. "Wir haben einen real begründeten Optimismus in der Krise." Insgesamt habe die Umfrage ähnliche Werte wie 2005 ergeben - und damals habe niemand von einer Krise geredet sondern nur von einer Delle, sagte er. Die aktuellen Kassandrarufe der Wirtschaftsinstitute träfen auf den Mittelstand nicht zu. Er trotze der Krise.

Dass sich die Konjunkturaussichten dennoch deutlich verschlechtert haben, zeigt die neuste Prognose des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW): Für 2009 sei von einem Wachstum der Weltproduktion um nur noch 0,4 Prozent auszugehen, teilte das Institut am Montag mit. Im September wurde noch ein Plus von 3,3 Prozent veranschlagt. In den Industrieländern dürfte die Wirtschaftsleistung sogar um 1,8 Prozent schrumpfen. Dies wäre die schwerste Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Entsprechend senkte das IfW auch für Deutschland seine Konjunkturprognose drastisch. Nachdem für 2009 bislang noch von einem leichten Wachstum von 0,2 Prozent ausgegangen wurde, wird nunmehr ein Minus von 2,7 Prozent veranschlagt. Für 2010 rechnen die Forscher dann wieder mit einem leichten Plus von 0,3 Prozent. Das Minus im Jahr 2009 wäre damit dreimal so groß wie im bisher schlechtesten Wirtschaftsjahr in der Geschichte der Bundesrepublik: 1975 ging das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 Prozent zurück.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) rechnet wegen der Wirtschaftskrise weltweit mit bis zu 25 Millionen Arbeitslosen mehr. Allein in der OECD-Zone würden bis dahin etwa acht bis zehn Millionen Arbeitsplätze verlorengehen, sagte OECD-Chef Angel Gurría am Montag im französischen Radiosender BFM. Besonders schlimm betroffen sei die Baubranche, die durch die weltweite Krise "auf brutale Art" zum Erliegen gekommen sei. Länder wie Spanien und Irland habe es besonders hart getroffen.

"Wirtschaft bereits jetzt tief in der Krise"

Trotz aller Anstrengungen durch Regierungen und Notenbanken dürfte sich die Weltwirtschaft noch geraume Zeit auf Talfahrt befinden, begründen die Forscher ihre Einschätzung. Nach einem sehr schwachen Jahr 2009 sei mit einer nur zögerlichen Belebung zu rechnen.

Die Wirtschaft steckt nach Einschätzung der Forscher bereits jetzt tief in der Krise. "Für das Winterhalbjahr 2008/2009 ist ein Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion wahrscheinlich", schrieben die Experten. Im Herbst dürfte die Wirtschaft um 4,5 Prozent gesunken sein, für den Jahresauftakt 2009 erwarten die Experten sogar ein Minus von 5,0 Prozent. Auch im weiteren Jahresverlauf werde die Produktion in der Tendenz sinken, auch wenn es zeitweise leichte Anstiege geben werde, wenn die großen Unternehmen ihre Fabriken wieder in Betrieb nähmen.

Besonders die Exporte dürften im kommenden Jahr deutlich stärker einbrechen als die Einfuhren. Hier mache sich die Abschwächung der Weltkonjunktur zunehmend bemerkbar, schrieben die Forscher. Die Binnennachfrage werde dagegen die Konjunktur stützen. Dabei setzen die Kieler Experten auf einen Anstieg des privaten Konsums um 0,5 Prozent.

Ungebremste Kauflaune

Während sich die Kauflaune zum Weihnachtsfest trotz der Finanzkrise noch einmal verbesserte, beurteilen die Bundesbürger die weitere Wirtschaftsentwicklung erneut skeptischer als im Vormonat, wie aus der am Montag veröffentlichten GfK-Konsumklimastudie für Dezember hervorgeht. Die Konjunkturaussichten schätzen die Verbraucher erneut schlechter ein. Das entsprechende Barometer sank im Dezember auf minus 32,4 Zähler, das sind 2,3 Punkte weniger als im November.

Experten sind skeptisch, was das neue Jahr angeht: "Es ist klar, dass die Verbraucher realisieren, dass das Einkommen nächstes Jahr nicht mehr so rosig sein wird. Die verschlechterte Konjunkturlage wird sich allerdings wohl erst Ende kommenden Jahres deutlich auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen", sagt Analyst Simon Junker von der Commerzbank. Der private Verbrauch wird nach Einschätzung des Experten nächstes Jahr um rund ein Prozent einbrechen.

sam/AP/dpa

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